Die Entpolitisierung des Humanitären
Kann sich Solidarität im transnationalen Raum neu herausbilden?
von Thomas Gebauer
Vielen
Hilfsorganisationen gilt die Komplexität des Geschehens, das sich rund um
Katastrophen und Krisen ereignet, als ein undurchsichtiges Gestrüpp aus
Politik und Machtinteressen, in das man sich besser gar nicht erst
hineinbegibt. Statt sich der politischen Implikationen des eigenen Handelns
zu versichern, pochen viele Helfer darauf, eine vom Politischen getrennte,
reine humanitäre Hilfe leisten zu können. Ich halte die Vorstellung einer
solchen Neutralität für eine gefährliche Illusion. Hilfe, auch die scheinbar
unpolitische, mischt sich immer in bestehende Macht- und Kräfteverhältnisse
ein.
Die Konsequenzen aber, die aus der Entpolitisierung des Humanitären folgen,
sind erheblich. Wenn Hilfe nicht mehr im Kontext gesellschaftlicher
Verantwortung und – daraus abgeleitet – bürgerrechtlicher Ansprüche gesehen
wird, sondern alleine ihre moralische Seite zählt, dann wird sie – wie
übrigens auch der Appell zum Schutz der Menschenrechte – anfällig für
vielfältige Instrumentalisierungen.
Schließlich bedienen sich auch die politisch und wirtschaftlich Mächtigen,
die für das Elend und die Ausgrenzung von Menschen verantwortlich sind,
längst humanitärer Argumentationen und rechtfertigen ja selbst noch
völkerrechtlich verbotene Präventivkriege mit dem Verweis auf die
Menschenrechte. Das Verständnis von Menschenrechten aber, das in solchen
Rechtfertigungsstrategien zum Ausdruck kommt, bleibt ein abstraktes, eines,
das die Menschenrechte nicht mehr im Kontext bürgerrechtlich verfasster
Gesellschaften sieht. Der vom Politischen abgegrenzte Humanitarismus kann
die Ausgrenzung von Menschen, wie sie sich tagtäglich und millionenfach in
brasilianischen Favelas oder in afrikanischen Flüchtlingslagern ereignet,
nur abfedern – und damit wiederholen. Wenn Hilfe auf die Sicherung des
nackten Überlebens begrenzt wird, resultiert daraus eine Art
Elendsverwaltung, die nichts mehr ändert, aber umso mehr den prekären Status
quo stabilisiert, der in der Welt herrscht.
Jean Paul Sartre sprach in diesem Zusammenhang von einem "rassistischen
Humanismus", der daraus resultiert, dass das Elend der Welt nicht mehr vor
dem Hintergrund der eigenen wirtschaftlichen, politischen und kulturellen
Dominanz verstanden wird, sondern allein als Problem des Südens. Aus solcher
Perspektive erscheint die Lösung dann tatsächlich in der "humanistischen
Aktion" zu liegen, – der wohlmeinenden Hilfe für die armen Menschen im
Süden, die leiden, weil sie eben so sind, wie sie sind. Die Welt leidet aber
nicht an zu wenig Hilfe, sondern an Verhältnissen, die immer mehr Hilfe
erforderlich machen. Anschubhilfe für die UN
Da Beistand in einem empathischen Sinne immer zielgerichtet ist und die
nachhaltige Überwindung von Not und Abhängigkeit anstrebt, bedarf Hilfe
immer auch einer gesellschaftspolitischen Idee. Für viele
Hilfsorganisationen sind das die globalen Menschenrechte, wohlwissend, dass
es in der praktischen Arbeit darum gehen muss, die Menschenrechte sowohl
materiell zu fundieren als auch dafür zu sorgen, dass sie einen
institutionell gefassten bürgerrechtlichen Rahmen bekommen.
Von letzterem sind die globalen Verhältnisse noch weit entfernt. Aber es
gibt immerhin erste Erfahrungen, aus denen zu lernen wäre. Beispielsweise
die "Internationale Kampagne für das Verbot von Landminen", die sowohl im
Ergebnis als auch in ihrer Struktur interessante Schritte auf dem Weg zu
neuen Formen einer in globaler Solidarität eingebundenen Hilfe gehen konnte.
Der Erfolg der "Internationalen Kampagne zum Verbot von Landminen" liegt
vielleicht am wenigsten darin, ein Verbot von Anti-Personenminen angestoßen
zu haben. Erfolgreich ist die Kampagne in einem viel allgemeineren Sinne
gewesen. Sie hat es vermocht, über alle Grenzen hinweg eine internationale
Öffentlichkeit zu erzeugen, die nicht nur kritisches Unbehagen zum Ausdruck
brachte, sondern schließlich rechtlich bindende Entscheidungen erzwingen
konnte. Erstmals in der Geschichte wurde ein Waffenverbot auf Druck der
Öffentlichkeit durchgesetzt, erstmals wurde internationales Recht unter
aktiver Beteiligung eines Netzwerkes von NGOs geschrieben und erstmals
gelang es, ein Waffenverbot um humanitäre Verpflichtungen zu erweitern. So
haben sich die Mitgliedsstaaten des Ottawa-Vertrages auch dazu verpflichtet,
den Opfern von Minen weitreichende Hilfen zukommen zu lassen.
Weder unverbindlicher "goodwill" noch Paternalismus leiten eine solche
Hilfe. Vielmehr ist sie eingebunden in eine global gesetzte neue Norm, die
zwar außerhalb der Vereinten Nationen verhandelt wurde, aber nun vom
Generalsekretär der Vereinten Nationen überwacht wird. Derart hat der
öffentliche Druck, den die Minenkampagne entfalten konnte, tatsächlich eine
Art Anschubhilfe für die UN geleistet, die aufgrund der internen
Blockadepolitik einiger mächtiger Staaten aus sich heraus keine Lösung
gefunden hätte.
Was die NGOs eint, die in der Minenkampagne mitwirken, ist eine gemeinsame
politische Agenda und nicht einseitige Abhängigkeit oder Vereinheitlichung.
Selbstverständlich schließen sich unter solchen Umständen Solidarität und
Hilfe nicht aus. Hilfe aber ist dann eingebunden in einen Kontext, verfolgt
eine politische Vision und wird legitimiert über Partner, die nicht nur
gepflegte Opfer sind, sondern Mitstreiter im Bemühen um eine andere Welt.
Es ist der transnationale Raum, in dem sich Solidarität heute neu
herausbilden muss. Eine Solidarität, die getragen wird von global tätigen
Netzwerken, in denen eine Vielzahl von sozialen Projekten, Basisinitiativen,
NGOs, kritischen Intellektuellen und Verbänden zusammengeschlossen sind, um
für gemeinsame politische Ziele einzutreten und dabei gemeinsame Strategien
zu verfolgen. Nur einer solchen "Gegenmacht" wird es gelingen, für die
Demokratisierung der weltgesellschaftlichen Verhältnisse zu sorgen, so wie
es Walter Benjamin beschrieben hat: als Griff der Weltgesellschaft nach der
Notbremse. Thomas Gebauer ist Geschäftsführer von medico international. zurück
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