Helfer im Spagat:
Einflüsse und Erwartungen
Statement von Thomas Gebauer, Geschäftsführer von medico international.
Vorgetragen auf dem Symposium "Entwicklung in Zeiten von Katastrophen –
Lektion gelernt?", 14.11.2005 in Bonn.
Sie alle kennen
das Motto, mit dem ein deutsches Medien-Kaufhaus seit einigen Jahren Werbung
betreibt. Anfang des Jahres schein es jede Kraft verloren zu haben. Nicht
"Geiz ist geil" stand mehr auf der Tagesordnung, sondern fast schon: "Wer
spendet mehr!" Tatsächlich zeigte sich die deutsche Öffentlichkeit von
einer bis dahin kaum gekannten Großzügigkeit. 600 Mio. Euro privat erbrachte
Spenden, das hatte es nie zuvor gegeben. Die ungeahnte Spendenbereitschaft,
die dem Seebeben in Südasien folgte, war ohne Frage eine Folge der großen
medialen Aufmerksamkeit, die die Katastrophe erfahren hat. Und sie hing
sicherlich auch damit zusammen, dass unter den Opfern auch Deutsche waren
und liebgewonnene Touristenparadiese betroffen wurden.
Dennoch steht für mich außer Frage, dass in dem vielfältigen Engagement für
die Opfer des Tsunami auch Anzeichen einer wachsenden globalen Verantwortung
auszumachen waren. Selbst die Peinlichkeiten, die so manche Spendensammlung
begleitet und mitunter die Grenze zum Obszönen überschritten haben (z.B.
Apres-Ski, Disco-Wünsche), änderten nichts daran.
Insbesondere unter jüngeren Menschen scheint das Bedürfnis nach sozialem
Ausgleich wieder zu wachsen. Viele hundert Initiativen boten sich an,
längerfristige Partnerschaften einzugehen. Und auch wenn es dabei so manches
Missverständnis gab und nicht alle Angebote ernst zu nehmen waren, wurde
doch deutlich, dass der Trend zur gesellschaftlichen Entsolidarisierung, der
mit dem Siegeszug des Neoliberalismus einhergegangen ist, nicht mehr
unwidersprochen ist. Und das ist gut so! Unbedingt muss es nun darum gehen,
die Bereitschaft zur Solidarität zu fördern und politisch zu stabilisieren.
Was das heißen könnte, dazu will ich am Ende meiner Ausführungen einige
Anmerkungen machen.
Zuvor aber will ich den Fragen nachspüren, die im Programm stehen: Welchen
Einflüssen unterliegt die Not- und Katastrophenhilfe und welche Erwartungen
richten sich an die Organisationen? Eine dritte Frage scheint mir wichtig:
Wie groß ist dabei der Anteil der "self-fulfilling prophecy". Denn
Hilfsorganisationen sind ja bekanntlich nicht nur Projektionsflächen von
Interessen und Erwartungen, sondern helfen selbst aktiv mit, solche
Erwartungen zu erzeugen.
Wenn im folgenden auch das eine oder andere kritische Wort fallen muss, dann
nicht um das helfende Handeln als solches in Frage zu stellen, und schon gar
nicht, um das Engagement von zum Glück noch immer hilfsbereiten Menschen
verächtlich zu machen, sondern nur um darüber nachzudenken, wie die Qualität
der Hilfe gesteigert werden kann.
Bekanntlich ist Hilfe nicht frei von Eigennutz. Hilfe ist immer
interessengeladen und kann am Ende Wirkungen haben, die der ursprünglichen
Absicht komplett entgegenstehen. Wer das verhindern will, kann gar nicht
anders, als immer wieder auch das eigene Tun kritisch zu reflektieren. Bitte
sehen Sie es mir nach, wenn ich zur Verdeutlichung der Probleme gelegentlich
ein wenig überspitze.
Hilfe als Selbstzweck
Wenn heute in der Öffentlichkeit von Hilfe die Rede ist, geht es kaum
noch um einen emphatischen Begriff von Hilfe. Nicht das Bemühen um eine
nachhaltige Überwindung von Not und Unmündigkeit steht mehr im Vordergrund,
sondern das Abfedern jener Schäden, die eine auf wachsende Ungleichheit
gründende Weltordnung tagtäglich und immer wieder neu produziert.
Der Bedeutungszuwachs der humanitären Hilfe gegenüber der
Entwicklungszusammenarbeit resultiert aus den großen globalen Veränderungen.
Zwar ist die Welt im Zuge der wirtschaftlichen Globalisierung näher
zusammengerückt sind, doch war sie nie so gespalten wie heute. Soziale
Verteilungskämpfe und ökologische Katastrophen, die fast ausschließlich die
ärmeren und ausgeschlossenen Teile der Weltbevölkerung treffen, haben nicht
nur die Notwendigkeit der humanitären Hilfe erhöht, sondern auch das Bild
verändert, das sich die Öffentlichkeit von glaubwürdiger Hilfe macht.
Der lange Zeit hoch im Kurs stehende Grundsatz: "Gib dem Hungernden einen
Fisch, und er ist einen Tag satt; lehre ihn fischen, und er wird immer satt
sein", wirkt heute merkwürdig angestaubt, fast schon überkommen. Wer im
Angesicht eines hungernden Kindes nach den Ursachen des Hungers fragt, gilt
in den Augen der Öffentlichkeit kaum noch als glaubwürdig, mitunter sogar
als Unmensch.
Denken Sie an den scheidenden Umweltminister Trittin, der anlässlich der
Überflutung New Orleans das tat, was man von einem aufgeklärten Politiker
eigentlich erwarten sollte: Nämlich nach Ursachen zu forschen, um mit
entsprechenden politischen Maßnahmen dafür zu sorgen, dass sich Katastrophen
nicht wiederholen. Aber nicht Zustimmung wurde Trittin zuteil, als er die
Zunahme von ökologischen Katastrophen in den Kontext ungebremster
Schadstoffemissionen stellte, sondern der Vorwurf, er würde die Not von
Menschen politisch missbrauchen. Trittin wurde zurückgepfiffen von denen,
die den Prozess der Globalisierung gerne als eine ökonomische
Zwangsläufigkeit präsentieren, der politisch nicht gesteuert, nur hier und
da ein wenig abgefedert werden kann.
Die Art wie die Globalisierung stattgefunden hat, aber ist keine
Zwangsläufigkeit. Sie ist das Ergebnis einer Politik, die der französische
Soziologe Pierre Bourdieu scheinbar paradox als "Politik der
Entpolitisierung" beschrieben hat. Mir scheint, dass diese Politik
inzwischen auch in den Konzeptionen von Hilfe ihren Niederschlag gefunden
hat.
Die heutigen Helfer jedenfalls halten sich nicht mehr lange mit den
Hintergründen einer Krise aufhält. Wo früher das Streben nach einer besseren
Welt zum Handeln motivierte, herrscht heute ein unpolitischer Pragmatismus,
der sich nicht einmischen, keine Partei ergreifen will. Dabei wird Hilfe
immer mehr aus ihrem sozialen Kontext herausgelöst und von technischen
Erfordernissen überlagert. Effiziente Versorgungswege sind gefragt,
leistungsfähige Abwicklungskapazitäten und Helfer, die unmittelbar zupacken.
Für die Vorstellung, die große Teile der Öffentlichkeit von einer
glaubwürdigen Hilfe hat, steht emblematisch das Bild des weißen
Hubschrauberpiloten, der vor einigen Jahren, als Mosambik von einer
katastrophalen Überschwemmung heimgesucht wurde, ein neugeborenes Baby samt
seiner Mutter aus einem umfluteten Baum rettete. Genau dieses Bild
symbolisiert die von außen einschwebende und meist gleich wieder
verschwindende Hilfe. In ihr scheint es keinen Kontext mehr zu geben und so
auch keine Gesellschaftlichkeit. Die Möglichkeit der Rettung des Einzelnen
versöhnt mit der katastrophalen Entwicklung der Welt, die so sehr der
Rettung bedürfte.
Dabei mangelt es nicht an Wissen über das, was in der Welt vor sich geht.
Niemand würde ernsthaft behaupten, es sei vernünftig, die Umwelt zu
zerstören, Menschen zu entwurzeln und Kriege zu entfesseln. Das Bewusstsein
für den Zusammenhang zwischen Schadstoffemissionen, Klimaveränderung und der
Zunahme von ökologischen Katastrophen wie Hurrikane, Trockenheit,
Überschwemmungen etc. aber geht Hand in Hand mit dem Gefühl wachsender
Ohnmacht. Zu Empörung und Mitgefühl kommen Gefühle von Angst und Scham. Kann
der Zerstörung überhaupt vorgebeugt werden? Ist es nicht längst zu spät?
Auf scheinbar paradoxe Weise hilft bei der Versöhnung mit einer
unerträglichen Realität die Verengung der Wahrnehmung auf besonders krass
hervortretende Katastrophen. In der Beschäftigung mit dem spektakulären
Erdbeben, der aufsehenerregenden Überschwemmung, dem Krieg gegen die
vermeintlichen Mächte des Bösen geht das Bewusstsein für die alltäglichen
Nöte, die 100.000 Hungertoten pro Tag beispielsweise, verloren. Es ist die
Dramatisierung des einzelnen Schreckens, die von der verstörenden Erkenntnis
befreit, dass Flucht, Krankheit und Hunger – gemessen am Entwicklungsstand
der Welt - durchaus vermeidbar wären.
Übrigens: die Erkenntnis, dass auch Naturkatastrophen von Menschen gemacht
sind, reicht weit zurück. Anlässlich des Erdbebens von Lissabon, das vor 250
Jahren eine der blühendsten Städte Europas zerstörte, befand Rousseau, dass
alle Katastrophen in dem Maße von Menschen verursacht werden, wie es die
Menschen nicht vermögen, mit der Natur zu leben.
Vieles deutet darauf hin, dass das aufgeklärte Katastrophenverständnis, das
sich mit dem Erdbeben in Lissabon durchzusetzen begann, heute wieder
zurückgedrängt wird. Gerade in den USA gewesen, wo mir berichtet wurde, wie
die Notunterkünfte der Hurrikangeschädigten zum Tummelplatz von
Erweckungspredigern und Scientologen geworden sind. An die Stelle rationaler
Ursachenforschung treten religiöse Deutungen und immer häufiger auch die
Dämonisierung von Natur. Den Gipfel leistete sich während des Tsunami die
Bild-Zeitung, die bündig titelte: "Terrorangriff der Natur - Will die Erde
uns loswerden?" – Die Natur in wilder Ehe mit Osama bin Laden, da wollte
dann auch George W. Bush offenbar nicht nachstehen. Erst kürzlich verglich
er die vorrückende Vogelgrippe mit einem drohenden Angriff von Terroristen.
Man muss solche Dinge ernst nehmen. Eltern erfahren das in diesen Tagen. Wer
kann denn noch ruhigen Gewissens mit seinen Kindern das schöne Lied "Alle
Vögel sind schon da" singen. Ganz offenbar verkehrt sich aufmunternde
Frühlingsatmosphäre in herbstliche Untergangsstimmung. Die Folgen sind
weitreichend: Nicht mehr die kritische Erörterung von Fragen der Ökologie
(beispielsweise die problematischen Folgen der Abholzung von
Mangrovenwäldern im Zuge der Tourismusentwicklung) steht dann auf der
Tagesordnung, sondern die Furcht vor weiteren "Angriffen der Natur".
Ängste und Scham aber verlangen bekanntlich nach Kompensation. Nicht zuletzt
die Hilfe kann dabei eine große Rolle spielen. Darauf hat der Philosoph
Zygmunt Bauman verschiedentlich hingewiesen: Mit der Hilfe für die Opfer, so
Bauman, könnte es sich wie mit dem Karneval verhalten; die bestehenden
Verhältnisse werden durch eine periodische, aber begrenzte und streng
kontrollierte Umkehrung aller Normen bestätigt. Tatsächlich, so Bauman
weiter, besteht im wohlhabenden Teil der Welt die Tendenz, Mitleid und
Nächstenliebe an besondere Situationen zu binden, um damit ihr
Nichtvorhandensein im täglichen Leben zu legitimieren und für normal zu
erklären. Durch den Anblick menschlichen Unglücks ausgelöste moralische
Impulse werden kanalisiert, in dem sie an Spendensammlungen gebunden werden.
Niemand anderes als Helmut Kohl hat Baumans bedenkenswerten Einwurf
bestätigt. "Heute tun wir mal was Gutes", bekannte Kohl Anfang der 80er
Jahre, als er beim ersten "Afrika-Tag" einige Geldscheine in eine
Spendenbüchse warf. Deutlicher kann man nicht machen, wie das Streben nach
Gerechtigkeit zur sogenannten "guten Tat" verkümmert, die über den realen
Mangel an Gerechtigkeit, der in der Welt herrscht, hinwegtrösten soll.
Wenn heute Politiker aus dem Norden gemeinsam mit internationalen Showstars
zu mehr Hilfe für Afrika aufrufen, dann scheint die Welt nicht mehr in
Privilegierte und Gedemütigte, in Machtvolle und Ohnmächtige gespalten zu
sein, sondern nur noch in Helfer und Hilfsbedürftige. Und das klingt viel
beruhigender als Macht und Privilegien. Wer könnte schon an Hilfe Anstoß
nehmen?
Der Verweis auf den legitimatorischen Gehalt von Hilfe heißt nicht, dass
Hilfe nicht bitter nötig wäre. Im Gegenteil: wir alle erfahren in unserer
täglichen Arbeit, dass viele dringend notwendigen Hilfsprojekte nicht
durchgeführt werden können, weil das Geld fehlt. Aber, und nur so ist für
mich der Appell nach zusätzlichen Mitteln sinnvoll: es bedarf auch
entsprechender Konzepte, um zu einer dauerhaften Überwindung von Not
beitragen zu können.
Mythen
Es ist höchste Zeit, die Bedürfnisse und Rechtsansprüche von notleidenden
Menschen ins Zentrum des helfenden Handelns zu rücken. Wer das tut, wird
sich rasch mit einer ganzen Reihe von Mythen konfrontiert sehen, die sich um
die Idee von Hilfe ranken.
Es stimmt einfach nicht, dass die Opfer von Katastrophen völlig hilflos und
unfähig zu eigenen Wiederaufbaubemühungen sind. Auch ist es ein Irrglaube,
dass es vor Ort an allem fehle und nur die rasche Bereitstellung aller
verfügbarer Hilfsgüter eine schnelle Wiederherstellung möglich mache.
Solche Mythen, die nicht zuletzt aus Publicity und Spenden-Gründen gepflegt
werden, mobilisieren zwar die öffentliche Hilfsbereitschaft, führen aber
immer wieder zu völlig unangepassten Hilfeleistungen, die schließlich auch
die wichtigen Hilfsmassnahmen überlagern und konterkarieren können.
Gerade in Südasien war dies der Fall, wo in den ersten beiden Wochen nach
dem Seebeben die Menschen auf bemerkenswerte Weise zueinander standen und
sich in Nachbarschaftshilfe aktiv daran machten, die Schäden zu beseitigen.
Wenig erfuhren die Menschen hierzulande davon. Stattdessen sah man Helfer,
die sich mit eindrucksvollem Gerät auf den Weg machten. Helfer, die sich
Zugang ins Katastrophengebiet verschafften. Helfer, die Journalisten die
Lage erläuterten. Helfer, die sich mit bürokratischen Apparaten
herumschlugen. Helfer, denen Politiker ihre Aufwartung machten. Helder, die
aus einem Einsatzgebiet wieder zurückkehrten. Helfer, die als die wahren und
manchmal tragischen Helden in Talkshows und Benefizveranstaltungen gefeiert
werden.
Empört zeigten sich unsere Partner in Indien und Sri Lanka darüber, dass die
Opfer des Tsunami dagegen meist nur als hilflos zusammengekauerte Masse
menschlichen Unglücks in den Berichten auftauchten, als Hintergrund für
Spendensammlungen, möglichst dramatisch ins Bild gesetzt.
Nun heißt es gelegentlich, dass solche Bilder sozusagen aus taktischen
Gründen unumgänglich seien. Ohne sie, so Georg Seeßlen im Spiegel, "wäre
unser Geiz noch geiler, unser Herz noch leerer". Das mag so sein, doch
transportieren die Bilder auch die Botschaft, dass es in den jeweiligen
Katastrophengebieten für Selbsthilfe keine Ansätze gibt und umso mehr die
Präsenz ausländischer Helfer notwendig ist. Die massive Anwesenheit von
internationaler Hilfsorganisationen aber kann auch dazu beitragen, die
Selbsthilfekräfte der Opfer zu lähmen und zu behindern. Das ist die Lehre,
die beispielsweise aus dem Kosovo und aus Kabul zu ziehen wäre.
Aber zurück zu den Küsten des indischen Ozeans. Als sich unter den
Tsunami-Geschädigten herumsprach, dass irgendwo Hilfsgüter verteilt würden,
verließen viele ihre selbstbestimmten Wiederaufbaubemühungen und stellten
sich in die Schlange der passiv Wartenden. Vielleicht haben Sie noch die
Fotos in Erinnerung, auf denen militärische Landungsboote zu sehen waren,
die riesige Berge von Kleidern auf die Strände kippten. Solche Hilfe erwies
sich gleich in doppeltem Sinne als schädlich. Sie demobilisierte die
Menschen und lastete ihnen zusätzlich noch die Bürde auf, die Hilfe wieder
zu entsorgen. Für Kleider – zumindest in diesem Ausmaß - nämlich hatte
niemand Verwendung.
Zur Förderung eigenständiger Hilfsbemühungen wäre es viel wichtiger gewesen,
den lokalen Hilfskräften die Handy-Kosten zu finanzieren. Das aber muss
vielen Helfern als zu abstrakt erschienen sein; stattdessen trafen, wie bei
allen Katastrophen, Kisten mit abgelaufenen Medikamenten, Hundefutter,
Raucherentwöhnungsdrops, Spaghetti-Sauce, Abmagerungsmittel, etc. etc. ein.
Die Motive, die hinter solchen zweifelhaften Hilfen stehen, mögen integer
sein, die Wirkung ist nicht.
Die Liste fehlgeschlagener Hilfsprojekte, die uns unsere indischen und
srilankischen Partner berichteten, ist lang. Ohne dem Kollegen aus
Bangladesh vorgreifen zu wollen, der das sicherlich noch ausführlicher
darstellen wird, hier einige Beispiele:
Weil es zwischen den vielen Hilfsorganisationen, die ja nicht nur aus
Deutschland, sondern aus allen Teilen der Welt eingetroffen waren, kaum
nennenswerte Absprachen und keine Koordination gab, kam es zu großen
Disparitäten in der Verteilung von Hilfsgütern: manche Dörfer bekamen viel,
andere gar nichts. Vieles war dem Zufall überlassen, und nicht selten waren
es eher zufällige Kontakte von Touristen, die darüber entschieden haben, ob
jemand Unterstützung bekam. Die Folge solcher Disparitäten sind fast immer
Neid und Demütigung, was in einem Land wie Sri Lanka, in dem seit
Jahrzehnten Bürgerkrieg herrscht, ein unverantwortliches Anfeuern eh schon
bestehender Konflikte bedeutet.
Auch viele der provisorischen Unterkünfte und Häuser, die für die obdachlos
Gewordenen errichtet wurden, erwiesen sich als wenig angepasst: da meist
darauf verzichtet wurde das traditionelle Wissen der Menschen vor Ort zu
berücksichtigen, entstanden Unterkünfte, die zu heiß, zu stickig, zu feucht,
zu windanfällig sind. Besonders in den Monaten des Monsun boten viele der
gebauten Unterkünfte mehr Risiken, denn Schutz. Die Menschen zogen es
jedenfalls vor, im Freien zu campieren.
Stichwort: Fischerboote. Nachdem in den Medien ausführlich über den Verlust
der Boote berichtet wurde, schienen viele Organisationen, Initiativen,
Kommunen darin einen griffiger Anknüpfungspunkt für das eigene Engagement zu
sehen. Mit dem Ergebnis, dass in manchen Fischergemeinden heute ein 30%
höherer Bootsbestand herrscht als vor der Katastrophe; parallel aber die
Vermarktungskapazitäten nicht ausgebaut wurden und obendrein nun die
Überfischung der Gewässer droht. Viele der von findigen indischen
Unternehmern gebauten Boote haben sich als unangemessen, manche als absolut
instabil erwiesen. Dass es bereits zu Unfällen gekommen ist, sei
bedauerlich, meinte der Vertreter einer Organisation, aber: That's not
our problem any longer, we have done our job.
Derart entfernt sich die Hilfe auch von den Leuten, denen sie eigentlich
eine Unterstützung sein soll. Weil die Betroffenen nicht in die Planung
einbezogen wurden, weil lokales Wissen zu wenig berücksichtigt und Hilfe als
barmherzige Geste, nicht aber als Rechtsanspruch gesehen wurde, musste so
manche Hilfsaktion, trotz guter Absichten, scheitern. Interessen
Gegen die Mythen, die sich um Hilfe ranken, ist immer wieder
angeschrieben wurden. Viele der hier Anwesenden können ein Lied davon
singen, wie schwer es ist, in das Geschehen, das rund um Katastrophen und
Krisen herrscht, ein wenig Rationalität zu bringen. Allerdings habe ich den
Eindruck, dass noch in den 80er Jahren die öffentliche Debatte über mögliche
problematische Effekte von Nothilfe lebendiger war. Zwar diskutieren wir
heute über "do no harm" und sind auch bereit, quasi pausenlos die eigene
Arbeit zu evaluieren, doch werden die Interessen und Erwartungen, die in die
Hilfe einfließen, kaum noch reflektiert.
Das aber wäre die Voraussetzung für eine zeitgemäße Bildungsarbeit, die,
wenn es denn schon nicht mehr allein um Entwicklungspolitik geht, sozusagen
eine "katastrophenpolitische Bildungsarbeit" sein müsste. Dabei wäre dann
auch die Frage zu klären, warum sich all die Mythen, die sich um Hilfe
ranken, so hartnäckig halten.
Für ein entsprechendes Curriculum seien hier schon mal drei Themenkomplexe
angesprochen. Kommerzialisierung Da ist erstes die Tatsache, dass
Hilfe mehr und mehr von wirtschaftlichen Interessen durchsetzt und so
zwangsläufig zu einem Selbstzweck wird. Die vielen Milliarden, die
alljährlich für Nothilfebemühungen in aller Welt aufgebracht werden, haben
die Hilfe zu einem expandierenden Wirtschaftszweig werden lassen. Seit
einigen Jahren unterhält der Markt sogar eigene Messen, auf denen
Nahrungsmittel, Rettungsboote, Minensuchgeräte, Zelte, Leichensäcke,
Gasmasken, Trinkwasseraufbereitungsanlagen und anderen Dienstleistungen
präsentiert werden.
Die größte Veränderung aber betrifft die Träger der Hilfe. Denn die Chancen,
die das heutige Hilfsbusiness eröffnet, haben nicht nur die Zahl der
Hilfsorganisationen anwachsen lassen, sondern auch ganz neue Akteure auf den
Plan gerufen. Ich spreche nicht von den Militärs, die natürlich auch zu
berücksichtigen wären, sondern vom corporate sector, den Unternehmen, von
denen viele begonnen haben, eigene Hilfsorganisationen aufzubauen. RTL
beispielsweise gründete die RTL-Stiftung "Hilfe für Kinder", bei der
sozusagen alles aus einem Guss gemacht werden kann. Das Medium setzt das
Thema, motiviert zur Aktion, sammelt Spenden und setzt diese in Projekte um,
die wiederum neue Bilder liefern und für ein medial überzeugendes
"Controlling" sorgen. Für mich sind in solchen selbst-referenziellen
Kreisläufen Vorboten eines "Humanitär-Industriellen-Komplexes" auszumachen,
wie ich das auf einem Symposium des AA im Jahr 2000 gesagt, und ganz
offensichtlich habe ich mich nicht getäuscht.
Denn die neuen Konturen treten immer klarer hervor: Firmen werden zu
Nothelfern; Rüstungskonzerne beispielsweise wollen an den Mitteln, die fürs
humanitäre Minenräumen bereitstehen, partizipieren. Banken spenden zur
besten Sendezeit an firmeneigene Stiftungen. TUI sammelt Spenden, um in Sri
Lanka ein "TUI-Dorf" für 200 vom Tsunami geschädigte Familien aufzubauen. An
nichts soll es den Begünstigten mangeln, kann man auf der Website des
Tourismus-Unternehmens lesen. Problematisch nur, dass die Opfer sich
sozusagen um die Unterstützung bewerben musste und die 200 begünstigten
Familien aus einem Kreis von 500 ausgewählt wurden. Um was, frage ich Sie,
geht es hier? Um Wiederherstellung von Autonomie? Oder um Hilfe als
Lotteriegewinn im Kontext von Marketing-Strategien? Bemerkenswert
jedenfalls, dass sich Unternehmen die Kosten für Marketing und der Werbung
zunehmend auch aus Spenden finanzieren lassen.
Medialisierung Zweitens sind da die immer prekärer werdenden
Vorgaben der Mediengesellschaft. Nur wer selbst im Bild und Ton sichtbar
wird, wirkt in der Medienöffentlichkeit überzeugend. Ein entsandter Arzt,
der mit T-Shirt, Fahne und eindrucksvollem Auto ausgestattet wird, ist
natürlich in viel stärkerem Maße "visible" als die lokalen Mitarbeiter von
Partnerorganisation, die sich womöglich kaum von der Masse der Opfer
unterscheiden.
Zu welch skurrilen Entwicklungen die Ausrichtung der Hilfe an öffentlichen
Erwartungen führen kann, zeigen Meldungen aus Indien und Sri Lanka.
Weil das Thema Kinder bei den Spendern am besten ankommt, wollten viele
hilfsbereite Initiativen, viele Kommunen und Hilfsorganisationen nur Schulen
und Waisenhäuser aufbauen. Auf paradoxe Weise bedauerlich, dass die Zahl der
zerstörten Schulen einfach nicht groß genug war, um allen hilfsbereiten
Organisationen entsprechen zu können. Und unter Srilankern ging sogar der
zynische Satz um, man müsse wohl noch ein paar der überlebenden Eltern
umbringen, um genügend Waisen zu haben.
Der Bedarf für Unterstützung von außen war und ist fraglos groß. Ganz
offenbar aber korrespondierte das, was die Menschen vor Ort brauchten, nicht
mit den Erwartungen der heimischen Spender. Und gemessen an den Chancen, in
der medialen Öffentlichkeit Resonanz zu finden, macht es schon einen
Unterschied, ob man eine weithin sichtbare Baumassnahme fördert oder eben
nur die Handy-Kosten von lokalen Partnern, die sich womöglich von den Opfern
gar nicht groß unterscheiden. Paternalismus Und da ist drittens
eine noch immer existierende paternalistische Grundhaltung, die den Mythos
von der Hilflosigkeit der Opfer antreibt und auch das permanente Eingreifen
in deren Belange legitimiert.
Jean Paul Sartre sprach in diesem Zusammenhang von einem "rassistischen
Humanismus", der daraus resultiert, dass das Elend der Welt nicht vor dem
Hintergrund der eigenen wirtschaftlichen, politischen und kulturellen
Dominanz verstanden wird, sondern allein als Problem des Südens. Aus solcher
Perspektive erscheint die Lösung dann tatsächlich in der "humanistischen
Aktion" zu liegen, - der wohlmeinenden Hilfe für die armen Menschen im
Süden, die leiden, weil sie eben so sind, wie sie sind.
Als Beleg für den noch immer existenten Paternalismus muss nicht unbedingt
der skurrile Vorschlag eines Abgeordneten herhalten, der Anfang des Jahres
empfahl, deutsche Arbeitslose zu Aufräumarbeiten nach Indien zu schicken,
sondern kann durchaus auch die Debatte unter deutschen
Sozialwissenschaftlern erwähnt werden, die dem katastrophen- und
krisengeschüttelten Afrika eine europäische Treuhandschaft verordnen
möchten.
Die Wiederentdeckung der Bildungsarbeit
Ich habe eingangs erwähnt, dass in der Betrachtung der Einflüsse und der
Erwartungen, die an die Helfer gerichtet werden, auch der Anteil der
"selbst-erfüllten Prophezeiung" zu untersuchen ist. Bekanntlich sind
Hilfsorganisationen nicht nur Opfer von Erwartungen, sondern wirken auch
tatkräftig mit, eben solche zu erzeugen. Vor allem das Bild, das sich die
Öffentlichkeit von einer glaubwürdigen Hilfe macht, wird nicht zuletzt durch
die Hilfswerke selbst geformt.
Es sind auch die Hilfswerke, die immer wieder die Bedeutung von Nothilfe
betonen, die visible sein wollen, nach Medien schielen, auf Schnelligkeit
setzen, den politischen, sozialen und kulturellen Kontext von Krisen und
Katastrophen ausblenden, die Barmherzigkeit der Menschen mit der
Unbarmherzigkeit von Bildern erkaufen und damit die Mythen pflegen, die so
dringend einer Korrektur bedürfen.
To keep the story simple, raten die professionellen Fundraiser, und
übersehen dabei, dass der Verzicht auf die Darstellung von Komplexität
schließlich auch zu Lasten der Professionalität geht. Wer den Anschein
erweckt, dass Hilfe in erster Linie ein entschlossenes Zupacken bedarf,
nicht aber besondere Kenntnisse und schon gar nicht die zeitraubende und
komplizierte Auseinandersetzung mit einem Geflecht oftmals nur schwer zu
durchschauender Interessen, der muss sich nicht wundern, wenn am Ende
vermehrt Vorstellungen auftauchen, die in Planung Bürokratie wittern und in
Verwaltungskosten eine Form der unsittlichen Bereicherung auf Kosten der
Opfern. Stehen seriöse Hilfswerke erst einmal derart unter Druck, ist gar
nicht mehr zu verhindern, dass auch die Qualität der Hilfe Schaden nimmt.
Ich meine, dass es höchste Zeit ist, gerade die Komplexität von Hilfe
hervorzukehren und verstärkt wieder in "Bildungsarbeit" zu investieren. Das
ist für mich eine der Lehren, die aus dem Tsunami und den anderen
Katastrophen, die sich zuletzt ereignet haben, zu ziehen ist. Es scheint mir
dringend geboten, nicht nur für humanitärer Hilfe zu werben, sondern
kritisch auch über deren Voraussetzungen und Begrenzungen aufzuklären.
Die Welt leidet nämlich nicht eigentlich an zu wenig Hilfe, sondern an
Verhältnissen, die immer mehr Hilfe notwendig machen. Thomas Gebauer ist Geschäftsführer von medico
international. Das Symposium "Entwicklung in Zeiten von Katastrophen –
Lektion gelernt?", 14.11.2005 in Bonn wurde veranstaltet vom Bündnis
»Entwicklung hilft!« dem Brot für die Welt,
medico international, Misereor, terre des hommes und die Deutsche
Welthungerhilfe angehören. |