Die Pillendreher von Dhaka
Bangladesh: Alternative Wege der Medikamentenversorgung.
Wie ein genossenschaftlich organisiertes Gesundheits-Unternehmen preiswerte
Arzneimittel produziert und nebenbei mit den Mythen der Pharma-Multis
aufräumt.

Ghonoshasthaya Pharmaceuticals Limited: Lokale
Arzneimittelproduktion in Savar, Bangladesh. Foto: medico |
Golam Mohammad lässt sich nicht so schnell aus der Ruhe bringen: "Kein
Problem! Das machen wir." Frei von eitler oder gar auftrumpfender
Selbstgefälligkeit erläutert er, wie einfach es ist, Arzneimittel
herzustellen: "Man braucht ein Rezept, der Rest ist wie beim Kochen." Dr.
Mohammad weiß, wovon er spricht. Seit Jahren leitet er die Firma "Gonoshasthaya
Antibiotic Limited" (GAL), die in Bangladesh mit großem Erfolg
pharmazeutische Wirksubstanzen und Antibiotika produziert. Der Betrieb ist
Teil von "Gonoshasthaya Kendra", die fraglos zu den interessantesten NGOs
weltweit zählt. Daran ändert auch der Name nichts, der zwar in unseren Ohren
reizvoll klingen mag, im Bengalischen aber schlicht
"Volksgesundheitszentrum" bedeutet.
Wir treffen Dr. Mohammad auf dem weitläufigen Campus von "Gonoshasthaya
Kendra", kurz: GK, das in Savar, unweit der Hauptstadt Dhaka liegt. Die
unprätentiöse Art des Pharmakologen spiegelt sich auch in seinem Büro.
Nichts von schicker Möblierung oder postmoderner Kunst, wie sie auf den
Leitungsetagen einschlägiger Pharma-Multis zu finden ist. Stattdessen die
Insignien eines Praktikers: Geräte zur Qualitätskontrolle, Aktenschränke,
Schutzkittel und auf dem Schreibtisch ein Stapel abgegriffener Mappen, deren
Deckblätter noch die generischen Namen von Medikamenten, hier und da auch
die dazugehörenden chemischen Formeln erkennen lassen: Ciprofloxacin,
Nevirapin, Etambutol , ….
Hinter den mythisch anmutenden Namen stehen Dinge, die für Menschen in
vielen Teilen der Welt allerdings von sagenhafter Bedeutung sind. Man weiß,
dass es sie gibt, aber kaum jemand hat sie je zu Gesicht bekommen.
Glücksgüter eben, die nur wenigen Privilegierten vorbehalten zu sein
scheinen. Doch die Namen symbolisieren nicht besondere göttliche Gunst,
sondern verweisen auf an sich Alltägliches. Sie stehen für Antibiotika,
Arzneimittel gegen HIV/AIDS, Präparate zur Behandlung von Tuberkulose -
allesamt Medikamente, die als unentbehrlich gelten, zu denen aber ein
Drittel der Weltbevölkerung keinen gesicherten Zugang hat.
Ginge es nach Dr. Mohammad, dann müsste das nicht so sein. "Arzneimittel
herzustellen, ist alles andere als eine Geheimwissenschaft. Was man braucht,
sind ein paar chemische Rohstoffe und Informationen über die
Herstellungsverfahren. Haben wir die, können wir selbst die neuesten
Präparate nachbauen. Wir schauen uns die Formel an, überlegen, wie wir
einzelne Molekülgruppen zueinanderbringen können, und klären schließlich,
wie die bei der Herstellung auftretenden chemischen Reaktionen zu
kontrollieren sind. Aber das ist alles heutzutage lösbar."
Viele der dringend in der Welt benötigten Arzneimittel sind patentgeschützt.
Patente sichern Firmen ein exklusives Vermarktungsrecht und bieten sowohl
Anreiz als auch Ausgleich für die meist kostspielige Erforschung und
Entwicklung von Medikamenten. Wer Patente für Arzneimittel hält, kann das,
was er zuvor womöglich investiert hat, leicht wieder amortisieren und
darüber hinaus sehr viel Geld verdienen. Wie andere Monopole auch
ermöglichen es Patente, die Preise zu diktieren.
Solche Regelungen wären dann kein Problem, wenn alle, die patentgeschützte
Medikamente benötigen, sich diese auch leisten könnten. Bekanntlich ist aber
genau das nicht der Fall. Nahezu ein Drittel der Weltbevölkerung muss mit
weniger als 2 Dollar am Tag auskommen. Und das, was die ärmsten Länder aus
öffentlichen Mitteln für Gesundheit aufwenden können, liegt auch nur bei 10
- 20 Dollar pro Kopf und Jahr. Die Behandlung allein mit Lopinavir/Norvir,
einem AIDS-Mittel der zweiten Generation, das der Pharma-Multi Abbott unter
dem Markennamen Kaletra® exklusiv anbietet, kostet bis zu 10.000 Dollar pro
Patient und Jahr. Solche Relationen sind offenkundig widersinnig - und
angesichts der Tatsache, dass 95% der HIV/AIDS-infizierten Menschen in
Afrika leben, skandalös. Viele der ärmeren Länder tun sich deshalb schwer,
Patente auf Produkte anzuerkennen, die über Leben und Tod entscheiden. Sie
verweisen darauf, dass der Zugang zu unentbehrlichen Arzneimitteln nicht von
der Kaufkraft der Patienten, sondern allein von deren gesundheitlichen
Bedürfnissen abhängen darf. Medikamente gehören der Allgemeinheit! Dieser
Überzeugung war auch der US-Amerikaner Jonas Salk, der Mitte der 50er Jahre
des letzten Jahrhunderts den ersten Impfstoff gegen Polio entwickelte. "Kann
man die Sonne patentieren?", retournierte Salk das Unverständnis, das ihm
damals von Seiten der Pharma-Industrie entgegenschlug, als er seine
Entdeckung freigab.
Die Freigabe des Polio-Impfstoffs wurde zur Erfolgsgeschichte. Überall auf
der Welt nahm die Zahl der Polio-Erkrankungen dank umfangreicher
Impfprogramme drastisch ab. Auch in Bangladesh, das noch bis Mitte der 80er
Jahre zu den Ländern mit dem höchsten Polio-Risiko zählte. Heute gilt die
Krankheit in dem Land am Mündungsdelta des Ganges als ausgerottet.
Bangladesh, das Land der Bengalen, ist erst seit 1971 unabhängig. In einem
kurzen, aber blutigen Separationskrieg konnte es sich damals von
pakistanischer Vorherrschaft befreien. Die gesundheitlichen Fortschritte,
die seitdem erzielt wurden, sind auch der Verdienst von Dr. Zafrullah
Chowdhury, dem Gründer von GK, der die Organisation noch heute leitet - als
"Projects Coordinator", wie es seine Visitenkarte ausweist.
Dr. Zafrullah ist ein hoch angesehener Mann, ein "national hero"
gewissermaßen. Als junger Arzt verließ er seinen sicheren Arbeitsplatz in
England und organisierte den Sanitätsdienst der Befreiungskräfte und die
medizinische Versorgung der Flüchtlinge (letzteres übrigens bereits mit
Unterstützung von medico). Später beriet er die Regierung bei der
Formulierung einer der fortschrittlichsten Arzneimittelgesetzgebungen der
Welt. Mit einer Art "Positivliste" gelang es, 1.700 gefährlichen und
nutzlosen Medikamenten die nationale Zulassung zu entziehen, während
gleichzeitig staatliche Förderprogramme die Entwicklung einer eigenen
Arzneimittelproduktion vorantrieben und die Unabhängigkeit von den
Pharma-Multis erhöhten. Noch heute nutzt Dr. Zafrullah seinen Einfluss, um
dem Vormarsch neoliberaler Politik Einhalt zu gebieten. 1992 erhielten GK
und Dr. Zafrullah den Right Livelihood Award, den alternativen Nobelpreis.
Und das, was GK seit 1972 aufgebaut hat, lässt sich allerdings sehen. Es
entstanden eine Schule für Basisgesundheitshelfer, eine Universität mit
medizinischem und biotechnologischem Zweig, mehrere Hospitäler und
schließlich Produktionsanlagen für unentbehrliche Arzneimittel und
pharmazeutische Wirksubstanzen sowie ein großes Tagungszentrum, in dem im
Jahr 2000 die erste alternative Weltgesundheitsversammlung, die People's
Health Assembly mit 1.000 Teilnehmern stattfand. GK unterhält ein
Krankenversicherungssystem für ca. 8.000 Familien, betreibt
Berufsausbildungsprogramme insbesondere für Frauen und sorgt für die
medizinische Grundversorgung und Gesundheitsaufklärung in Hunderten von
Dörfern. "Wir haben uns darum bemüht, Gesundheit zu entmystifizieren und die
Verantwortung für die Gesundheit in die Hände von Dorfgesundheitshelfern zu
legen", sagt Dr. Zafrullah: "So sind nicht nur Jobs entstanden, sondern
haben heute auch diejenigen Zugang zu Versorgungsangeboten, die diesen
früher nicht hatten."
Bemerkenswert ist, dass GK neben Zuschüssen von internationalen
Hilfsorganisationen die Hälfte seines Budgets selbst erwirtschaft. Dafür
sorgen eigene Unternehmen, beispielsweise eine Kleiderfabrik, eine
Druckerei, aber auch die pharmazeutischen Betriebe. Die Hälfte der dort
erzielten Gewinne geht in die Sozialprogramme von GK, die andere Hälfte wird
reinvestiert.
Die pharmazeutischen Produktionsanlagen am Rande der medizinischen
Hochschule laufen auf Hochtouren. Hier hat sich nicht der Spleen weltfremder
Philanthropen Raum geschaffen, sondern ist ein überaus erfolgreiches
soziales Unternehmen entstanden. Die "Gonoshasthaya Antibiotics Limited"
(GAL) gehört zu den wenigen Betrieben Bangladeshs, die überhaupt
Wirksubstanzen für Arzneimittel herstellen. Beliefert werden nicht nur die
eigene "Gonoshasthaya Pharmaceuticals Limited" (GPL), sondern auch die
anderen Arzneimittelhersteller im Lande sowie staatliche Krankenhäuser.
Nicht ohne Stolz zeigt uns Dr. Mohammad die drei neuen Konverter, die
demnächst in Betrieb gehen werden. 20.000 Dollar kostet einer dieser aus
China bezogenen Kessel, die allerdings etwas von großformatigen Kochgeräten
haben. Nur, dass nicht Hitze zugeführt werden muss, sondern das Gegenteil:
Kälte. Und so sorgt ein weitverzweigtes Kühlsystem für die Kontrolle der in
den Konvertern ablaufenden exothermen Reaktionen. Überall stehen Fässer mit
Kühlmitteln, längst war der Erweiterungsbau, der nun kurz vor der
Fertigstellung steht, überfällig.

Gesundheit geht aufs Land: Gesundheitshelferinnen
bei der Schwangerenvorsorge. Foto: medico |
Die Nachfrage nach pharmazeutischen Wirksubstanzen ist groß. Auch aus dem
Ausland treffen bereits Anfragen ein. Zu den wichtigsten Abnehmern aber
zählt fraglos noch immer die gerade ein paar hundert Meter entfernt liegende
"Gonoshasthaya Pharmaceuticals Limited" (GPL), die jene Medikamente
produziert, die der WHO als unentbehrlich gelten. Im Gegensatz zu den
Anlagen der GAL sind die Produktionskapazitäten der GPL nicht ausgelastet.
Dr. Maqsud, der ärztliche Leiter der Arzneimittelproduktion, erklärt uns den
Grund; er klingt für eine armes Land wie Bangladesh einfach nur absurd:
"Unsere Produkte sind zu billig! Sie kommen gar nicht erst ins Angebot. Denn
die Zwischenhändler und die lokalen Apotheker verkaufen lieber teurere
Produkte, die ihnen eine größere Verdienstspanne ermöglichen."
Darf man unter solchen Umständen Werbung für die eigene Sache machen? Die
Leute von GK zögern. Aus prinzipiellen Gründen, aber auch um die Erträge,
die schließlich den Sozialprogrammen zugute kommen, nicht zu schmälern,
verzichtet GPL auf das übliche Marketing. Schon gar nicht bietet GK Ärzten
oder Apothekern sogenannte "Incentives", die zumeist aus kleinen Geschenken
bestehen, die die Freundschaft erhalten und die "Produktbindung" bei den
Verschreibern fördern sollen. Andererseits, so Dr. Maqsud, sei natürlich
auch nicht viel gewonnen, wenn die eigenen Grundsätze schließlich dem Ziel
im Wege stehen, Menschen mit erschwinglichen Arzneimitteln zu versorgen.
Angeregt denken wir über alternative Formen eines Marketings nach, das den
inhaltlichen Ansprüchen von GK gerecht werden könnte. Wir verabreden den
weiteren Austausch, denn auch wir von medico wissen aus eigener Erfahrung um
solche Widersprüche.
Ziel ist es, die pharmazeutischen Betriebe von GK "fit" zu machen für die
Zukunft. Denn die Erfolge, die in den zurückliegenden Jahren erkämpft werden
konnten, dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass auch die andere Seite
nicht untätig geblieben ist. Auch diejenigen, für die das Herstellen von
Arzneimitteln keine soziale Verpflichtung, sondern allein eine lukrative
Chance des Geldverdienens ist, haben sich gerüstet. Zug um Zug haben die
Multis dafür gesorgt, dass das Bemühen um Gesundheit dem sozialpolitischen
Kontext entzogen und auf eine Frage verbesserter Wettbewerbsbedingungen
reduziert wurde.
Seit 1996, seit dem Inkrafttreten des Abkommens über den Schutz
intellektueller Eigentumsrechte (TRIPS) und besonders seit dem Auslaufen der
Übergangsregelungen für die meisten Entwicklungsländer 2005 entscheidet über
die Frage des Zugangs zu unentbehrlichen Arzneimitteln nicht mehr die WHO,
sondern die WTO, die Welthandelsorganisation. Deren Mitgliedsländer, und das
sind nahezu alle, verpflichten sich, 20-jährige Patente auf neue Medikamente
anzuerkennen, darunter auch jene, die aufgrund der Resistenzentwicklung
weltweit dringend benötigt würden. Nur für die Least Developed Countries (LDC),
die am wenigsten entwickelten Länder, zu denen Bangladesh zählt, gilt noch
eine weitere Übergangszeit bis 2016, in der auch patentgeschützte Präparate
für den eigenen Bedarf und den Export an andere LDC kopiert werden dürfen.
Die indischen Generikafirmen, die bislang einen großen Teil der Welt mit
erschwinglichen Arzneimitteln versorgt haben, können dies seit 2005 für neu
auf den Markt kommende Wirkstoffe nicht mehr tun.
"Sicher, wir könnten schon dazu beitragen, das entstandene Vakuum zu
füllen", sagt Dr. Mohammad. "Die Produktion von Wirksubstanzen für
afrikanische Länder - das können wir schon machen." Überall ist die mit dem
Inkrafttreten des TRIPS-Abkommens neu eingetretene Lage ein Thema. Auch die
Regierung Bangladeshs ist nicht untätig beblieben. Ohne Parlamentsdebatte,
ohne öffentliche Anhörung hat sie 2005 eine neue Arzneimittelpolitik
verabschiedet, die das Land für ausländische Firmen öffnet. Die nationale
Liste essentieller Arzneimittel wurde auf wenige Präparate
zusammengestrichen, das Festpreissystem demontiert und es werden Anreize für
die Ansiedelung von Pharma-Multis geschaffen. Für die pharmazeutischen
Betriebe von GK könnte es künftig enger werden. Für die Versorgung ärmerer
Menschen mit erschwinglichen und unentbehrlichen Arzneimitteln auch. Thomas Gebauer
Projektstichwort
Gemeinsam mit den Kollegen von GK denken
wir darüber nach, wie die Produktion und
der Vertrieb sowohl der fertigen Arzneimittel
als auch der Wirksubstanzen erhöht und verbessert
werden kann. Als ersten konkreten
Schritt wird im Oktober 2006 Eloan Pinheiro, die
ehemalige Leiterin der staatlichen brasilianischen
Arzneimittelproduktion und ausgewiesene
Expertin in der Produktion und internationalen
Vermarktung von HIV/AIDS Präparaten,
GK beratend zur Seite stehen.
Wir halten Sie gerne auf dem laufenden und
bitten Sie um Ihre Unterstützung unter dem
Stichwort: Medikamente für alle.
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