Auf Kosten der Patienten
TRIPS und die Transformation der indischen Generika-Industrie.
Von Sudip Chaudhuri
Über 30 Jahre gab es in Indien keinen Patentschutz auf Medikamente. Daraus
entwickelt hat sich eine Erfolgsstory für indische Pharmaprodukte, die auch
den Patienten zugute kam. Die Preise waren erschwinglich. Nun gilt in Indien
das TRIPS-Abkommen und damit der Patentschutz für Medikamente. Das hat einen
indischen Pharmaunternehmer zu dem makabren Ausspruch verleitet: "Wir werden
diese Veränderung überleben, unsere Patienten aber vielleicht nicht."
Die indische pharmazeutische Industrie hat eine sehr wichtige Rolle bei der
Versorgung der Welt mit qualitativ guten und preiswerten Medikamenten
gespielt. Sie exportierte selbst auf den größten und meistregulierten Markt
der Welt: in die USA. Bekanntlich sind die Preise für anti-retrovirale
Medikamente zur Bekämpfung von HIV/AIDS in dem Moment in den Keller
gegangen, als Indien in den Wettbewerb eintrat. Möglich war dies vor allem
deshalb, weil Indien den Produkt-Patentschutz für Pharmazeutika bereits 1972
per Gesetz beseitigt hatte. Seit dem 1. Januar 2005, mit dem Inkrafttreten
des internationalen Abkommens zum Schutz geistigen Eigentums, des
sogenannten TRIPS-Abkommens der Welthandelsorganistion (WTO), gibt es auch
in Indien wieder einen solchen Patentschutz.
Die Folge des vorangegangenen Booms war, dass sowohl die Konsumenten als
auch die Industrie profitierten, und zwar auf Kosten der Multinationalen
Konzerne. Weil es keine Produkt-Patente gab, führte der Wettbewerb zu
niedrigen Medikamenten-Preisen und zu hohen Wachstumsraten. Wiewohl die
größeren Unternehmen die Hauptnutznießer waren, gab es auch positive Trends
bei den kleinen und mittleren Unternehmen. Jetzt hat sich die Situation
verändert. Die indischen Unternehmen können keine Produkte mehr herstellen,
die unter die Patente der multinationalen Konzerne fallen. Die Konsumenten
sind der Gnade der Preisstrategen in den multinationalen Konzernen
ausgeliefert. Wenn nicht entsprechende Zwangslizenzen verhängt und
Preiskontrollmechanismen etabliert werden, werden die Preise steigen, das
ist schon abzusehen. Man geht davon aus, dass einige technologisch und
finanziell schwächere indische Unternehmen nicht die Kraft besitzen, die
neue Situation durchzustehen, und deshalb schließen müssen. Verlierer dieser
neuen Situation sind die Kunden und die schwächeren Unternehmen. Aber die
großen und dynamischeren Betriebe sind geradezu euphorisch über ihre
künftigen Wachstumsaussichten und besorgen sich schon Geld für neue
Projekte.


Vom TRIPS-Abkommen bedroht: die Produktion von
Generika, in Gujarat (oben) und eine Volksapotheke in Dhaka (unten).
Fotos: medico |
Was die Produktion neuer Medikamente anbetrifft, so haben indische
Unternehmen eigentlich nur zwei Möglichkeiten. Sie können sie theoretisch
mithilfe von Zwangslizenzierungen produzieren oder gemeinsam mit den
multinationalen Konzernen neue Medikamente entwickeln, herstellen und
vermarkten. Damit verändert sich ihr Verhältnis zu den Multis grundlegend.
Waren sie früher Konkurrenten, so sind die meisten indischen Unternehmen
heute sehr an der Zusammenarbeit mit den Multis interessiert. Die größeren
indischen Unternehmen haben bereits internationale Partner, mit denen sie
gemeinsam importierte Produkte vermarkten und die Erforschung und
Entwicklung neuer Medikamente betreiben. Dabei werden nicht nur kleine,
sondern auch große Unternehmen zu Subunternehmen der Multis werden.
Einige indische Unternehmen setzen große Hoffnungen in die Zusammenarbeit
mit den internationalen Konzernen. Letztere werden sicher versuchen, von den
niedrigen Kosten und der Infrastruktur Indiens zu profitieren. Bislang
jedoch findet "Outsourcing" an indische Unternehmen nur in bescheidenem Maße
statt. Indiens Aussichten hängen also sehr stark davon ab, welche Rolle die
Kosten bei der Entscheidung zur Standortverlagerung spielen und wie stark
die Opposition in den entwickelten Ländern gegen den damit einhergehenden
Arbeitsplatzverlust sein wird.
Die Forschung und Entwicklung neuer Medikamente initiiert zu haben, war eine
der herausragenden Verdienste der indischen Generika-Produktion in den
vergangenen Jahren. Allerdings sind sie nicht am gesamten
Entwicklungsprozess neuer Medikamente beteiligt. Denn in der Regel verfügen
sie nicht über alle dafür nötigen Kenntnisse und Finanzmittel. Aus diesem
Grund haben indische Unternehmen neue Moleküle entwickelt und ihre Lizenz in
einem frühen Stadium der klinischen Entwicklung an die großen
internationalen Pharmakonzerne verkauft. Das hat dazu geführt, dass sich
auch die indischen Firmen nicht mit den Krankheiten der Dritten Welt, die
von den Pharmamultis vernachlässigt werden, beschäftigen, sondern auch ihr
Augenmerk auf global "profitable" Krankheiten richten. So wurden bislang
noch keine neuen Medikamente in Indien komplett entwickelt. Es gab einige
Rückschläge. Man sagt, dass der größte Generika-Produzent, die Firma Ranbaxy,
die Erforschung und Entwicklung von neuen Medikamenten ganz eingestellt
habe. Andere sind da optimistischer. Die Ausgaben für Forschung und
Entwicklung werden weitestgehend über Gewinne aus dem Generika-Export
refinanziert. Der eigentliche Erfolg der pharmazeutischen Industrie aber lag
im Export von Generika. Die meisten der Hersteller sind nach wie vor
optimistisch. Sie gehen davon aus, dass ein wachsender Export auf die Märkte
der reichen Länder sie mehr als entschädigen wird für die Gewinnausfälle auf
dem indischen Markt, die durch die neue Produktpatent-Regelung entstanden
sind. In unseren Untersuchungen gehen wir jedoch nicht davon aus, dass die
Exportaussichten so hervorragend sein werden, wie angenommen. Der
Konkurrenzkampf auf dem Generika-Markt wird immer härter und die
Gewinnmargen werden bereits kleiner.
Zu befürchten ist, dass wir einen umgekehrten Prozess wie 1972 erleben
werden. Damals hat man die positiven Folgen der Beseitigung von
Produktpatenten anfangs auch nicht sofort spüren können. Es hat fast zwei
Jahrzehnte gedauert, bis die indischen Generika-Produzenten die Vorteile
daraus nutzen konnten und sich auf die bekannte Weise etablierten. Zu
fürchten ist, dass auch heute die Folgen des wieder eingeführten
Patentschutzes nicht gleich sichtbar werden. In ihrer Euphorie über die
vergangene Wachstumsperiode sind die indischen Unternehmen offenbar nicht in
der Lage, die negativen Folgen von geringer werdenden Handlungsmöglichkeiten
auf dem heimischen Markt zu sehen. Sudip Chaudhuri ist Wirtschaftsprofessor am indischen Institut für
Management in Kalkutta und Autor der Studie: The WTO and India's
Pharmaceuticals Industry: Patent Protection, TRIPS and Developing Countries,
Oxford University Press, 2005. |