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Tsunami-Watch - 05.01.2006


Sri Lankas traurige Tropen

Hilfe, Selbsthilfe und soft colonialism nach dem Tsunami

Initiiert von Brot für die Welt, medico international und der Heinrich Böll-Stiftung reiste vom 2. bis zum 12. Dezember eine "Fact Finding Mission" durch Sri Lanka. Ziel war nicht eine technische Evaluation von Nothilfe und Wiederaufbau, sondern eine politische Analyse ihres gesellschaftlichen Kontexts. Drei Mitglieder der Mission kamen aus Deutschland bzw. Großbritannien, zwei aus Sri Lanka, begleitend nahmen eine Mitarbeiterin und ein Mitarbeiter von Brot für die Welt bzw. medico an der Reise teil.

 

Wie andere Metropolen des Südens wächst auch Colombo im unregulierten Zuzug ungezählter Menschen aus der ländlichen Armut. Eher als von einer Stadt wäre von einem weit ins Umland wuchernden semi-urbanen Raum zu sprechen, der im Norden Negombo, im Süden Moratuwa und nordöstlich das einhundertfünfzig Kilometer entfernte Kandy einschließt. Die Landstraßen, die Colombo mit seinen Nachbarstädten verbinden, sind zu beiden Seiten dicht besiedelt, hier reiht sich Haus an Haus, bieten Werkstätten, Läden, Restaurants den Vorbeiziehenden ihre Waren und Dienste an. Stossstange an Stossstange drängeln unter gellendem Gehupe Mopeds, Dreiräder, Autos, Busse und LKW in die Stadtmitte, der Verkehr ist dem Zusammenbruch nahe, die Abgase schnüren die Atemwege zu, lassen die Augen tränen. Vom unaufhörlichen Zustrom neuer Bewohner künden auch die zahllosen Hotels der Pendler und Wanderarbeiter. Durch grellbunte Ladenschilder kenntlich, verfügen sie neben einem Garküchenrestaurant über nur einen weiteren, mit Bettgestellen gefüllten Raum. Wer sich hier einmietet, hat Schlafstatt und Waschgelegenheit, an Leinen hängt frisch gewaschene Kleidung in schwülfeuchter Luft. Das ist nicht wenig in einem Land von achtzehn Millionen Bewohnern, von denen über 350.000 zum Teil schon seit zwanzig Jahren in "transitional camps", in Übergangslagern, zu leben gezwungen ist, vertrieben von einem noch nicht befriedeten Bürgerkrieg. Die Moderne, sagt der Philosoph Gilles Deleuze, ist ein Prozess fortlaufender "Ent-Ortung", der unaufhörlich von Versuchen der "Wieder-Verortung" gekreuzt wird; einen Ort des Aufenthalts findet hier nur, wer sich einen Spielraum freier Beweglichkeit zu schaffen vermag. Sri Lanka ist so gesehen ein extrem modernes Land.

Hilfsorganisationen haben es überall auf der Welt mit denen zu tun, die sich dabei in gefährdetster Lage befinden. Ihre erste Aufgabe besteht oft darin, gewaltsam ent-orteten Menschen "temporary shelter", vorübergehende Unterkunft, zu gewähren. Wir wollen herausfinden, wie es um die halbe Million Männer, Frauen und Kinder bestellt ist, die der Tsunami den länger schon Obdach- und Auskommenslosen hinzugefügt hat. In Colombo befragen wir dazu Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Hilfsorganisationen und anderen NGOs, Vertreter der Zivilgesellschaft, der Regierung und der UN. Dann teilen wir uns in zwei Gruppen, bereisen den tamilischen und moslemischen Nordosten und den singhalesisch-buddhistischen Süden.

Unser erstes Gespräch führen wir gleich nach der Ankunft im Hotel, wo wir Norbert Ropers von der Berghof Stiftung treffen. Wir stellen ihm die Fragen, die in Sri Lanka augenblicklich am häufigsten gestellt werden: Wie ist der Wahlausgang zu bewerten? Was bedeutet die Wahl des Hardliners Mahinda Rajapakse für den Friedensprozess zwischen singhalesisch dominiertem Staat und den Guerillas der Liberation Tiger of Tamil Eelam (LTTE)? Warum haben die Tiger mit ihrem Wahlboykott dessen Sieg befördert? Ropers glaubt, dass die strategischen Kalküle der verfeindeten Parteien Raum für eine "Zwischenlösung" lassen, die jede für ihre Zwecke nutzen zu können glaubt. Doch schließt auch er nicht aus, dass es mit dem Ende der Regenzeit zum Krieg kommt. So stehen Hilfe und Selbsthilfe nach dem Seebeben unter der Drohung eines zweiten Tsunami, der dann unmittelbar eine gesellschaftliche Katastrophe wäre. Dabei haben schon die Flutwellen die Leute nicht "naturgemäß", sondern im Unmaß einer fortdauernden Hierarchie des Elends getroffen, die Weißen und Einheimischen, Tamilen, Singhalesen und Moslems, Tsunami- und Bürgerkriegsopfern, Armen und Ärmsten unterschiedliche soziale Positionen zuweist und darin gegeneinander vereinzelt.

Was das heißt, erzählen uns vor Ort diejenigen, die man "beneficiaries", Nutznießer nennt. Dabei war zunächst gar nicht klar, ob wir überhaupt in den Nordosten fahren könnten. Aus Jaffna, aus dem von der LTTE kontrollierten Vanni, aus Trincomalee und Batticaloa erreichten uns erschreckende Nachrichten: zwei Minenanschläge mit sechzehn toten Soldaten, gezielte Tötungen und Ausschreitungen zwischen Tamilen und Moslems, Truppenbewegungen erheblichen Umfangs. Es scheint, als ob der schmutzige Schattenkrieg, der täglich zehn bis fünfzehn Menschenleben kostet, außer Kontrolle gerät. Wir fahren trotzdem und wollen uns von Tag zu Tag entscheiden, ein Kleinbus bringt uns nach Vavuniya an der Grenze zum Tigergebiet, wo wir Mitarbeiter unserer Partnerorganisation SEED treffen, die auf beiden Seiten arbeitet. Der "Grenzübergang" ist reichlich ungewöhnlich: erst der Checkpoint der Armee, im Niemandsland das Rote Kreuz, dann der Posten der LTTE. Dahinter verlieren unsere Handys augenblicklich ihr Netz, weder Armee noch Guerilla interessieren sich für einen freien Fluss der Information. Wir fahren nach Mullaittivu und Kilinochchi, besuchen Übergangslager für Tsunami- und für Bürgerkriegs-Überlebende. Einige Lager hat der Regen überflutet, der das Land zu Beginn des Monsuns heimgesucht hat. Die Leute haben Angst vor weiterer Überschwemmung, vor einem neuen Krieg, vor allem aber davor, die "permanent houses" nie beziehen zu können, die man ihnen verspricht. Bei Mullaittivu erzählt uns ein Mann, dass er bereits elf Mal vertrieben wurde, immer dann, wenn ein Neuanfang, eine "Wieder-Verortung" zu gelingen schien. Auch unsere anderen Gesprächspartner an diesem Tag, die couragierte "Government Agent" des Distrikts und ihr Partner in der Doppelherrschaft, der "Acting General Secretary" der LTTE-Zivilverwaltung, befürchten, dass die Ortlosigkeit des "temporary shelter" auf Dauer gestellt wird. Obwohl im Nordosten 60% des Gesamtschadens verzeichnet werden, gelangt nur ein verschwindender Bruchteil der Hilfsgelder und –mittel hier her, weil ein von Regierung und LTTE getroffenes Ausgleichsabkommen auf singhalesische Initiative außer Kraft gesetzt wurde. Immer wieder sagt man uns: "Nicht einmal der Tsunami bringt sie dazu, mit uns zu teilen!"

Dabei lebt auch im Süden die Hälfte der vom Tsunami betroffenen Menschen noch immer in den Wellblechhütten der "transitional camps". Zahllose andere sind bei Verwandten untergekommen, nur ein kleiner Teil konnte in behelfsmäßig reparierte Häuser zurückkehren. Auch hier sind die meisten Almosenempfänger geworden und handeln entsprechend: nehmen, was immer sie bekommen, und klagen, wann immer sie ihr Leid ausschütten können. Entscheidend ist dabei nicht, dass von den 78.000 Häusern, die in Sri Lanka neu gebaut werden müssen, zum Jahreswechsel erst 5000 fertig gestellt sein werden: eine gut organisierte Wiederansiedlung nimmt wenigstens drei Jahre in Anspruch. Angst und Verzweiflung schürt vielmehr der Umstand, dass auch im Süden unklar ist, ob mit einer Wiederansiedlung überhaupt begonnen wird. Das liegt hier am fehlenden Land und den unsicheren Land- und Siedlungsrechten, und ist doch nicht nur eine Frage des Hausbaus. Nach offizieller Schätzung hat das Seebeben 516.500 "livelihood options" vernichtet. Damit sind nicht formelle "Arbeitsplätze", sondern Lebensunterhaltsmöglichkeiten einer informellen Ökonomie kollektiv bewältigter Armut gemeint. Soll dafür Ersatz geschaffen werden, müssen die Betroffenen selbst zum Zug kommen, muss der Wiederaufbauprozess ihr Prozess werden.

Daran aber fehlt es überall, und nicht etwa, weil die Leute dazu nicht in der Lage wären. Denn trotz des ungeheuren Ausmaßes von Tod und Verwüstung gab es auf Sri Lanka anfangs eben keine "humanitäre Katastrophe", kam es weder zu Epidemien noch zu Hungerausbrüchen. Die Überlebenden halfen sich aus der Informalität ihrer Zusammenhänge und über die sozialen Spaltungen hinweg. Lastwagen aus dem Süden brachten Helfer, Lebensmittel und Kleidung auch in "LTTE-controlled areas", die der tamilischen Nationalbewegung verbundene "Tamils Rehabilitation Organisation" (TRO) versorgte Obdachlose auch in singhalesischem Gebiet. Das Zusammenspiel zwischen familiären und dörflichen Selbsthilfestrukturen, einheimischen und schon länger vor Ort tätigen internationalen NGOs sowie den lokalen Regierungsstellen klappte überraschend gut. Bald aber wurde der Tsunami zum "Window of Opportunity" zuerst der Regierung in Colombo, dann für die Invasion von rund 1000 neu einfliegenden Hilfsorganisationen – genaue Zahlen fehlen, da sich nur 300 registrieren ließen. Erstere richtete an allen Küsten bis zu 200 Meter breite "Pufferzonen" ein, deren Wiederbesiedelung verboten wurde. Letztere konkurrierten um Unterbringung und Versorgung der damit von der Rückkehr zur Küste abgeschnittenen Fischergemeinden und untergruben dabei die soziale Infrastruktur der Selbsthilfe. Mit unbegrenzten Budgets, doch ohne Vorkenntnissen und ortskundige Partner, warben die Invasoren der Hilfe erst einmal Fachkräfte an, vom Fahrer und der Übersetzerin über Handwerker, Ingenieure bis zur anerkannten Sprecherin der Dorfgemeinschaft. Das gelang ihnen, weil sie bis zum Fünffachen der bis dahin üblichen Gehälter zahlten. Ins Unbezahlbare stiegen auch die Mieten für Büro- und Lagergebäude, die Preise für Baumaterial, Maschinen und Werkzeuge, die Abrechnungen örtlicher Unternehmen. Selbsthilfegruppen der Betroffenen, sie begleitende soziale Organisationen, sogar die Amtstellen der "Government Agents" wurden für die "Implementierung" von Hilfsprogrammen in Dienst genommen, an deren Ausgestaltung sie nicht beteiligt wurden. Sivapragasam, Mitarbeiter einer lokalen Entwicklungshilfeorganisation, erzählt uns, dass die Koordinierungstreffen im moslemisch dominierten Ampara vom Büro des "Government Agent" in das einer irisch-katholischen NGO verlegt wurden, die damit die lokale Verwaltung, örtliche NGOs und erst recht die Betroffenen an die Wand spielte. Dem folgte der Versuch, die gewonnene Macht auch politisch einzusetzen: den Männern im "Cash for Work"-Programm den Besuch der Moschee, den Frauen das Tragen des Schleiers zu verwehren.

Nicht nur Sivapragasam bezeichnet solche Hilfe als "soft colonialism", ähnliche Geschichten erzählt man uns überall. Damit es anders werden kann, wird die Beteiligung der Betroffenen auf allen Ebenen der Planung und Entscheidung und eine dezentrale Koordination des Wiederaufbaus von unten nach oben eingefordert. Einheimische und internationale Hilfsorganisationen sollen dazu ihre Mittel und Kenntnisse zur Verfügung stellen, eine Forderung, die nicht nur die Partnerorganisationen von medico und Brot für die Welt mittragen. Materielle Voraussetzung dafür wäre die Aufhebung der "Pufferzonen". Die Regelung wurde zum Trumpf in den Händen der von der Präsidentin Bandaranaike mit der Planung des Wiederaufbaus betrauten "Task Force for Rebuilding the Nation" (TAFREN). Die von Spitzenmanagern der Wirtschaft geleitete Behörde legte "Entwicklungsprogramme" neu auf, die lange vor dem Seebeben entworfen, doch bisher auch wegen des Widerstands der Betroffenen nicht umgesetzt wurden. An den vom Tsunami freigespülten Küsten sollen Hotelanlagen des gehobenen Bedarfs Platz finden, dafür sollen Häfen erweitert, neue Straßen und Highways gebaut werden. "Building Back Better" lautet dazu der regierungsamtliche Slogan. Der neue Präsident hat TAFREN aufgelöst und durch die "Reconstruction and Development Agency" (RADA) ersetzt. Zurück in Colombo, treffen wir Rachel Perera und Indhra Rajapaksa, deren für "zivilgesellschaftliche Koordination" und "livelihood" zuständige Direktoren. Auch sie räumen jetzt der Beteiligung der Betroffenen erste Priorität ein. Als wir fragen, ob damit die TAFREN-Pläne hinfällig werden, stoßen wir auf Erstaunen: "Nein, natürlich nicht, warum auch?"

Ja, warum auch? Es bleibt dabei, dass mit der Beteiligung der Betroffenen die Betroffenen selbst den Anfang machen müssen. Wenn wir nicht gänzlich pessimistisch aus Sri Lanka zurückkehren, liegt das daran, dass wir auch dafür Zeuginnen und Zeugen gefunden haben, bei vielen NGOs, manchen "Government Agents", in den "transitional camps", zuletzt bei denen, die sich auf eigene Faust ihren Spielraum freier Beweglichkeit geschaffen haben. Kein Zufall übrigens, dass der in nicht wenigen Fällen wieder an den Stränden liegt, trotz des Verbots. Noch ist Regenzeit auf Sri Lanka.

Thomas Seibert

Dieser Artikel erschien leicht gekürzt in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 05.01.2006

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