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Indien & Sri Lanka


Reisebericht Sri Lanka und Indien 9.7. bis 31.7.2006

Vom 9. bis zum 31.7 2006 reisten medico-Mitarbeiter nach Sri Lanka und Indien und besuchten die Partner, die wir dort nach dem Tsunami gefunden haben. Wir dokumentierten Auszüge ihres Berichts zur aktuellen Situation in Sri Lanka und Indien und zum Stand der medico-Projekte
 

   

  

Sri Lanka 9.7.-12.7.2006

Die politische Situation hat sich seit meinem letzten Besuch vor acht Monaten (Dezember 06) grundlegend geändert. Mehr als tausend Tote haben die gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen den Rebellen der Liberation Tigers of Tamil Eelam (LTTE) und der singhalesischen Regierungsarmee seit Januar 2006 in den Nordostgebieten gefordert. Bombardements durch die singhalesische Armee auf Jaffna, Kilinochchi, Mullaitivu,Trincomalee und Batticaloa sowie Selbstmordattentate von Seiten der LTTE haben den Frieden in weite Ferne gerückt. Bereits am Flughafen ist das Militäraufgebot unübersehbar, überall Checkpoints, an denen unser Fahrer R. und ich angehalten und kontrolliert werden. (Namen unserer Partner in Sri Lanka wegen der Sicherheitslage gekürzt.)
Die Wahl, das Hotel nicht in Colombo sondern - fünf Minuten vom Flughafen und eine Stunde von der Hauptstadt entfernt - in Negombo zu suchen, erweist sich noch in vielerlei Hinsicht als sinnvoll. Negombo wird das „Rom von Sri Lanka“ genannt, die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung ist katholisch, der Bildungsstandard liegt im Vergleich zum Rest des Landes überdurchschnittlich hoch, genauso wie das Pro-Kopf-Einkommen. Viele EinwohnerInnen Negombos sprechen Tamil, weil ihrer Vorfahren tamilische Teeplantagenarbeiter indischer Abstammung waren, die zum Katholizismus konvertierten.
Bei meiner Ankunft sonntags nachmittags setze ich mich telefonisch mit G. von unserer Partnerorganisation SWEED in Verbindung. Er will in der Nacht auf Dienstag im Hotel auftauchen. Wir verabreden, dass er sich bei P. meldet, der ihn in sein Zimmer aufnehmen wird. P., unsere „singhalesische“ Tarnwaffe, regelt die mitternächtliche Ankunft seines Zimmerkollegen bei der Hotelrezeption.

Centre for Performing Arts, Colombo

Montagmorgen fahre ich nach Colombo, um S. und sein Team vom Centre für Performing Arts (CPA) zu besuchen. Während der einstündigen Fahrt passieren in die Stadt passieren wir nur zwei Checkpoints. In Colombo selbst gibt es keine Sperren, dafür steht an jeder Straßenecke ein Soldat mit Gewehr im Anschlag. Die Stadt ist menschenleer und nur sehr wenige Autos sind unterwegs. Die großen Konvois der Jeeps internationaler Hilfsorganisationen sind aus dem Stadtbild verschwunden.

CPA organisiert friedensbildende Maßnahmen für und mit Frauen, Kindern und Jugendlichen. Bisher wurden verschiedene workshops (Tanz und Theather), Peace camps und Veranstaltungen zum internationalen Frauentag durchgeführt. Die Organisation folgt einem multiethnischen und multireligiösen Ansatz und bringt Leute singhalesischer und tamilischer bzw. buddhistischer, hinduistischer, moslemischer und christlicher Herkunft zusammen. Im Büro treffe ich etwa 12 junge Männer und zwei Frauen an, alles Tamilen aus dem Nordosten, überwiegend aus Jaffna. Zwei etwa 20 Jahre alte Männer von ihnen sind erst am Abend zuvor angekommen. Über Umwege und schlussendlich bis Batticaloa waren die beiden problemlos durchgekommen. Dann gerieten sie mit einem Kleinbus in eine Militärkontrolle. Drei ihrer Mitreisenden wurden auf Nachfragen der Soldaten, woher sie kämen, als Lügner enttarnt. In Panik hatten sie behauptet, sie seien aus Batticaloa, mussten dann aber ihre Ausweise vorzeigen, die sie als Einwohner Jaffnas identifizierten. Die drei jungen Männer und der Fahrer des Wagens, dessen Wagenpapiere auf Colombo und nicht wie angegeben auf Batticaloa zugelassen waren, wurden sofort festgenommen. Die zwei CP- Leute ließ man laufen, sie mussten stundenlang durch die Nacht, durch unkontrolliertes Gebiet zum nächsten Dorf gehen, wo sie dann mit einem Bus weiterfahren konnten. Die anderen jungen CPA-Leute haben das 80qm kleine Colombo-Büro auch nachts nicht mehr verlassen: Tamilen aus dem Nordosten riskieren, bei einer Kontrolle durch singhalesische Polizei oder Armee von der Straße weg verhaftet zu werden und unter konstruierten Anklagen in eines der Internierungslager gesteckt zu werden. Man berichtet mir, dass es mehrere dieser Lager gibt, besonders berüchtigt ist das in der Nähe von Galle und ein anderes bei Kandy. Die Tamilen werden dort bei ihrer Ankunft überprüft, befragt, und bei Verdacht angeblich auch gefoltert. Es gibt kaum Wasser und Nahrung.
Angeblich sind in den letzten Wochen mehrere hundert Tamilen, Männer und Frauen, in diese Lager verschleppt worden. V. aus Batticaloa berichtet, dass mittlerweile 750 Kinder und Jugendliche allein in seinem Distrikt vermisst sind, weil sie entweder von LTTE oder von der abtrünnigen „Karuna-Fraktion“ rekrutiert wurden. Diese Aussage wird später auch von G. bestätigt. Die verzweifelten Eltern wissen nicht, an wen sich wenden sollen, um ihre Kinder wieder zu finden. Die Regierungsarmee sei noch brutaler als in den 1980er Jahren. Früher zeigte man Respekt gegenüber den Religionsautoritäten, heute sind auch Bischöfe, Priester, Moslem Jamaat oder Mönche verdächtig, und die entsprechenden Gebetshäuser bzw. Kirchen – in denen die Zivilisten Schutz suchen - sind immer wieder Angriffsziel. Wer versucht den Tamilen zu helfen, gilt als „LTTE-Terrorist“ und damit als Feind. Sl., der Projektmanager, berichtet, dass auch NGOs, deren Tsunamiarbeit sich auf den Nordosten konzentriert, unter diesem Verdacht stehen und vom singhalesischen Sicherheitsapparat wie Feinde behandelt werden.

Doch auch die die singhalesische Bevölkerung wird jetzt Zielscheibe der Militärs. Nach Berichten von S. wurde ein singhalesischer Geschäftsmann im Gefängnis zu Tode gefoltert. Sein Vergehen: Er hatte vor einem möglichen Anschlag LTTE auf singhalesische Schulen gewarnt. Gefoltert wurde er, weil man wissen wollte, woher er diese Information hatte.
Am Peetha Market im Zentrum von Colombo gibt es eine große Tuchfabrik, in der ausschließlich singhalesiche Frauen arbeiten. Alle wurden in der vergangenen Woche nach Feierabend von den Soldaten auf ihre Personalien überprüft. Zwei Frauen wurden festgenommen, sie nur ihren Werksausweis dabei hatten. Ihre Familienangehörigen wissen noch heute nicht, wohin sie gebracht wurden. Hintergrund dieser Aktionen gegen Singhalesen ist eine tiefe Verunsicherung des Militär- und Polizeiapparat über undichte Stellen und „Tiger-Spione“ in den eigenen Reihen. Tatsächlich hat die LTTE beim kürzlich erfolgten Attentat auf einen Militärgeneral mit einem Soldaten zusammengearbeitet, der ihnen Informationen besorgte: Die Soldaten sind leicht bestechlich, weil die meisten aus armen Verhältnissen kommen, ungebildet sind und selten aus Überzeugung, sondern für einen hohen Sold kämpfen - der zur Zeit aber nur für Einsätze im Nordosten gezahlt wird.
Die Leute von CPA berichten von den zahlreichen bedrückenden Vorfällen in Jaffna, und wollen von mir wissen, warum die EU den fatalen Schritt beging, die Tiger als Terrororganisation zu listen. Die Leute deuten das als Kotau der EU vor dem US-amerikanischen Sicherheits- bzw. Terroristenwahn und machen die EU deshalb für die vielen Toten und das neue Elend der Tamilen mitverantwortlich. Eigentlich, so sagen sie, sei der Krieg schon voll im Gange.

Weil S., der Gründervater von CPA und ehemals Diözesanpriester in Jaffna, todkrank ist und in den nächsten Tagen drei Bypässe gelegt bekommt, führt Sl. z.Zt. die gesamten Geschäfte von CPA.

Social Welfare Economical and Environmental Developers (SWEED), Batticaloa

Bei unserem zweitägigen Treffen in Negombo berichtet G., dass die Sicherheitslage auch in Batticaloa sehr schwierig ist. LTTE, Karuna-Fraktion und Regierungsarmee liefern sich täglich militärische Gefechte, Kinder- und Jugendliche verschwinden, jede Nacht werden Menschen in ihren Häusern getötet. Die Anfahrt über den üblichen Landweg ist nicht mehr möglich. Er selbst ist per Zug nach Negombo angereist und hat statt der üblichen sieben ganze vierzehn Stunden benötigt. Auch die Kollegin der Partnerorganisation Cordaid, mit der er in der nächsten Woche verabredet ist, wird er in Negombo treffen, weil Polonaruwa, auf auf halber Strecke zwischen Batticaloa und Colombo gelegen, z.Zt. Hoheitsgebiet der Karuna-Leute ist. Colombo fällt als Treffpunkt aus: als Tamile aus dem Nordosten riskiert G. die Verschleppung in ein Internierungslager.

Im von medico finanzierten Siedlungsprojekt Manmunai leben nur noch vier Familien, die anderen shutteln zwischen Manmunai und Kattankudy. Ähnlich sieht es im zweiten SWEED-Projekt Ollikulam aus, das von Cordaid finanziert wird. Beide Siedlungen liegen zwischen dem Gebiet der LTTE und einem größeren Army Camp, also vor allem nachts direkt in der Schusslinie der Kontrahenten. Hinzu kommt, dass es in der Ollikulam-Siedlung nun verschärfte Konflikte zwischen Tamil/Muslimen, Tamilen/Hindus und Christen gibt. Das liegt zum einen daran, dass die Muslime aus Saudi Arabien finanziell gut versorgt werden und deshalb immer neues Land erwerben, was ihnen die Tamilen verübeln, die sich von „Muslimgrundstücken“ umzingelt fühlen. Zugleich verhindert der tamilische Distriktverwalter, dass die Muslime ihre bereits fertig gestellten Häuser beziehen können: erst solle nach den Bedürfnissen der Tamilen geschaut werden, es gäbe noch viele ohne ein Dach über dem Kopf. Dass diese Konflikte auf die Manmunai-Siedlung übergreifen könnten hält G. im Augenblick für unwahrscheinlich, so lange dort keine weitere „Landnahme“ stattfinde.

Navalady

Nach einigen anfänglichem Problemen hat nun die Grundsteinlegung stattgefunden. Bis Ende des Jahres wird SWEED gemeinsam mit den künftigen Nutzern, den Fischerfamilien, sollen ein Mehrzweckzentrum, ein Versammlungshaus für die Fischer und sanitäre Anlagen für die 152 Familien bauen; die örtliche Caritas – AHEAD – zeichnet verantwortlich für den Bau der Siedlungshäuser selbst. G. ist zuversichtlich, das unser Projekt trotz der eskalierenden politischen Situation zeitnah fertig gestellt wird. Allerdings werden die Baumaterialien teurer, z.Zt. rechnet er mit einer Verteuerung von etwa 20%, also circa 10 000 Euro Mehrkosten.

Die allgemeine politische Situation schätzt er so ein, dass der Krieg unvermeidlich kommen und sicher viel Leid bringen. Ein später angereister Freund von G., ein Hochlandtamile mit LTTE-Vergangenheit, prognostiziert, dass die Tiger bis zum letzten Tropfen Blut kämpfen werden, um eine Entscheidung herbeizuführen. Er berichtet von großen Arsenalen an modernen Waffen, die der LTTE zur Verfügung stünden, und dass sie ihre militärischen Strategien in kürzester Zeit geändert habe, um den abtrünnigen Rebellengeneral Karuna zu schwächen.

 

Indien 13.7.-31.7.2006

Community Development Organization Trust (C-DOT)/UDAVI, Chennai
 


Chennai Ernavoor, Tsunami Nagar: Jugendtreff
 

 


C-Dot Communnity Health Centre


Einkommen schaffende Maßnahmen: Kiosk
 

 


Frühstücksservice unter Welthungerhilfezelt


Semi permanente Gebäude

 


... und noch ein Kiosk mit Telefonbude

Ernavoor

Die Menschen aus den Notlagern Kargil Nagar und Kannagi Nagar sind mittlerweile in das sogenannte „Tsunami Nagar“ in Ernavoor, einem nahe dem Meer gelegenen Stadtteil, umgesiedelt worden. Es handelt sich um eine provisorische Siedlung mit semi-temporären Häusern am Stadtrand von Chennai. Den Bau der 1746 Häuser wollte zunächst die Deutsche Welthungerhilfe mit EU-Geldern durchführen. Kurzfristig und ohne Begründung hat die EU ihr Angebot dann zurückgezogen. Rajendran, der Leiter unseres Projektpartners C-DOT, berichtet, man habe ihm erzählt, dass es seitens der EU zu viele Auflagen gegeben habe, u.a. die Forderung nach einem eigens für das Management dieses Projekts abgestellten Mitarbeiter.
Das NGO-Konsortium von Chennai hat den Bau dann mit Hilfe von Cordaid und Care India realisiert, das Land wurde von der Regierung Tamil Nadus zur Verfügung gestellt. Zur Zeit leben 737 Familien auf dem Gelände, über 4000 Leute. Sie sind in der Mehrheit Dalits, d.h. sog. „Unberührbare“, die ihren Lebensunterhalt als Tagelöhner im Fischereigeschäft, Rickshaw-Fahrer, Bau-, Stahlarbeiter, Lastenträger, Feuerholzsammler und -verkäufer oder durch Stickereihandarbeiten für die Bekleidungsindustrie verdienen. Manche betreiben auch kleine Teestuben oder Telefon/Fax-Kioske. Das Durchschnittseinkommen beträgt 1500 Rupien im Monat, d.h. 26 Euro.

In der Siedlung gibt es nur zwei Anlaufstellen für die Menschen, um sozialmedizinische Unterstützung und Hilfe für ihre vielen Probleme und Nöte zu finden: Das Community Health Centre von C-Dot und das Büro der lokalen NGO People’s Action Movement (PAM). Beide Organisationen haben ihre Räumlichkeiten in einem gemeinsamen ebenerdigen Haus am Eingangsbereich der Siedlung. Das Gesundheitszentrum ist über eine barrierefreie Rampe zu erreichen, vor dem Eingang ist eine Veranda, die als Wartebereich genutzt werden kann, wenn ein Sonnen- bzw. Regenschutzdach angebracht wird. Eine große Halle (ca 50 qm) ist für Versammlungen, Besprechungen, Schulungen und Behandlungen vorgesehen, außerdem stehen zwei weitere separate Behandlungsräume (je 18 qm) zur Verfügung. Ein Raum wird als Konsulationsraum der Ärztin genutzt, der andere ist für Behandlungen mit Liegen und medizinischem Basisgerät wie Blutdruckmesser, Sterilisator usw. ausgerüstet. Es fehlt noch ein Kühlschrank und ein Telefon bzw. Handy, dass jedoch jetzt angeschafft werden soll.

Die Ärztin ist jeden Morgen außer Sonntags von sieben bis 13 Uhr anwesend. Sie berichtet, dass sie im Schnitt 60 Menschen am Tag konsultieren. Die Mehrheit der Bewohner ist auf Grund der Fehlernährung anämisch. Ansonsten sind regelmäßig Diarrhöe und andere hygienebedingte Erkrankungen zu behandeln. Zum fünfköpfigen Team von C-Dot gehören eine Krankenschwester und Sozialarbeits- und Psychologie-StudentInnen des Loyola College. Sie sind ganztägig vor Ort, die Nachtwache wird immer im Wechsel von zwei Teammitarbeitern durchgeführt.
Das Gesundheitszentrum existiert jetzt seit fünf Monaten. Großen Anklang fanden die zehn „Healthcamps“ (Seminare), deren Themen - Augenmedizin, Diarrhöe, Allgemeine Gesundheit, Hygiene und Sanitär, Gynäkologie, Pädiatrie sowie Ayurveda und Naturheilmedizin - jeweils von den Bewohnern selbst angeregt wurden.

Darüber hinaus hat C-Dot in enger Abstimmung mit den Bewohnern die folgenden regelmäßige Angebote und Programme entwickelt und durchgeführt:

Frauengesundheits-Training-Program

Frauen ab 16 Jahren haben 15 „Gesundheitsclubs“ gegründet und sich jeweils eine Team-Leiterin gewählt. Die Clubs bestehen aus 25 Mitgliedern. Jeder Club ist beschlussfähig organisiert, man trifft sich zwei Mal im Monat, jedes Treffen wird thematisch ausgerichtet (z.B. Hygiene, lokale bzw. soziale Probleme, Gesundheitsvorsorge). Im Anschluss an die Treffen gehen die Frauen in die Siedlung und informieren die anderen Bewohnerinnen. Die Krankenschwester und Ärztin sowie eine Sozialarbeiterin des C-Dot Teams begleiten die Treffen der Gesundheitsclubs. Die Team-Leiterinnen werden in regelmäßigen Schulungen in Basisgesundheitsversorgung und Prävention vom C-Dot Team begleitet und ausgebildet.

Selbsthilfe-Gruppe für Mädchen

Diese Gruppe besteht aus Dalit-Mädchen im Alter zwischen 16 und 21 Jahren. In regelmäßigen Treffen werden die Alltagsprobleme der Mädchen besprochen und mit Unterstützung der Sozialarbeitern und Psychologiestudenten sowie durch Rollenspiele Problemlösungsstrategien erarbeitet. Ausbildungs- und Geldsorgen, Heirat, Mitgift, Familienplanung und Gesundheit sind die dominierenden Probleme, es gibt Yogakurse und Schulungen zur Naturheilkosmetik. Gerade was die Zielgruppe der jungen Frauen anbetrifft hat Rajendran erstaunlichen Erfindungsreichtum bewiesen, um ihnen das übliche Programm von Nähkursen und Handarbeiten als vorgeblich „einkommensschaffende Maßnahme“ zu ersparen. Statt dessen wird das oben erwähnte Naturheilkosmetik-Training angeboten. Für Schlagzeilen in der Presse sorgte seine Idee, den Mädchen mit Unterstützung des Institute of Electronics and Computers India ein Training in „Cellphone Servicing“ anzubieten. Dabei handelt es sich um einen staatlich anerkannten Lehrgang, bei dem die Mädchen lernen, Handys zu reparieren. Nach Rajendras Angaben können sie nach der Ausbildung ein Gehalt von mindestens 10 000 Rupien monatlich erzielen. Seit Juni absolvieren die ersten 20 Mädchen aus der Ernavoor-Siedlung ihre Ausbildung, weitere Gruppen sind in Planung.

Selbsthilfe-Gruppe für Kinder

In dieser Gruppe kümmert sich das C-DOT-Team um 20 drogensüchtige Jungen, die sich seit ihrer frühen Kindheit alleine durchs Leben schlagen oder nur noch einen Elternteil haben, der sich aber wegen übermäßig schwerer Arbeit oder Krankheit nicht um sie sorgt. Sie lernen Lesen, Schreiben und Rechnen und werden zugleich mit Formen und Methoden gewaltfreier „Konfliktbewältigung“ vertraut gemacht.

Jugendgruppe

Hier erhalten 43 männliche Jugendliche psychosoziale Unterstützung. Auch hier ist ein großes Aggressionspotential das zentrale Problem, sind Wutanfälle ohne einen zunächst offensichtlich erkennbaren Grund an der Tagesordnung und belasten Familien- und Gemeinschaftsleben. In der Gruppe werden unter Einbezug der Familienmitglieder Konfliktlösungsstrategien erarbeitet; außerdem werden dir Jugendlichen im Straßentheater und in das Kulturteam eingebunden, das die medizinische Präventionsarbeit in den Camps und die Gesundheitsclubs der Frauen unterstützt.

Semmencherry
 


Semmencherry Community Health Centre
 

 


C-Dot Ärztin im Einsatz


Regierungsfinanzierte permanente Health and Empowerment Camp Gebäude
 

 


 



 

 


 


Federation of Indian Industrial Women Entrepreneurs führt einen Workshop zu Einkommen schaffenden Maßnahmen durch
 

 


 


C-Dot Büro in Chennai und ein Teil der MitarbeiterInnen
 

 


 


Frauen Health Camp in Semmencherry

 


Ärztin mit Krankenschwestern im Community Health Centre

Seit etwa drei Monaten unterhält C-DOT hier ein Gemeindezentrum, das Rajendran ursprünglich in einer permanenten Siedlung in der Nähe von Ernavoor einrichten wollte. Da der Besitzer das Land nicht zum Bau von permanenten Häusern freigab, siedelte die Regierung von Tamil Nadu die Tsunamiopfer etwa 30 Kilometer außerhalb der Stadt an und stampfte so eine Siedlung für gut 8000 Menschen aus dem Boden - alles zweistöckige Gebäude mit sanitären Anlagen. Geplant ist, hier noch weitere Menschen aus Tsumani-Notlagern und aus den Slums von Chennai unterzubringen, um auf diese Weise Marina Beach und andere Stadtstrände von den Armen und ihren kleinen Geschäften und Kiosken zu säubern. Ein echtes Vorzeige-Projekt für verfehlte Entwicklungsprogramme: Wer nach Semmencherry will, muss von Chennai aus etwa eine Stunde entlang über den sogenannten „IT-Korridor“ fahren, eine Ausfallstraße, an der sich in den vergangenen zwei Jahren internationale und nationale IT-Unternehmen mit ihren Glas/Stahl Bauten niedergelassen haben.. Obwohl hier bereits 4000 Menschen leben, ist erst die Hälfte der Häuser bewohnt. Es gibt ein Dach über dem Kopf und eine Gemeindezentrum, aber keine Schule, keinen Laden - und keine Arbeitmöglichkeiten. C-DOT ist die einzige NGO, die von der Regierung die Erlaubnis erhalten hat, in der Siedlung zu arbeiten: Ein medizinisches Projekt erschien der Regierung wohl unverdächtig. Dem People’s Action Movement (PAM) wurde die Eröffnung eines Büros untersagt, die medico-Partner kommen trotzdem, reisen morgens an und fahren abends nach Chennai zurück, ein mühsames Geschäft, manchmal übernachten sie im Gesundheitszentrum oder im Gemeindehaus. Die größte Sorge gilt den „einkommensschaffenden Maßnahmen“ – hier, in the middle of nowhere. Es gibt die Idee, den Mitarbeitern der nahegelegenen IT Firmen Essen zu liefern, eine fragwürdige Idee, weil die hochkastigen IT Angestellten niemals ein von Dalits gekochtes Essen berühren, geschweige denn, essen würden. Rajendran hat deshalb mit der Federation of Indian Industrial Women Entrepreneurs (FIIWES) andere Einkommensprogramme entwickelt, für die er jetzt Startkapital sucht. Dabei geht es um kleine Geschäfte und Unternehmungen, deren Arbeit direkt der Siedlung zugutekommen soll, in der es bisher keine Infrastruktur gibt.

Das Community Health Centre hält ein ähnliches Programm vor wie bereits in Ernavoor geschildert. Eine junge Ärztin und eine Krankenschwester stehen täglich vormittags zur Verfügung, im Schnitt kommen 70 Menschen täglich zu den Konsultationen. Es werden Health Camps und Selbsthilfegruppen organisiert. Die Einrichtung ist von den Räumlichkeiten etwas kleiner als in Ernavoor, aber die Ärztin war zufrieden, bis auf den ebenfalls noch fehlenden Kühlschrank, das Telefon und einen Sonnen/bzw Regenschutz vor dem Zentrum. Auch hier sind es überwiegend Frauen, die Leiterinnen der Health Clubs, die von der Ärztin und dem vierköpfigen C-DOT-Team in ihre Aufgaben als „Community Health Worker“ eingewiesen werden.

Darüber hinaus sind die Räumlichkeiten Anlauf- und Startpunkt aller Aktivitäten und Widerstände, die hier durch NGOs und mit den Menschen organisiert werden. So wurden bereits Petitionen und Forderungen an die Regierung verfasst, Startkapital für Einkommen schaffende Maßnahmen zur Verfügung zu stellen, worship-places für Hindus, Moslems und Christen zu bauen und für Schul- und Ausbildungsmöglichkeiten, Busverbindungen in die Stadt zu sorgen. Rajendra meint, der Kampf hat erst angefangen.

Das Büro von C-DOT liegt in einem Vorort von Chennai, besteht aus zwei großen Räumen und wirkt bescheiden. Es gibt nur einen Computer – was in Ordnung sei, weil das Budget keine große Infrastruktur für die Organisation vorsehe, sondern den Schwerpunkt auf die Feldarbeit lege. Von hier aus lassen sich beide Projekte verkehrstechnisch schnell erreichen. Abgesehen von administrativen Aufgaben werden hier auch Trainingsprogramme wie für das Cellphone Servicing für die Mädchen aus Ernavoor durchgeführt.

Das C-DOT Team hat in nur fünf Monaten viel geschafft, ihr Engagement wird von den Menschen angenommen und ist erfolgreich integriert in die Wiederaufbauarbeit für die Geschädigten der Tsunami-Katastrophe.

Rural, Educational Development Society (REDS), Indienstudie, Kanyakumari/Madurai
 


Das REDS Research Team und medicolerinnen
 

 


Präsentation der Indienstudie in Kanyakumari
 


250 TeilnehmerInnen von lokalen und internationalen NGOs waren zur Präsentation angereist.
 

 


REDS Direktor S. Alexander stellte die Resultate dem Forum zur Diskussion
 


Pressekonferenz

 


Pressekonferenz

Im Juni 2005 hat medico der indischen Partnerorganisation REDS und dem Frankfurter Journalisten Jürgen Weber 20.000 Euro für die Durchführung der Studie bewilligt, die die Lage der Tsunami-Überlebenden in Tamil Nadu untersuchen sollte. Der Abschluss der Datensammlung (1.500 Fragebögen) war für Anfang Mai geplant, die Auswertung der Daten und die Studie sollte dann im Juni vorliegen. Da sich vor allem der Prozess der Auswertung als sehr viel schwieriger erwies als vorgesehen, zogen wir eine ganze Reihe weiterer Experten aus Chennai hinzu, darunter den Kommunikatiobnswissenschaftler Prof. Dr. Stephen und seinen Kollegen Dr. G. Shankar von der Philosophischen Fakultät des Loyola Colleges sowie den Leiter des NGO-Konsortiums, Father Manu Alphonse. Die Präsentation der Studie wurde dann ein großer Erfolg: 250 Teilnehmer aus nah und fern, Vertreter von internationalen Hilfsorganisationen wie terre des hommes, Caritas und Misereor waren ebenso anwesend wie Delegierte zahlreicher lokaler NGOs – und der Befragten selbst, die wissen wollten, ob und wie ihre Zeugnisse Niederschlag in den Resultaten gefunden hatten. Alle waren begeistert von der Studie und ihren Ergebnissen: „Darauf haben wir schon lange gewartet!“ Eine große Pressekonferenz zu Beginn der Veranstaltung hatte eine große Gruppe von regionaler und über überregionaler Presse zusammengebracht: das staatliche Fernsehen Doordashan, lokale Fernsehsender, der Kabelsender Sun TV, Journalisten der Zeitung The Hindu und medico-Partner Max Martin von Tsunami Response Watch. Lokale NGOs wollen die Studie in ihrem Kampf für und mit den Leuten nutzen, die bei der Nothilfe übergangen oder ausgeschlossen wurden.

Community and Rural Development Society (CARDS), Guntur
 


Community Health Centre Saryalanka
 

 


Community Health Centre Harbour Area kurz vor der Fertigstellung
 


Eye-Camp im Health Centre Saryalanka ...
 

 


... mit Unterstützung von Augenärzten aus Hyderabad
 


Patientenkarten werden angelegt, Medikamente verschrieben, Brillen angepasst
 

 


 


Typisches Wohnhaus der Fischerfamilien im Distrikt Nizampattnam

 


Trockenfischverkäuferin

Für den Bau von sieben Community Health Centres durch die Partnerorganisation CARDS hat medico insgesamt Euro 41, 621.00 bewilligt. Das Projekt wird an der vom Tsunami betroffenen Küste des Distrikts Guntur im Bundesstaat Andhra Pradesh in den folgenden Dörfern Saryalanka, Veranki Palem, Krupa Nagar, Pallepallam, Pattapupalem, Chita, Revu, Gekarnamatam, Ollarevum Molaguntar, Machilipattnam und Nizampattnam umgesetzt. Zum Projektbesuch waren fünf Zentren fertig gestellt, eins stand kurz vor der Vollendung. Der Bau in Ollarevum hatte noch nicht begonnen. Das Projekt sollte Ende April 2006 fertig gestellt sein, jedoch auf Grund der starken Regenfälle und Überschwemmungen von September bis Dezember 2005 hat sich der Abschluss um sechs Monate verzögert. Nach Angaben von CARDS soll das Projekt im September 2006 abgeschlossen sein.
Zur Zeit findet in den bereits fertig gestellten Zentren in Kooperation von einer Krankenschwester und einem Arzt die Ausbildung von Gemeindegesundheitsarbeitern statt. Bei unserem Besuch wurde im Centre in Saryalanka ein „eyecamp“ durchgeführt, bei dem vor allem Frauen und ältere Menschen nach einer augenärztlichen Untersuchung Medikamente und Brillen erhalten.. Das Camp wurde in Kooperation mit dem Child Care Centre und Augenärzten aus Hyderabad durchgeführt.

Achan, India Disasters.org, Tsunami Response Watch

Das Website-Projekt der läuft weiter und wird neben medico auch von Cordaid unterstützt. Für die nächste Zeit ist ein Medienfestival in Chennai geplant, bei dem sowohl für traditionelle Medienformen wie Straßen- und Puppentheater als auch für ein Community Radio geworben werden soll, das Ajith vom Disasters.org-Team hmit Fischern in Trivandrum im Bundesstaat Kerala auf die Beine zu stellen sucht. Weil diese Radios primär dem Aufbau lokaler sozialer Bewegungen dienen, will die Regierung deren Arbeit mit einer restriktiven Lizenzvergabe verhindern. In der Diskussion mit den Partnern waren wir uns einig, dass die Durchsetzung von Community Radio deshalb zunächst illegalen Methoden zu bewerkstelligen ist: mobilen Ü-Wagen oder mit einem Schiff vor der Küste, von dem man illegal Kurzeit sendet und dann verschwindet. Max, Sathya und Ajith denken über solch ein Projekt nach. Darüber hinaus soll versucht werden, das Community Radio auf politischer Ebene mit Hilfe des argumentativen Verweises auf ein Recht auf Information durchzusetzen. Gerne würden sie mit uns ein solches Projekt aus der Taufe heben.

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