Humanitäre Hilfe und die Medien
Ein kritische pointierte Betrachtung des Verhältnisses zwischen
Humanitärer Hilfe und Medien klingt nach Medienschelte. Und
ich befürchte, so ganz ohne wird es nicht gehen. Sehen Sie
es mir bitte nach. Viele Hilfsorganisationen hängen in hohem
Maße von der Resonanz in den Medien ab. Und nur damit das
Verhältnis untereinander ein konstruktives bleibt, überhäufen
wir Sie, die Medien, heute ausnahmsweise nicht mit Presseerklärungen
und Spendenappellen, - sondern mit kritischen Anmerkungen.
Meine erste These kommt ein wenig paradox daher und besagt, daß
die Wirklichkeit unsichtbar wird, indem sie immer überwältigender
medial ins Bild gesetzt wird.
Bekanntlich ereignen sich die Dinge heutzutage ja erst dann wirklich,
wenn sie in den Medien sichtbar werden - ein sonderbares Kulturphänomen,
an dessen Zustandekommen die Medien selbst großen Anteil
gehabt haben. Die Konsequenzen für die Not- und Entwicklungshilfe
sind beträchtlich. Wenn die öffentliche Wahrnehmung
auf einzelne spektakuläre Katastrophen verengt wird, geht
der Blick für andere Katastrophen und die alltäglichen
Nöte und Schrecken, denen Menschen in aller Welt unablässig
ausgesetzt sind, verloren.
Wirklichkeiten, die nicht ins mediale Bild passen, weil sie nichts
Aufregendes mehr zu bieten haben oder sich einfach nur zur falschen
Zeit am falschen Ort ereignen, bleiben unsichtbar und gelten bestenfalls
noch als „vergessenen Konflikte“. Das alltägliche
Verrecken von Menschen erregt kein öffentliches Aufsehen,
scheint nicht eigentlich mehr wahr und wird aus dem Bewußtsein
verdrängt. Anders als Naturkatastrophen, die den Eindruck
schicksalsgegebener Menschheitsprüfungen erwecken, oder Kriege,
die sich so trefflich falsch aus der Irrationalität von Schurken
und Schurkenstaaten erklären lassen, verweisen Flucht, Krankheit
und Hunger auf die beschämende Tatsache, daß all dies
– gemessen an dem Entwicklungsstand der Welt – durchaus
vermeidbar gewesen wäre.
Auf scheinbar paradoxe Weise befreit gerade die Überzeichnung
des katastrophalen Geschehens von der Verantwortung, dagegen etwas
in einem ursächlichen Sinne zu unternehmen. - Unsichtbar
machen sich die Waffen, je blutiger die Wunden sind.
These 2: Statt die Ursachen des Unglücks zu skandalisieren,
begnügt sich die Mehrzahl der Medien (wie übrigens auch
viele Hilfswerke) mit seiner Dramatisierung.
Hautnah dran sein, dichte Reportagen zu schreiben, so Kapuscinski
kürzlich in einem Interview mit der FR, ist gar nicht mal
das Problem. Man muß nah dran sein, um gut berichten zu
können, freilich nicht mit dem Gedanken an Einschaltquoten
und Werbeeinnahmen, sondern bemüht um die Aufklärung
der Hintergründe von Mißständen.
Beispiel Mosambik: - Durch einen langjährigen Stellvertreterkrieg
verwüstet, ist das Land seit langem bettelarm. Nach Kräften
haben sich Hilfsorganisationen um den Wiederaufbau gekümmert.
Aber solange das Elend nur Nachkriegs-Alltag blieb, traf es auf
kein großes Interesse. Erst die Toten, die in den Fluten
umgekommen sind, haben aus der Not wieder eine Schlagzeile gemacht
und die Kamerateams auf den Plan gerufen.
Die Bilder, die wir dann zu sehen bekamen, paßten in die
Zeit. Weiße Hubschrauberpiloten, die schwarzen Kinder aus
den Fluten halfen, - eindrücklicher läßt sich
die Ordnung einer Welt, die scheinbar nicht zu retten ist, nicht
darstellen. Das wirklich Skandalöse, über das zu berichten
gewesen wäre, aber trat hinter dem Mythos der ganz und gar
hilflosen Opfer, für die nun alles Notwendige getan werde,
zurück.
Eine Randnotiz blieb, daß schwere Unwetter, wie sie in
diesem Jahr im südlichen Afrika wüteten, nur deshalb
so katastrophale Auswirkungen haben, weil ihnen die Menschen durch
verfehlte Politik schutzlos ausgeliefert sind. Marginal auch die
Kritik an den Ländern des Nordens und den von ihnen kontrollierten
internationalen Finanzinstitutionen. Mit ihrer Weigerung, der
Forderung nach einem Schuldenerlaß nachzukommen und auf
der Auferlegung von Strukturanpassungsprogramme sind sie unmittelbar
für die dramatische Situation in Ländern wie Mosambik
unmittelbar verantwortlich.
Vom moralischen Standpunkt aus betrachtet war der öffentliche
Druck, den die Medien auf die Bundesregierung ausgeübt haben,
durchaus berechtigt. Die Überzeugung, daß man angesichts
der Not von Menschen nicht tatenlos zusehen kann, darf aber nicht
zur Beförderung substanzloser Handlungen führen. Die
Entsendung von Hubschraubern nach Mosambik war aus fachlichen
Gründen unnötig. Es kam dennoch dazu, weil der Politik
eine solche Entscheidung von den Medien regelrecht aufgenötigt
wurde. Ein Beispiel dafür, daß sich das scheinbar Plausible
als unangemessener und teurer Aktionismus erweisen kann, der Bilder
und Stories liefert - und die Spenden und nationales Prestige
mehrt -, dem realem Mißstand aber nicht eigentlich entspricht.
Symptomatisch die kleine Episode, die uns aus Beira berichtet
wurde, als ein BGS-Hubschrauber, der gerade eingetroffen war,
ohne Einsatzplan aufsteigen mußte, damit die versammelten
Journalisten endlich ihr Bild in Kasten hatten.
Die Wassermassen in Mosambik waren bereits weitgehend abgeflossen,
als hierzulande noch immer Bilder von der Flut durch die Medien
geisterte. Das Unglück wurde künstlich verlängert,
und die Menschen, die längst mit eigenen Wiederaufbaubemühungen
begonnen hatten, in einem Opferstatus festgeschrieben. Solche
Berichterstattung dient nicht der Aufklärung, sondern der
Fortschreibung von Mythen, was kurzfristig Aufmerksamkeit schafft,
sich auf Dauer aber gegen die Idee der humanitären Hilfe
wenden wird. Fürstin Gloria von Thurn und Taxis hat das vor
einigen Jahren schon in dem bemerkenswerten Satz zusammengefaßt,
ganz Afrika lebe doch eh nur aus unserem Portemonnaie.
Medienkampagnen, die voll auf den Affekt setzen und das Unglück
dramatisieren, können sich als höchst fatal erweisen.
Die Mittel, die so beschafft werden, sind zweckgebunden. Sie dienen
der Symptommilderung und stehen immer weniger für Ursachenbekämpfung
und langfristige Entwicklungsbemühungen zur Verfügung.
Organisationen, die Nothilfespenden für mittel- und langfristig
Wiederaufbauleistungen zurückhalten, sehen sich schnell öffentlicher
Kritik ausgesetzt. Man muß nicht mit Rupert Neudeck einverstanden
sein, um in dem kürzlich erhobenen Vorwurf, er habe Geldmittel
nicht umgehend ausgegeben, auch etwas Unsinniges ausmachen zu
können. - Ja, Katastrophen, die medial hoch gepuscht werden,
können auch zur Katastrophe von Hilfswerken werden. Der Mittelabflußdruck,
der für Projekte im Kosovo bestehen mag, korrespondiert mit
leeren Kassen für Hilfen, die in unpopulären Regionen
der Welt, denken Sie an Nordkorea oder den Sudan, dringend notwendig
wären.
Das führt mich zur dritten These, die sich auch mit der
eigenen Zunft auseinandersetzen muß. Sie lautet provozierend:
Je sichtbarer die Hilfe, desto entfernter die Veränderung.
Die Beseitigung von Kriegs- und Katastrophenschäden erfordert
ein langfristiges Bemühen. In einem gemeinsamen Positionspapier
haben die in VENRO zusammengeschlossenen Nothilfe-NROs ihre Vorstellungen
von Nothilfe dargelegt. Das Ziel ist eine nachhaltige humanitäre
Hilfe, die kontext- und partnerorientiert sein muß - von
Anfang an. Interventionistische Hilfsprogramme, die von außen
übergestülpt werden, können mehr schaden als nützen,
auch wenn sie sich noch so gut für eine mediale Verwertung
eignen mögen.
Die Sichtbarkeit der Hilfe in Gestalt von Nothelfern, die mit
Uniformen, T-Shirts, und immer größer werdenden Hinweistafeln
auf sich aufmerksam machen, ist nicht unbedingt ein Kriterium
für eine angemessene Hilfe zur Selbsthilfe, die vor allem
eines, nämlich lokale Partner braucht. Auch Flugzeuge, die
voller Hilfsgüter und beeindruckendem Rettungsgerät
sind, sagen allein noch nichts über eine kontextgerechte
Unterstützung aus.
Humanitäre Hilfe ist leider nicht davor gefeit, für
vielerlei eigennützige Zwecke instrumentalisiert zu werden.
Geschäftemacher haben das erkannt, die Hilfswerke selbst
und auch die Medien, die unterdessen begonnen haben, eigene Hilfsorganisationen
aufzubauen. So RTL mit der RTL-Stiftung: „Hilfe für
Kinder“, die 1997 entstand und heute eigene Hilfsprojekte,
u.a. in Thailand fördert. Statt klarer Rollenteilung sind
hier die Vorboten eines selbstreferenziellen „Humanitär-industriellen
Komplexes“ (HIK) auszumachen, der in der Zukunft droht.
Auch Politiker haben verstanden, wie gut sich humanitäre
Hilfe zur Durchsetzung politischer Zwecke und der öffentlichen
Inszenierung politischer Handlungsfähigkeit nutzen läßt.
Letzteres erfordert, daß sie ihren Einsatz ebenfalls auf
Ereignisse, die bereits in den Medien sichtbar geworden sind,
konzentrieren. Eine zupackende Aktivität im Kontext spektakulärer
Katastrophen kann von den großen ungelösten Zukunftsaufgaben
entlasten. Auf Dauer aber lassen sich die Legitimationsdefizite
der Politik, die angesichts der krisenhaften Entwicklung der Welt
eher noch zunehmen werden, so nicht überwinden. Wenn es nur
noch um die Abmilderung humanitärer Krisen geht und nicht
mehr um deren Verhinderung, dann wird auch von der guten Idee
der Krisenprävention nur noch ein schöner Schein bleiben.
Medien wie auch Hilfswerke können mitwirken, daß eine
solche Entwicklung nicht eintritt. Allerdings erfordert Krisenprävention
per definitionem eine öffentliche Aufmerksamkeit gerade in
Zeiten, in denen es nicht Spektakuläres zu berichten gibt.
Ich gebe zu, daß dies für Medien ein Dilemma bedeuten
kann. Die Frage nämlich: wie eine gelungene Prävention
darzustellen wäre? - Mithin etwas, das nicht lärmend
eingetreten ist und nicht sichtbar werden kann und doch das höchste
Anrecht hätte, täglich im Fernsehen und auf den Titelseiten
der Zeitungen benannt zu werden, - diese Frage scheint ebenso
absurd, wie sie auf den Kern des Problem verweist. Die wohlklingende
Rhetorik von Krisenprävention und Katastrophenvorbeugung
wird erst dann zu einem politischen Faktum, wenn dafür auch
die notwendigen Mittel bereitstehen. Dafür aber, das lehrt
die Erfahrung, bedarf es einer wachsamen Öffentlichkeit und
des öffentlichen Drucks.
Eine letzte These: So wenig wie es die humanitäre
Hilfe gibt, so wenig gibt es die Medien.
Rede von Thomas Gebauer, medico
international, gehalten auf dem Symposium des Auswärtigen Amtes
"Humanitäre Hilfe und die Medien" am 26.09.2000 in Berlin. |