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medico Rundschreiben 3/2006


Gegen eine unerbittliche Polarisierung

Jüdische und muslimische Intellektuelle und Künstler wehren sich gegen die Instrumentalisierung ihrer Traditionen.
 

Am 11. August dieses Jahres erschien in der Wochenzeitung "Die Zeit" der Aufruf "Kein Krieg", in dem sich jüdische und muslimische Intellektuelle gegen die Instrumentalisierung jüdischer und islamischer Traditionen im gegenwärtigen Großkonflikt im Nahen Osten zur Wehr setzten. Initiiert wurde der Aufruf von ha'atelier - werkstatt für philosophie und kunst, unterstützt unter anderem vom Schriftsteller und Islamwissenschaftler Navid Kermani und medico international. Zur Genese des Aufrufs schreiben seine Initiatoren, Almut Sh. Bruckstein und Sidney Corbett.
 

Die internationale Berliner Institution ha'atelier - werkstatt für philosophie und kunst widmet sich der Zusammenarbeit jüdischer und islamischer Künstler und Intellektueller mit dem Ziel, die Verbundenheit und Verzahnung auch der jüdischen und islamischen Traditionen und Kulturen - insbesondere im säkularen Raum der Wissenschaften und der darstellenden Künste - offenzulegen und neu zu schaffen. In diesem Zusammenhang hat es uns viel bedeutet, dass sich für den Aufruf Intellektuelle und Künstler von Teheran bis Tel Aviv engagierten.

ha'atelier - werkstatt für philosophie und kunst möchte diesen Aufruf dazu nutzen, die in ihm zum Ausdruck kommende kulturpolitische Agenda durch künstlerische und kulturkritische Arbeit zukünftig noch zu vertiefen und damit stärker als bisher ins öffentliche Bewusstsein zu stellen. Inmitten einer immer unerbittlicher polarisierten weltpolitischen Rhetorik, die den sogenannten "Westen" wie auch den "Islam" als homogene Größen aufstellt, um diese dann auf unversöhnliche und gewaltsame Weise gegeneinander auszuspielen, scheint es an der Zeit, die durch Konfrontation leer gewordene Mitte mit einem integrativen, international und kosmopolitisch ausgerichteten jüdisch-islamischen Projekt im öffentlichen Raum neu zu bespielen.

In diesem Zusammenhang knüpft die Arbeit von ha'atelier - werkstatt für philosophie und kunst an ein internationales wissenschaftliches Projekt an, welches Navid Kermani und Almut Sh. Bruckstein gemeinsam mit der Koranwissenschaftlerin Angelika Neuwirth und mit Unterstützung des diesjährigen Trägers des Friedenspreises des deutschen Buchhandels Wolf Lepenies vom Jahr 2002 bis 2005 am Wissenschaftskolleg zu Berlin initiiert und geleitet haben. Im Rahmen dieses großangelegten Projekts unter dem Titel Jüdische und Islamische Hermeneutik als Kulturkritik haben Wissenschaftler und Intellektuelle aus den USA, Europa sowie den verschiedensten Ländern des arabischen und islamischen Kulturraums in Berlin, Istanbul, Leiden und anderen Kontexten zusammengearbeitet, um die Berührungspunkte und Nahtlinien ihrer eigenen literarischen und kulturellen Traditionen gemeinsam zu studieren und deren Homogenität in Frage zu stellen. Aus dem fruchtbaren Arbeitszusammenhang dieses internationalen Projekts hat sich ein Netzwerk führender Gelehrter herauskristallisiert, die diesen Aufruf gemeinsam mit Mitgliedern von ha'atelier - werkstatt für philosophie und kunst innerhalb weniger Tage emphatisch unterschrieben haben.

Als Künstler und Intellektuelle hoffen wir auf die integrative Kraft unserer literarischen und künstlerischen Arbeiten, dass es uns gelingen möge, die konfrontativen Grenzlinien zwischen dem "Westen" und dem "Islam" durch eine öffentliche Neuinszenierung jener kosmopolitischen, enzyklopädischen künstlerischen und literarischen Traditionen, die unseren jeweiligen Kulturraum über weite Strecken hin wesentlich geprägt und geformt haben, sobald als möglich wieder aufzulösen und Gemeinsamkeiten neu zu knüpfen.

Almut Sh. Bruckstein, Kulturwissenschaftlerin, Sidney Corbett, Komponist,
ha'atelier - werkstatt für philosophie und kunst
Kontakt: a.bruckstein@ha-atelier.com

 
Appell

Kein Krieg!

Der Appell »Kein Krieg«, der von renommierten Intellektuellen mit jüdischem und muslimischem Hintergrund verfasst und von medico unterstützt wurde, ist ein Dokument des Dialogs und der Überwindung von Gegensätzen wider den Versuch, religiöse Traditionen für den Krieg zu instrumentalisieren ... weiter

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