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medico Rundschreiben 2/2007


Ein republikanischer Klub

Das 3. Symposium der stiftung medico debattiert Alternativen
 



 

Von oben nach unten: Eberhard Jüttner, Sven Giegold, Horst Schmitthenner, Katja Maurer, Thomas Seibert. Foto: medico

Zum dritten Mal lud die stiftung medico am Freitag vor Pfingsten zum Symposium nach Frankfurt. Diesmal fanden über achtzig Freundinnen und Freunde medicos den Weg ins Bürgerhaus Gutleut, um gemeinsam eine "Annäherung an eine konkrete Utopie" zu wagen. Gleich mehrere der Stifterinnen und Stifter waren unter den Gästen und mit ihnen viele andere altvertraute wie gerade erst gewonnene Mitstreiter ganz unterschiedlicher Herkunft und Profession: ein "republikanischer Club" im besten Sinn des Worts. Dass die Utopie, der das Symposium auf die Spur kommen wollte, unter dem denkbar spröden Begriff einer sozialen Infrastruktur zur Debatte stand, kann als Zeichen der Zeit gelesen werden. Schließlich ist es gerade erst zehn Jahre her, als Maggie Thatchers Diktum "There is no alternative!" den utopischen Geist selbst ein für alle Mal verabschieden wollte. Der hat sich mit dem Satz "Eine andere Welt ist möglich!" zwar bald wieder zurückgemeldet. Doch muss sich dieser Satz wenigstens auf mittlere Sicht nicht nur im Prinzip, sondern auch im Detail bewähren.

Die Unumgänglichkeit utopischen Geistes

Elf Millionen Kinder, so erinnerte Prof. Oliver Razum gleich zu Beginn der Debatte, sterben jährlich an Krankheiten wie der Polio, an Krankheiten also, die in anderen Weltgegenden längst behandelt werden können. Da klingt es gut, wenn die Bill Gates-Stiftung jährlich eine Milliarde Dollar für Impfprogramme zur Verfügung stellt. In seiner Kritik an der großen Geste des kalifornischen Wohltäters wies der Bielefelder Gesundheitswissenschaftler dann aber nach, dass eine nachhaltige Lösung ohne utopischen Geist nicht zu haben ist. Denn der bloß technische Zugriff einer ausschließlich an "Effizienz" orientierten Medizin wird dem eigentlichen Problem nicht einmal im Ansatz gerecht, weil dem millionenfachen Tod in den arm gehaltenen Ländern des Südens mit der "Ausrottung" eines Krankheitserregers gar nicht beizukommen ist: nicht einmal im Fall der Polio. Zu sprengen wäre stattdessen der politisch und ökonomisch, nicht aber virologisch begründete Zirkel, nach dem arm wird, wer krank ist, und krank wird, wer arm ist. Deshalb, so Razum, darf nicht nur in Impfkampagnen, sondern muss in Gesundheitssysteme investiert werden, die wirklich allen und besonders den Armen offen stehen. Dazu aber muss Gesundheit politisch als Globales Öffentliches Gut verstanden und in einem Ressourcentransfer von Nord nach Süd finanziert werden – auch wenn das nach Lage der Dinge utopisch klingt. Dabei geht es um einen Ressourcentransfer, der kein Gnadenakt, sondern die praktische Anerkennung eines Rechtsanspruchs wäre.

Alternativen entwickeln

Der kritischen Bestandsaufnahme der Weltgesundheitslage, die Prof. Peter Schönhöfer aus Bremen mit einer eindrucksvollen Analyse der "Innovationsunfähigkeit der Pharmaindustrie" vertiefte (siehe nebenstehende Auszüge), folgten alternative Optionen einer solidarischen Sicherung des Lebens. Dagmar Embshoff von der Bewegungsakademie umriss die Möglichkeiten einer "Solidarischen Ökonomie", in der die vielfältigen Erfahrungen gewerkschaftlicher Genossenschaften, aber auch der "Alternativbewegung" der 1970er und 1980er Jahre ihre zeitgemäße Weiterentwicklung finden. Im Anschluss entwickelte der Soziologe Prof. Heinz Steinert Grundzüge einer Infrastruktur der Gesundheit, der Bildung und des kommunalen Lebens, die im Unterschied zu den überkommenen Sozialsystemen nicht mehr aus den Sozialbeiträgen der Lohnarbeit, sondern aus dem gesamtgesellschaftlichen Reichtum finanziert und dadurch zu einer bedingungslos jeder und jedem Einzelnen garantierten Grundsicherung wird.

Es liegt auf der Hand, dass selbstorganisierte Solidarökonomien und eine gesellschaftlich garantierte "Infrastruktur des guten Lebens für alle" in ihren Möglichkeiten aufeinander verweisen – und politisch wohl nur gemeinsam durchzusetzen sein werden.

Was tun?

Eine erste Antwort auf die dringliche Frage, wie die Durchsetzung einer solchen konkreten Utopie praktisch angegangen werden kann, gab Katja Maurers Bericht von der Arbeit des medico-Partners Gonoshasthaya Kendra. Die Gesundheitsorganisation aus Bangladesh stellt in einer solidarökonomischen Pharmafabrik qualitativ hochwertige und trotzdem billige Medikamente her, versorgt mit ihren Basisgesundheitsdiensten über eine Million Menschen und streitet im globalen People’s Health Movement zugleich für das Recht aller Menschen auf ein gutes Leben.

Das dritte Podium ging der Entwicklung gesellschaftlicher Alternativen dann im Blick auf die hiesigen Verhältnisse nach. Einig waren sich Dr. Eberhard Jüttner vom Paritätischen Wohlfahrtsverband, Horst Schmitthenner von der IG Metall und Sven Giegold von attac darin, dass der neoliberalen Herausforderung – so Eberhard Jüttner – nur durch den Versuch begegnet werden kann, "Sozialpolitik in ihrer Gesamtheit zu begreifen." Für Horst Schmitthenner hängt die Durchsetzung einer derart integralen Sozialpolitik dann aber an einer "konzertierten Aktion" aller sozialen Bewegungen. Schmitthenner verwies zugleich darauf, wie schwierig für abhängig Beschäftigte hierzulande das Eintreten für global möglicherweise sinnvolle Arbeitsteilung sei. Solange die Angst regiere, nach einem Jahr Arbeitslosigkeit bei Hartz IV zu enden und alles zu verlieren, wofür man sein ganzes Leben lang gearbeitet habe, sei es sehr schwer über den eigenen Tellerrand hinaus zu schauen. Auch Eberhard Jüttners Einwurf über die verheerenden Gesundheitszahlen in Sachsen-Anhalt, nach denen jedes 3. Kind unterhalb der Armutsgrenze lebt, die Lebenserwartung am niedrigsten und das Tumorrisiko um ein vielfaches höher liegt, als im reicheren Teil Deutschlands, verdeutlichte ein Näherrücken von sozialen Verhältnissen der Angst. Nichtsdestotrotz, weltweit beschäftigen sich, so Giegold, etwa 50 verschiedene Netze damit, konkrete Alternativen zur neoliberalen Globalisierung zu entwickeln: Seien das nun globale Steuersysteme oder alternative nichtprivatisierende Anreizsysteme für Forschung zum Wohle der Menschen. Woran sich letztlich Auseinandersetzungen entzünden, in denen dann diese Alternativmodelle tatsächlich zum Tragen kämen, bliebe abzuwarten, meinte Giegold. Dass sie eines Tages Bedeutung erlangen werden, das schien ihm bei allem utopischen Diskurs, nicht ausgeschlossen.

Fortsetzung folgt, auch beim nächsten Stiftungssymposium von medico international.

Thomas Seibert

stiftung medico international

Zweieinhalb Jahre nach ihrer Gründung ist das Vermögen der Stiftung auf 1.789.000 € angewachsen. Rund 60 Stifterinnen und Stifter haben mit ihren Einlagen diese Summe möglich gemacht. Für die Förderung der medico-Arbeit stehen damit in diesem Jahr 61.000 € aus der Zinsausschüttung zur Verfügung. Diese Mittel fließen u.a. in die psychosoziale- und Gesundheitsprojektarbeit.

Mehr Informationen zur Stiftung finden Sie im Internet unter www.stiftung-medico.de oder wenden Sie sich an unsere Mitarbeiterin Gudrun Kortas, Tel. 069/944 38-28.

 

Viel Lärm um Nichts

Auszug aus dem Redebeitrag von Prof. Dr. Schönhöfer über die Innovationsunfähigkeit der deutschen Pharmaindustrie

Will man verstehen, warum die Pharmaindustrie unter den Bedingungen der Globalisierung und infolge einer Kette von strukturellen Fehlentscheidungen ihres Managements zunehmend innovationsunfähig wird, muss man zunächst an ihre Geschichte erinnern. Denn entwickelt hat sie sich aus ihrem erfindungsreichen Kampf gegen die Tropenkrankheiten: die ersten erfolgreichen Medikamente gegen die Malaria z.B. stammen nicht aus dem wissenschaftlichen Bereich, sondern sind Erfindungen der Industrie, die in ihrer Hochzeit der Träger des wissenschaftlichen Fortschritts war. Diese Erfolgsgeschichte ist aufgegeben worden, als die Pharmakonzerne dem Marketing den Vorrang vor der Forschung einräumten. Damit haben sie nicht nur ihre eigene Forschungskapazität abgebaut, sondern auch die der Wissenschaft korrumpiert, die sich zunehmend daran gewöhnte, für Marketingaufgaben von den Konzernen alimentiert zu werden.

Wesentliche Fehlentscheidungen des Managements fielen zwischen den 1960er und 1980er Jahren. Zuerst wurden Forscher und Wissenschaftler auf der Leitungsebene der Industrie durch Wirtschafts- und Marketingexperten ersetzt. Deren Verträge haben kurze Laufzeiten, ihre Bezahlung richtet sich nach der Höhe der in dieser Zeit erzielten Rendite. Die Folge: Vor den 1960er Jahren waren grundlegende Forschungsprojekte über lange Zeiträume möglich, üblich und entsprechend langfristig finanziert, danach nicht mehr.

Der zweite Fehler bestand im Abbau der Grundlagenforschung. Hoechst ist dafür ein gutes Beispiel: Nur drei Jahre nach Einstellung der eigenen Grundlagenforschung hatte der 1984 noch weltweit größte Pharmahersteller kein einziges neues Produkt mehr. Der Kompetenzverlust zwang das Management, die Produktentwicklung gänzlich auszulagern.

Marketing statt Forschung       Nachdem das Geschwätz der Manager untereinander zu der Annahme führte, dass Innovationen nur noch in den USA erwartet werden konnten, beschlossen Hoechst, aber auch Bayer um 1985, ihre Forschung in die USA zu verlagern. Der Schritt zahlte sich nicht aus, die amerikanischen Dependancen wurden aufgelöst, die Forschung weiter zurückgefahren. Heute werden 40% der Einnahmen in das Marketing, aber nur noch 10% in die Forschung und Entwicklung investiert. Folgerichtig wird nur noch auf erfolgreiches Marketing ausgerichtete Produktentwicklung betrieben, also keine Forschung mehr, die Gesundheitsprobleme angeht.

Zugleich wurden die Qualitätsstandards auch in der öffentlich finanzierten, doch von Zusatzfinanzierungen der Industrie abhängigen Forschung auf die Bedürfnisse der Industrie zugeschnitten. Die Grundlagenforschung wurde aufgegeben, und damit einherging auch der Verlust, überhaupt zur Grundlagenforschung imstande zu sein. Das führte zur Lahmlegung der Innovationsfähigkeit. Heute werden neue Produkte nicht mehr selbst entwickelt, sondern allein unter dem Gesichtspunkt der Profitschöpfung bei kleinen, oft unbedarften Auftragsinstituten gekauft: Hat ein Konkurrent auf dem Markt Erfolg, kauft man schnell eine vergleichbare Substanz nach. Deshalb sind 420 der 460 neuen Substanzen, die in der Zeit von 1990 bis 2005 auf den Markt gebracht wurden, reine Scheininnovationen, deren einziger Vorteil darin liegt, patentfähig und damit teurer zu sein als das Vorgängerprodukt. So reduziert sich der medizinisch ernst zu nehmende Ertrag auf ganze sieben Substanzen, der Rest ist Marketing.

 

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