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Sri Lanka Weblog - 08.-09.12.2005


8.-9. Dezember 2005

Ausgangssperren und ein einsamer Koordinator

Trincomalee/Habarana/Ampara, 8. – 9. 12. 05 Sri Lanka, so viel ist jetzt schon klar geworden, ist ein gleich mehrfach geteiltes Land. Zwar teilen die meisten Tsunami-Ueberlebenden dasselbe Schicksal: weil ihnen die Rueckkehr zur Kueste verwehrt wird, leben sie noch immer in “temporary shelters”, voellig von fremder Hilfe abhaengig. Wo sie jetzt siedeln sollen, gibt es nicht genuegend Land, und selbst wenn ihnen Land gegeben wuerde, fehlt es den meisten an Moeglichkeiten, dort selbst fuer ihren Lebensunterhalt zu sorgen. Was sollen Fischer weitab der Kueste tun, um sich und ihren Leuten wenigstens das Einkommen zu sichern, ueber das sie vor dem Tsunami verfuegen konnten? Natuerlich war an dem Leben, das sie bisher fuehren konnten, nichts zu romantisieren: weder an dem der Fischer, noch an dem der sog. “Selfemployed”: kleine Haendler und Gewerbetreibende, Dienstleister ohne jede Absicherung und fuer bestenfalls zwei Dollar taeglich. Jetzt und bis auf weiteres aber sind sie Almosenempfaenger, auf Gedeih und Verderb auf die Versorgung durch Regierung und NGO angewiesen – auch darauf, sich deren Hilfe mit allerlei Tricks und Schlichen zu sichern.

Dieser Zustand ist im Norden und Osten des Landes noch einmal haerter als im Sueden, weil die Armut, vor allem aber die Gewalt hier ungleich heftiger sind. Dabei haengt die Unsicherheit des Ueberlebens nicht nur an der ethnischen Herkunft, sondern auch an der Religiositaet, an Geschlecht/Gender, Alter, an der Gesundheit. Alle 200 rechts und links der von Schlagloechern uebersaehten, an den Raendern zerbroeselnden Landstrasse nach Trincomalee, unserem naechsten Ziel, ueberwachen Posten von Polizei, Armee und Special Task Force den Verkehr, der alle paar Kilometer einen Checkpoint passieren muss. Wir werden stets durchgewunken: Weisse haben in aller Regel freie Fahrt. Trotzdem muessen wir unsere Treffen in der Kuestenstadt je um eine halbe Stunde kuerzen: fuer den naechsten Morgen, vielleicht schon fuer diesen Abend ist eine “Hartal” angekuendigt, eine Ausgangssperre, und die wuerde auch uns die freie Bewegung unmoeglich machen. Verhaengt wird eine Hartal nicht vom Staat, sondern “von unten”, von den Leuten selbst bzw. von denen, die an ihrer Stelle bzw. in ihrem Namen zu handeln beanspruchen, in diesem Fall - soll man sagen: von “den Tamilen”? Sagen wir: es trifft die Tamilen, sie warten zuhause bleiben muessen, ihre Laeden werden geschlossen bleiben. Fuer uns heist das: spatestens um 18 Uhr muessen wir Trincomalee verlassen, um uns in der naechstgroesseren singhalesischen Stadt, dem 2 Stunden entfernten Habarana, eine Unterkunft zu suchen.

Vor unsere Abreise treffen wir den oertlichen Leiter der deutschen GTZ, einen Vertreter des srilankischen Roten Kreuzes, einen Kollegen der Deutschen Welthungerhilfe und den fuer den Wiederaufbau zustaendigen “Additional Government Agent” A. Nadarajah. Der taut im Gespraech langsam auf und raeumt offen ein, wie wenig ihm zu tun bleibt: ihm fehlen die Mittel und das Wissen: die Regierung in Colombo informiert ihn nicht, die internationalen NGO informieren ihn nicht. In der naechsten Woche wird er die NGO schriftlich verwarnen, die bisher noch an keinem der Koordinierungstreffen teilgenommen haben, die er regelmaessig einberuft. Verantworten muss er ein Programm, in dem 6400 neue “permanent houses” gebaut werden sollen. Mit 700 Bauten ist begonnen, ganze 300 werden zum ersten Jahrestag fertig sein. Zahlen, die so in etwa fuer alle betroffenen Distrikte Sri Lankas gelten! Fuer alle anderen Haeuser, d.h.: fuer die Familien, die sie beziehen sollen, fehlt bis heute noch das Land, auf dem sie gebaut warden koennten, und wo es Land gibt, fehlt es an der Infrastruktur, es als Bauland zu erschliessen: Strassen, Wege, Kanalisation, von Elektrizitaet und Wasserversorgung ganz zu schweigen und erst recht von Gelegenheiten, dort einem Lebensunterhalt nachzugehen. “You see, we face a problem”, sagt Nadarajah resigniert, an dessen persoenlicher Integritaet nicht zu zweifeln ist. Dabei gilt fuer Trincomalee, was auch fuer Mullaittivu und Kilinochi und den ganzen Nordosten gilt: verglichen mit den Lebensverhaeltnissen der vom Buergerkrieg vertriebenen Menschen, die z.T. seit 20 Jahren in sog. “Welfare Camps” leben, ist die Situation in den “temporary shelter” der Tsunami-Ueberlebenden geradezu “luxurioes” – das Wort gebrauchte die Kollegin von Save the Children, die wir in Kilinochi trafen. Das ist es, was das tamilisch-muslimische Sri Lanka von dem der Singhalesen trennt: innerhalb einer Hierarchie des Elends.

In Habarana checken wir im Acme Transit Hotel ein, wo die “Relief Worker” der NGO naechtigen, also auch wir. Werden wir nach Batticaloa weiterfahren koennen, dem letzten Ziel unserer Reise durch den Nordosten, vor der Rueckkehr nach Colombo? Frueh am naechsten Morgen telefonieren wir mit Ganesh von SEED, der unseren Aufenthalt dort organisiert. “No way”, sagt Ganesh, “it’s Hartal”. Wir beschliessen, in das sechs Stunden entfernte Ampara auszuweichen, einem Ort, der nahe Batticaloa liegt, doch als “sicher” gilt. Die Stadt breitet sich wie viele andere entlang der Kreuzung zweier Landstrassen aus, unweit der Kreuzung liegt der Busbahnhof, von den Abgasschwaden der maechtigen, unglaublich lauten Busse eingehuellt, mit denen die Leute in alle Orte der naeheren und weiteren Umgebung reisen koennen. An den Raendern der beiden Hauptstrassen reiht sich Geschaeft an Geschaeft, ueberall liegt Abfall herum, von dem sich Kraehen, Katzen, Hunde und Kuehe ernaehren. Die schwuelfweuchte Luft ist von Schlagermusik und dem Gekraechze der Voegel erfuellt. Wir uebernachten in Monty’s Guesthouse, das seit dem Tsunami ueber einen neuen, im Standard deutlich gehobenen Gebaeudetrakt verfuegt, gebaut mit den Einkuenften, die der Besitzer mit seinen NGO-Gaesten erzielte. Auf dem Parkplatz im Hof stehen neben unserem die Wagen von Mercy Corps, Canadian International Development Agency, Arche Nova und Sarvodaya.
 

Thomas Seibert

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