5.-7. Dezember 2005
Ins Tigerland: Wir reisen in die tamilische Zone.
Colombo/Vavuniya, 5. – 7. 12. 05 Am dritten Tag unseres Aufenthalts nehmen
wir so viele Verabredungen wahr, dass wir uns aufteilen muessen: wir treffen das
Consortium of Humanitarian Agencies (CHA), die der srilankischen
Menschenrechtskommission angeschlossene Desaster Relief Monitoring Unit (DRMU),
das Landesbuero der deutschen GTZ, das Koordinationsgremium der UN-Agenturen,
das Sri Lanka Tourist Board und den anglikanischen Bischof von Colombo, Duleep
de Chickera. In allen Treffen steht eine Frage oben an: was geschieht
augenblicklich im tamilischen Norden und Osten des Landes, in Jaffna, im Vanni,
in Trincomalee und Batticaloa? Die Nachrichten sind erschreckend: einen
Minenanschlag in Jaffna mit acht toten Soldaten, gezielte Toetungen und
Ausschreitungen zwischen Tamilen und Moslems in Batticaloa, dazu
Truppenbewegungen erheblichen Umfangs. Es scheint, als ob der schmutzige
Schattenkrieg “niedriger Intensitaet“, der taeglich zehn bis fuenfzehn
Menschenleben kostet, jederzeit zum offenen Gefecht eskalieren kann. Die Haelfte
unseres Teams aber will morgen genau dorthin reisen: in den mehrheitlich
tamilisch besiedelten Norden und Osten einschliesslich der von der tamilischen
Guerilla LTTE kontrollierten Gebiete. Koennen wir ueberhaupt fahren? Duerfen wir
fahren? Die Auskuenfte sind widerspruechlich, man raet uns ab und raet uns zu.
Nach einigem Hin und Her beschließen wir, loszufahren und dann jeweils von Tag
zu Tag zu entscheiden. Mit einem Kleinbus verlassen wir Colombo, um in die
geteilte Stadt Vavuniya zu reisen, den Grenzort in die von der LTTE
kontrollierten Gebiete. Wir treffen dort unsere Partner von SEED, einer regional
taetigen NGO, die mit Ueberlebenden des Buergerkriegs wie des Tsunami
Wiederansiedlungsprojekte organisiert. Als wir nach sechsstuendiger Fahrt
ankommen, stellt sich uns dieselbe Frage wie in Colombo: sollen wir unsere Fahrt
wie geplant fortsetzen? In Jaffna hat sich ein zweiter Anschlag ereignet, wieder
mit mehreren Toten. Die Unruhen in Batticaloa dauern an, auch bei Trincomalee
kommt es zu Ausschreitungen. Sollen wir ins Vanni fahren? Gefaehrlich wird es
dort nicht werden, das Gebiet steht sicher unter Kontrolle der LTTE, doch
koennte uns die Armee den Rueckweg sperren. Am Abend entscheiden wir: Ja, wir
fahren. Der “Grenzuebergang” duerfte weltweit einzigartig sein: erst der
Checkpoint der Armee, im “Niemandsland” ein Posten des Roten Kreuzes,
schliesslich der Checkpoint der LTTE als Uebergang nach Tamil Eelam, der “Heimat
der Tamilen”. Kaum sind wir dort, verlieren unsere Handys ihr Netz: weder die
Armee, noch die Tiger interessieren sich fuer einen freien Fluss der
Informationen. Wir fahren nach Mullaittivu und Kilinochi, besuchen
Wiederansiedlungsprojekte fuer Tsuinami- wie fuer Buergerkriegs-Ueberlebende.
Wie ueberall leben die Leute auch hier noch immer in “Temporary Shelters”, in
vorlaeufiger Unterkunft. Viele der Lager haben unter den Regenfluten gelitten,
die das Land vor einer Woche, zum Beginn der Regenzeit, heimgesucht haben, nicht
wenige wurden ueberflutet. Die Leute, mit denen wir sprechen koennen, haben
Angst vor einem neuen Krieg. Bei Mullaittivu erzaehlt uns ein Mann, dass er
bereits elf Mal vertrieben wurde, immer dann, wenn ein Neuanfang zu gelingen
schien. Die Leute bitten unsere Partner von SEED, auf jeden Fall bei ihnen zu
bleiben und sobald als moeglich mit dem Bau der “permanent houses” zu beginnen.
“Wir leben auch hier”, antwortet Singham von SEED, wir bleiben in jedem Fall.”
Die naechste Frage lautet: “Haben wir denn ueberhaupt noch Zeit?”. “Wir wissen
es nicht.”, sagt Singham. Auch unsere anderen Gespraechspartner an diesem Tag –
die couragierte und integre Regierungsvertreterin in Mullaittivu, der „Acting
General Secretary“ der LTTE-Zivilverwaltung und zwei Kollegen von Oxfam und Save
The Children – koennen uns und den Leuten diese Frage nicht beantworten. Am
naechsten Morgen fahren wir nach Vavvuniya zurueck, der Grenzuebergang ist noch
offen.
Thomas Seibert
|