Sri Lankas traurige Tropen
Hilfe, Selbsthilfe und soft colonialism nach dem Tsunami
Initiiert von Brot für die Welt, medico international und der Heinrich
Böll-Stiftung reiste vom 2. bis zum 12. Dezember eine "Fact Finding Mission"
durch Sri Lanka. Ziel war nicht eine technische Evaluation von Nothilfe und
Wiederaufbau, sondern eine politische Analyse ihres gesellschaftlichen Kontexts.
Drei Mitglieder der Mission kamen aus Deutschland bzw. Großbritannien, zwei aus
Sri Lanka, begleitend nahmen eine Mitarbeiterin und ein Mitarbeiter von Brot für
die Welt bzw. medico an der Reise teil.
Wie andere Metropolen des Südens wächst auch Colombo im unregulierten Zuzug
ungezählter Menschen aus der ländlichen Armut. Eher als von einer Stadt wäre von
einem weit ins Umland wuchernden semi-urbanen Raum zu sprechen, der im Norden
Negombo, im Süden Moratuwa und nordöstlich das einhundertfünfzig Kilometer
entfernte Kandy einschließt. Die Landstraßen, die Colombo mit seinen
Nachbarstädten verbinden, sind zu beiden Seiten dicht besiedelt, hier reiht sich
Haus an Haus, bieten Werkstätten, Läden, Restaurants den Vorbeiziehenden ihre
Waren und Dienste an. Stossstange an Stossstange drängeln unter gellendem Gehupe
Mopeds, Dreiräder, Autos, Busse und LKW in die Stadtmitte, der Verkehr ist dem
Zusammenbruch nahe, die Abgase schnüren die Atemwege zu, lassen die Augen
tränen. Vom unaufhörlichen Zustrom neuer Bewohner künden auch die zahllosen
Hotels der Pendler und Wanderarbeiter. Durch grellbunte Ladenschilder kenntlich,
verfügen sie neben einem Garküchenrestaurant über nur einen weiteren, mit
Bettgestellen gefüllten Raum. Wer sich hier einmietet, hat Schlafstatt und
Waschgelegenheit, an Leinen hängt frisch gewaschene Kleidung in schwülfeuchter
Luft. Das ist nicht wenig in einem Land von achtzehn Millionen Bewohnern, von
denen über 350.000 zum Teil schon seit zwanzig Jahren in "transitional camps",
in Übergangslagern, zu leben gezwungen ist, vertrieben von einem noch nicht
befriedeten Bürgerkrieg. Die Moderne, sagt der Philosoph Gilles Deleuze, ist ein
Prozess fortlaufender "Ent-Ortung", der unaufhörlich von Versuchen der
"Wieder-Verortung" gekreuzt wird; einen Ort des Aufenthalts findet hier nur, wer
sich einen Spielraum freier Beweglichkeit zu schaffen vermag. Sri Lanka ist so
gesehen ein extrem modernes Land.
Hilfsorganisationen haben es überall auf der Welt mit denen zu tun, die sich
dabei in gefährdetster Lage befinden. Ihre erste Aufgabe besteht oft darin,
gewaltsam ent-orteten Menschen "temporary shelter", vorübergehende Unterkunft,
zu gewähren. Wir wollen herausfinden, wie es um die halbe Million Männer, Frauen
und Kinder bestellt ist, die der Tsunami den länger schon Obdach- und
Auskommenslosen hinzugefügt hat. In Colombo befragen wir dazu Mitarbeiterinnen
und Mitarbeiter von Hilfsorganisationen und anderen NGOs, Vertreter der
Zivilgesellschaft, der Regierung und der UN. Dann teilen wir uns in zwei
Gruppen, bereisen den tamilischen und moslemischen Nordosten und den
singhalesisch-buddhistischen Süden.
Unser erstes Gespräch führen wir gleich nach der Ankunft im Hotel, wo wir
Norbert Ropers von der Berghof Stiftung treffen. Wir stellen ihm die Fragen, die
in Sri Lanka augenblicklich am häufigsten gestellt werden: Wie ist der
Wahlausgang zu bewerten? Was bedeutet die Wahl des Hardliners Mahinda Rajapakse
für den Friedensprozess zwischen singhalesisch dominiertem Staat und den
Guerillas der Liberation Tiger of Tamil Eelam (LTTE)? Warum haben die Tiger mit
ihrem Wahlboykott dessen Sieg befördert? Ropers glaubt, dass die strategischen
Kalküle der verfeindeten Parteien Raum für eine "Zwischenlösung" lassen, die
jede für ihre Zwecke nutzen zu können glaubt. Doch schließt auch er nicht aus,
dass es mit dem Ende der Regenzeit zum Krieg kommt. So stehen Hilfe und
Selbsthilfe nach dem Seebeben unter der Drohung eines zweiten Tsunami, der dann
unmittelbar eine gesellschaftliche Katastrophe wäre. Dabei haben schon die
Flutwellen die Leute nicht "naturgemäß", sondern im Unmaß einer fortdauernden
Hierarchie des Elends getroffen, die Weißen und Einheimischen, Tamilen,
Singhalesen und Moslems, Tsunami- und Bürgerkriegsopfern, Armen und Ärmsten
unterschiedliche soziale Positionen zuweist und darin gegeneinander vereinzelt.
Was das heißt, erzählen uns vor Ort diejenigen, die man "beneficiaries",
Nutznießer nennt. Dabei war zunächst gar nicht klar, ob wir überhaupt in den
Nordosten fahren könnten. Aus Jaffna, aus dem von der LTTE kontrollierten Vanni,
aus Trincomalee und Batticaloa erreichten uns erschreckende Nachrichten: zwei
Minenanschläge mit sechzehn toten Soldaten, gezielte Tötungen und
Ausschreitungen zwischen Tamilen und Moslems, Truppenbewegungen erheblichen
Umfangs. Es scheint, als ob der schmutzige Schattenkrieg, der täglich zehn bis
fünfzehn Menschenleben kostet, außer Kontrolle gerät. Wir fahren trotzdem und
wollen uns von Tag zu Tag entscheiden, ein Kleinbus bringt uns nach Vavuniya an
der Grenze zum Tigergebiet, wo wir Mitarbeiter unserer Partnerorganisation SEED
treffen, die auf beiden Seiten arbeitet. Der "Grenzübergang" ist reichlich
ungewöhnlich: erst der Checkpoint der Armee, im Niemandsland das Rote Kreuz,
dann der Posten der LTTE. Dahinter verlieren unsere Handys augenblicklich ihr
Netz, weder Armee noch Guerilla interessieren sich für einen freien Fluss der
Information. Wir fahren nach Mullaittivu und Kilinochchi, besuchen
Übergangslager für Tsunami- und für Bürgerkriegs-Überlebende. Einige Lager hat
der Regen überflutet, der das Land zu Beginn des Monsuns heimgesucht hat. Die
Leute haben Angst vor weiterer Überschwemmung, vor einem neuen Krieg, vor allem
aber davor, die "permanent houses" nie beziehen zu können, die man ihnen
verspricht. Bei Mullaittivu erzählt uns ein Mann, dass er bereits elf Mal
vertrieben wurde, immer dann, wenn ein Neuanfang, eine "Wieder-Verortung" zu
gelingen schien. Auch unsere anderen Gesprächspartner an diesem Tag, die
couragierte "Government Agent" des Distrikts und ihr Partner in der
Doppelherrschaft, der "Acting General Secretary" der LTTE-Zivilverwaltung,
befürchten, dass die Ortlosigkeit des "temporary shelter" auf Dauer gestellt
wird. Obwohl im Nordosten 60% des Gesamtschadens verzeichnet werden, gelangt nur
ein verschwindender Bruchteil der Hilfsgelder und –mittel hier her, weil ein von
Regierung und LTTE getroffenes Ausgleichsabkommen auf singhalesische Initiative
außer Kraft gesetzt wurde. Immer wieder sagt man uns: "Nicht einmal der Tsunami
bringt sie dazu, mit uns zu teilen!"
Dabei lebt auch im Süden die Hälfte der vom Tsunami betroffenen Menschen noch
immer in den Wellblechhütten der "transitional camps". Zahllose andere sind bei
Verwandten untergekommen, nur ein kleiner Teil konnte in behelfsmäßig reparierte
Häuser zurückkehren. Auch hier sind die meisten Almosenempfänger geworden und
handeln entsprechend: nehmen, was immer sie bekommen, und klagen, wann immer sie
ihr Leid ausschütten können. Entscheidend ist dabei nicht, dass von den 78.000
Häusern, die in Sri Lanka neu gebaut werden müssen, zum Jahreswechsel erst 5000
fertig gestellt sein werden: eine gut organisierte Wiederansiedlung nimmt
wenigstens drei Jahre in Anspruch. Angst und Verzweiflung schürt vielmehr der
Umstand, dass auch im Süden unklar ist, ob mit einer Wiederansiedlung überhaupt
begonnen wird. Das liegt hier am fehlenden Land und den unsicheren Land- und
Siedlungsrechten, und ist doch nicht nur eine Frage des Hausbaus. Nach
offizieller Schätzung hat das Seebeben 516.500 "livelihood options" vernichtet.
Damit sind nicht formelle "Arbeitsplätze", sondern Lebensunterhaltsmöglichkeiten
einer informellen Ökonomie kollektiv bewältigter Armut gemeint. Soll dafür
Ersatz geschaffen werden, müssen die Betroffenen selbst zum Zug kommen, muss der
Wiederaufbauprozess ihr Prozess werden.
Daran aber fehlt es überall, und nicht etwa, weil die Leute dazu nicht in der
Lage wären. Denn trotz des ungeheuren Ausmaßes von Tod und Verwüstung gab es auf
Sri Lanka anfangs eben keine "humanitäre Katastrophe", kam es weder zu Epidemien
noch zu Hungerausbrüchen. Die Überlebenden halfen sich aus der Informalität
ihrer Zusammenhänge und über die sozialen Spaltungen hinweg. Lastwagen aus dem
Süden brachten Helfer, Lebensmittel und Kleidung auch in "LTTE-controlled
areas", die der tamilischen Nationalbewegung verbundene "Tamils Rehabilitation
Organisation" (TRO) versorgte Obdachlose auch in singhalesischem Gebiet. Das
Zusammenspiel zwischen familiären und dörflichen Selbsthilfestrukturen,
einheimischen und schon länger vor Ort tätigen internationalen NGOs sowie den
lokalen Regierungsstellen klappte überraschend gut. Bald aber wurde der Tsunami
zum "Window of Opportunity" zuerst der Regierung in Colombo, dann für die
Invasion von rund 1000 neu einfliegenden Hilfsorganisationen – genaue Zahlen
fehlen, da sich nur 300 registrieren ließen. Erstere richtete an allen Küsten
bis zu 200 Meter breite "Pufferzonen" ein, deren Wiederbesiedelung verboten
wurde. Letztere konkurrierten um Unterbringung und Versorgung der damit von der
Rückkehr zur Küste abgeschnittenen Fischergemeinden und untergruben dabei die
soziale Infrastruktur der Selbsthilfe. Mit unbegrenzten Budgets, doch ohne
Vorkenntnissen und ortskundige Partner, warben die Invasoren der Hilfe erst
einmal Fachkräfte an, vom Fahrer und der Übersetzerin über Handwerker,
Ingenieure bis zur anerkannten Sprecherin der Dorfgemeinschaft. Das gelang
ihnen, weil sie bis zum Fünffachen der bis dahin üblichen Gehälter zahlten. Ins
Unbezahlbare stiegen auch die Mieten für Büro- und Lagergebäude, die Preise für
Baumaterial, Maschinen und Werkzeuge, die Abrechnungen örtlicher Unternehmen.
Selbsthilfegruppen der Betroffenen, sie begleitende soziale Organisationen,
sogar die Amtstellen der "Government Agents" wurden für die "Implementierung"
von Hilfsprogrammen in Dienst genommen, an deren Ausgestaltung sie nicht
beteiligt wurden. Sivapragasam, Mitarbeiter einer lokalen
Entwicklungshilfeorganisation, erzählt uns, dass die Koordinierungstreffen im
moslemisch dominierten Ampara vom Büro des "Government Agent" in das einer
irisch-katholischen NGO verlegt wurden, die damit die lokale Verwaltung,
örtliche NGOs und erst recht die Betroffenen an die Wand spielte. Dem folgte der
Versuch, die gewonnene Macht auch politisch einzusetzen: den Männern im "Cash
for Work"-Programm den Besuch der Moschee, den Frauen das Tragen des Schleiers
zu verwehren.
Nicht nur Sivapragasam bezeichnet solche Hilfe als "soft colonialism", ähnliche
Geschichten erzählt man uns überall. Damit es anders werden kann, wird die
Beteiligung der Betroffenen auf allen Ebenen der Planung und Entscheidung und
eine dezentrale Koordination des Wiederaufbaus von unten nach oben eingefordert.
Einheimische und internationale Hilfsorganisationen sollen dazu ihre Mittel und
Kenntnisse zur Verfügung stellen, eine Forderung, die nicht nur die
Partnerorganisationen von medico und Brot für die Welt mittragen. Materielle
Voraussetzung dafür wäre die Aufhebung der "Pufferzonen". Die Regelung wurde zum
Trumpf in den Händen der von der Präsidentin Bandaranaike mit der Planung des
Wiederaufbaus betrauten "Task Force for Rebuilding the Nation" (TAFREN). Die von
Spitzenmanagern der Wirtschaft geleitete Behörde legte "Entwicklungsprogramme"
neu auf, die lange vor dem Seebeben entworfen, doch bisher auch wegen des
Widerstands der Betroffenen nicht umgesetzt wurden. An den vom Tsunami
freigespülten Küsten sollen Hotelanlagen des gehobenen Bedarfs Platz finden,
dafür sollen Häfen erweitert, neue Straßen und Highways gebaut werden. "Building
Back Better" lautet dazu der regierungsamtliche Slogan. Der neue Präsident hat
TAFREN aufgelöst und durch die "Reconstruction and Development Agency" (RADA)
ersetzt. Zurück in Colombo, treffen wir Rachel Perera und Indhra Rajapaksa,
deren für "zivilgesellschaftliche Koordination" und "livelihood" zuständige
Direktoren. Auch sie räumen jetzt der Beteiligung der Betroffenen erste
Priorität ein. Als wir fragen, ob damit die TAFREN-Pläne hinfällig werden,
stoßen wir auf Erstaunen: "Nein, natürlich nicht, warum auch?"
Ja, warum auch? Es bleibt dabei, dass mit der Beteiligung der Betroffenen die
Betroffenen selbst den Anfang machen müssen. Wenn wir nicht gänzlich
pessimistisch aus Sri Lanka zurückkehren, liegt das daran, dass wir auch dafür
Zeuginnen und Zeugen gefunden haben, bei vielen NGOs, manchen "Government
Agents", in den "transitional camps", zuletzt bei denen, die sich auf eigene
Faust ihren Spielraum freier Beweglichkeit geschaffen haben. Kein Zufall
übrigens, dass der in nicht wenigen Fällen wieder an den Stränden liegt, trotz
des Verbots. Noch ist Regenzeit auf Sri Lanka.
Thomas Seibert
Dieser Artikel erschien leicht gekürzt in der Frankfurter
Allgemeinen Zeitung vom 05.01.2006
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