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Südafrika


Kinder und Jugendliche in Südafrika nehmen ihr Leben in die eigenen Hände

Im Hinterland der Armut. Das Children's Resource Centre
 

Kapstadt gilt als eine der schönsten Städte der Welt und ist ein beliebtes Touristenziel. Weiße Strände, Ladenpassagen und zahlreiche Restaurants werden eingerahmt vom Tafelberg und vermitteln eine malerische Stimmung. Hinter der glamourösen Innenstadt Kapstadts erstrecken sich über fast hundert Kilometer die Townships - trostlose, von den Architekten der Apartheid geschaffene Wohnviertel. Mehrere Millionen Einwohner und Einwohnerinnen der schwarzen Bevölkerungsmehrheit leben in diesen Vorstadtslums. Der Weg in die Stadt ist beschwerlich, denn die Busfahrt ist teuer und gefährlich.

350 Jahre Kolonialismus und das Apartheidregime haben die Gesellschaft im Interesse einer weißen Minderheit gespalten und sozial zerrüttet. 1994 wurde die Apartheid offiziell abgeschafft. Mit der Demokratisierung des Landes hat sich vieles zum Besseren verändert. Doch hier in den Townships Kapstadts sind die sozialen Folgen der Apartheid noch immer spürbar. Häufig können Familien ihrer Schutzfunktion gegenüber den Kindern nicht mehr gerecht werden. Viele Kinder müssen sich deshalb in frühem Alter eigenverantwortlich um sich und um jüngere Geschwister kümmern, um deren Ernährung, die persönliche Sicherheit und Gesundheit.

Statistik

Die Lebenssituation von Kindern in Südafrika

Fast 18 Millionen der 40 Millionen Einwohner und Einwohnerinnen Südafrikas sind Kinder. Die große Mehrheit dieser Kinder lebt in Armut.
Eins von zehn Kindern in Südafrika hat Untergewicht. 50 von 1000 Kindern sterben vor ihren ersten Geburtstag an vermeidbaren Krankheiten wie Durchfallerkrankungen oder Cholera. 65.000 Kinder werden jährlich mit HIV geboren – mit steigender Tendenz. Ein Drittel aller Kinder in Südafrika sind Opfer von häuslicher Gewalt.

Das Angebot der Kinderorganisation Children's Resource Centre (CRC) greift diese Probleme auf. Vor 20 Jahren wurde das CRC gegründet und wird seit 1988 von medico unterstützt. Heute sind fast 5000 Kinder zwischen 9 und 14 Jahren in den 50 Kindergruppen engagiert. Über 350 Gruppenleiterinnen und -leiter unterstützen die Arbeit des CRC. Die Idee des Projektes entstand innerhalb der Widerstandsbewegung gegen die Apartheid. In der Tradition der Befreiungspädagogik geht das CRC davon aus, dass Menschen, die Opfer von Unterdrückung geworden sind, aktiv an der Verbesserung ihrer Lage beteiligt sein müssen. Die verschiedenen Gruppen des CRC in Kapstadt und anderen Landesteilen bieten den Kindern einen Ort des emotionalen und körperlichen Schutzes; ein Umfeld, in dem sie ihre Ängste und Nöte zur Sprache bringen können. In den Gruppen geht es um das Erlernen der eigenen Wertschätzung und der Wertschätzung anderer. Die Kinder helfen sich gegenseitig und lernen voneinander.
Die Treffen finden wöchentlich statt und werden von älteren Jugendlichen koordiniert. Die Gruppen haben demokratisch gewählte Sprecher. Diese Sprecher und Sprecherinnen bilden den Kinderrat, der die Arbeit des Zentrums mitbestimmt. Sie reisen auch zu nationalen und internationalen Koordinierungstreffen.
Die Gruppensprecher bereiten Kampagnen vor, zum Bespiel zur Verbesserung der gesundheitlichen Situation und gegen Gewalt. Damit tragen sie dazu bei, das Leben in ihrem Umfeld lebenswerter zu gestalten.

Mädchengruppen gegen Gewalt

Im Jahr 2002 gründete sich im Rahmen des CRC die "Girl-Child-Organisation". Die Mädchen in den Gruppen unterstützen sich gegenseitig im Lösen ihrer Probleme. Sie behandeln Themen ihres Alltags, vom Umgang mit der Menstruation bis zur Verarbeitung von sexuellen Übergriffen. "Wir setzen uns mit den Mädchen zusammen und finden heraus, was die Probleme sind. Die Mädchen denken, ihre Probleme seien unabänderlich. Sie denken ‚so bin ich aufgewachsen, und so muss es wohl sein: der Mann ist das Oberhaupt und wir alle müssen gehorchen'. Wir versuchen, das zu verändern und beziehen die Jungs dabei ein" erklärt Xolisa Majambe, eine Mitgründerin der Girl-Child-Organisation.

Portrait:  
Xolisa Majambe
»Natürlich wirst Du als Mädchen einmal verheiratet werden ... weiter
Wenn das Reden nicht mehr weiterbringt, teilen sich die Mädchen mit Hilfe von Theaterstücken mit. In den Gruppen wächst für die Mädchen das Vertrauen zu sich selbst. Auch Xolisa musste dieses Selbstvertrauen erst lernen. Als sie mit 15 zum CRC kam, war sie so schüchtern, dass sie kein Wort herausbrachte, erzählt die selbstbewusste junge Frau. Eine Mädchengruppe erarbeitete ein Stück über sexuellen Missbrauch: "Wir hatten sehr viele Zuschauer und die Eltern sind gekommen und haben mich umarmt und geweint. Jetzt können die Mädchen darüber sprechen und sich gegenseitig schützen", so Xolisa Majambe. Seit neuestem gibt es für die Mädchen auch Selbstverteidigungskurse, die ihnen Mut machen, sich freier in der Öffentlichkeit zu bewegen

Selbstachtung statt Bandenbildung

Gewalt und Mobbing unter Kindern ist eines der großen Probleme in den Townships. Die Kinder nennen die Gewalt "bullying". Diese beginnt beim Hänseln und reicht bis zu grausamen körperlichen Quälereien. Die Gewalt zerstört die Seele der Kinder. "Viele Kinder" berichtet der 21-jährige Lukholo Ngamlana, früher selber "Bully", heute Anti-Bullying-Aktivist, "werden gehänselt, misshandelt. Das geht soweit, dass der Kopf des Opfers in die Toilettenschüssel gesteckt wird. Einige Kinder ertragen die Qualen nicht mehr und begehen sogar Selbstmord."

Viele Kinder, die selbst Opfer des bullying wurden, werden aus Rache Bandenmitglieder und üben selbst Gewalt aus. Manchmal aber geht es einfach nur darum, dass Kinder nicht genug zu essen haben und Nahrungsmittel von anderen erpressen. Ein Teufelskreis.
Das CRC hat eine "Anti-Bullying-Kampagne" ins Leben gerufen, die in Kinder-Gruppen und in Schulen stattfindet. Die Organisatoren kommen aus dem gleichen Umfeld wie die Kinder. Sie kennen deren Probleme und sind eine Anlaufstelle. Sie sprechen auch mit Eltern und Lehrern, um gemeinsam die Probleme zu lösen. "Unsere Arbeit braucht viel Zeit. Schließlich gilt es, das Innere eines Menschen zu heilen. Wir glauben, dass es wichtig ist, Opfer und Täter zusammenzubringen, um herauszufinden, was bei beiden los ist. Dem Opfer fehlt es oft an Selbstbewusstsein und die "Bullies" werden gewalttätig, weil sie nicht genug Aufmerksamkeit bekommen, so Lukholo.
In den Gruppen werden die Kinder von anderen akzeptiert und lernen - z.B. in Rollenspielen – Probleme gewaltfrei zu lösen.

Gesundheit geht jeden an

Aufgeregte Stimmen dringen aus dem Klassenraum nach außen. Diese "Unterrichtsstunde" mögen die Kinder in der Kapprovinz am liebsten. Alles riecht nach frischer Seife. Hier werden Fingernägel geschnitten, Zähne geputzt, Haare gewaschen und elementare Hygienemaßnahmen erlernt, die im Alltag des Townships nicht selbstverständlich sind. An 40 Schulen hat das CRC Gesundheitszentren eingerichtet, die das Material und einfache Untersuchungsgeräte enthalten. Dort finden Gesundheitserziehung und elementare Erste-Hilfe-Maßnahmen statt, die ein Gesundheitsteam betreut. Ganz praktisch wird ihnen gezeigt, was zu tun ist: Wie reinigt und verbindet man eine Wunde? Wodurch bekommt man Durchfall und wann sollte man zum Arzt gehen? Welche Lebensbedingungen machen krank? Wie kann man sich vor HIV/AIDS schützen? Die Kinder und Jugendlichen lernen ihren eigenen Körper zu respektieren und den Ausbruch von Krankheiten zu verhindern. Das erworbene Wissen geben die Kinder an ihre jüngeren Geschwister weiter. Über 20.000 Kinder werden von den Programmen erreicht.

Gemüse aus dem eigenen Garten


CRC-Communitiy Zentrum in Khayelitsha bei Kapstadt

Das CRC hilft den Kindern beim Anlegen von Gemüsegärten. Die Gärten sind ein wichtiger Beitrag zur Ernährung der Kinder, sie spüren, dass sie durch Selbstversorgung – wenn auch nur im kleinen Bereich – von Geld unabhängig sind. In den Gärten sammeln die Kinder auch sinnliche und körperliche Erfahrungen: "Ich habe meinen eigenen Garten, mit Bohnen unter meinem Fenster, Kohl und Spinat. Ich liebe Pflanzen, ich liebe den Garten und ich bewässere ihn jeden Tag", sagt der zwölfjährige Alfonso, während er stolz hinter seinem Mangold sitzt. Es gibt in der Kapprovinz 35 solcher Gärten, die alle von ehrenamtlichen Helfern betreut werden.

Im CRC haben die Kinder noch vielfältige weitere Möglichkeiten, ihr Leben eigenverantwortlich zu gestalten. Sie können Spielzeug selber machen, Jugendliche geben eine Zeitung heraus, es wird getanzt und gesungen. Zusammen mit Gemeinderadios machen Kinder Sendungen für Kinder. Das CRC organisiert Ausflüge ans Meer, in andere Stadtteile oder auch ins Parlament und es veranstaltet einmal im Jahr ein großes Kinderfestival, bei dem sich alle Kindergruppen treffen. Und ständig kommen neue Ideen hinzu.

Selbsthilfeprozesse brauchen einen langen Atem. medico fördert das Children's Resource Centre seit 1988. Um diese Arbeit fortsetzen zu können, brauchen wir Ihre Unterstützung.
2003 konnte mithilfe eines Zuschusses vom BMZ ein großes Fortbildungszentrum für die Kinderbewegung eingeweiht werden.
Spendenkonto 1800 Frankfurter Sparkasse (BLZ 500 502 01) Stichwort »Südafrika«

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