Fünf Hauptstädte
Der Sommer 2007:
Ein Jahr nach dem jüngsten israelisch-libanesischen
Krieg
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Flüchtlingsfamilie aus dem Nahr el-Bared Camp. Foto: Hugh Macleod/IRIN |
Auch ein Jahr nach dem sog. "Sommerkrieg", bei dem mehr als 1.200
Libanesen und mehr als 160 Israelis ums Leben kamen, habe sich die Lage im
Libanon noch immer nicht beruhigt, gab Lokman Slim, Leiter des
medico-Partners UMAM in Beirut, bei seinem jüngsten Besuch in Frankfurt im
Juni 2007 zu bedenken. Der kritische politische Aktivist und Verleger, der
im schiitischen Stadtteil Haret Hreik in Südbeirut zusammen mit Monika
Borgman einen Ausstellungsraum und Workshops betreibt, blickt nicht
besonders optimistisch in die Zukunft: "Solange der Libanon über fünf
Hauptstädte verfügt, wird sich in Beirut nichts substantielles ändern".
Damit meint Slim die Tatsache, dass die libanesische Innenpolitik
traditionell immer auch aus dem Ausland beeinflusst wird. Washington stütze
die aktuelle Regierungskoalition unter Präsident Sinora, in der die
sunnitischen, drusischen und Teile der christlichen Clans zusammengefasst
sind. Damaskus und Teheran sei ein Bündnispartner des oppositionellen
Blockes, in dem das schiitische Klientel um die Hizbullah, aber auch die
Amal-Bewegung und christliche Gruppen um den aktuellen Staatspräsidenten
Lahoud vereint sind. Und im Hintergrund, so Slim, stehe Tel Aviv, das durch
den letztjährigen Krieg versucht habe die Innenpolitik des Libanon
militärisch neu zu sortieren, damit aber scheiterte und nun in Verhandlungen
mit Damaskus bestrebt ist, die Hizbullah endgültig zu neutralisieren. "Keine
einfache Ausgangsposition" gibt der medico-Partner zu bedenken und
beschreibt das Patt, welches seit dem Austritt der schiitischen Abgeordneten
aus der Regierung herrscht: Das Parlament tritt nicht zusammen, weil der
schiitische Kammervorsitzende Berri die Abgeordneten nicht zusammenruft, die
Hizbullah belagert das Parlament, weil sie die Rechtmäßigkeit der Regierung
bestreitet, die Regierung will den Staatspräsident neu wählen, weil der
amtierende zum oppositionellen Block gehört.
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Improvisierte Aufklärung für Kinder über Minen, Clusterbomben,
Blindgänger, August 2006. Foto: medico |
Aber zum Stillstand gehöre auch die Eruption, sagt der medico-Partner und
verweist auf die Kämpfe im nordlibanesischen Flüchtlingslager Nahr el-Bared
(Kalter Fluss), wo eine fundamentalistische Palästinensermiliz gegen die
libanesische Armee kämpfe – oder umgekehrt, je nach Blickwinkel, wie Slim
anmerkt. Für ihn, den säkularen Schiiten, der ein entschiedener Kritiker der
Hizbullah ist, verweisen die Kämpfe nur auf das tiefer liegende Drama der
Palästinenser im Libanon, die auch in der dritten Generation über keinen
gesicherten Status verfügen: "In den Lagern wächst eine Generation heran,
die weder Palästinenser noch Libanesen sind, sie haben keine Bürgerrechte,
keine Rückkehrperspektive, sie sind nicht mal richtige Flüchtlinge".
Entsprechend reagiere die libanesische Öffentlichkeit auf den Einmarsch der
libanesischen Armee in Nahr el-Bared, als wäre ein "fremdes Territorium"
erobert worden. Tatsächlich aber, so Slim, verdeutlichen die
Auseinandersetzungen mit der islamistischen Palästinensermiliz nur, dass
400.000 palästinensisch-stämmigen Flüchtlingen jegliche Teilhabe am
gesellschaftlichen und politischen Geschehen des Landes seit Jahrzehnten
vorenthalten wird. Zur Hinterlassenschaft des letzten Sommers gehören aber
auch ca. eine Million nicht explodierter Teile von Streubomben (Cluster
Bombs), die während des Krieges von der israelischen Armee verschossen
wurden und weiterhin eine ständige Gefahr bilden. Allein 70 Kinder und
Jungendliche unter 18 Jahren wurden seit August 2006 durch Explosionen der
unentdeckten Sprengkörper verletzt oder getötet.
Nothilfe 2006
Im Zuge der Kriegshandlungen im Sommer 2006 versorgten der libanesische
medico-Partner AMEL und die libanesisch-palästinensischen Gesundheitsdienste
PARD und NAMSC die Flüchtlinge in den Städten Beirut, Tyros, Saida und im
Süden des Landes. Alle unsere Partner widmeten sich während der Kriegstage
der Notversorgung der Flüchtlinge. Sie stellten Unterkünfte in den
palästinensischen Flüchtlingslagern bereit, halfen mit Nahrungsmitteln,
Decken, Medikamenten und Hygieneartikeln. Der langjährige Partner AMEL hat
nach Beendigung der Notversorgung im Frühjahr dieses Jahres mit
Unterstützung von medico begonnen, kriegstraumatisierte Kinder und Mütter
psychologisch zu betreuen. Psychologinnen, erfahrene Kindergärtnerrinnen und
Sozialarbeiter bieten Kindern und Jugendlichen nicht nur Spielworkshops an,
sondern auch therapeutische Einzelsitzungen. |
Das Engagement von
medico international
Hilfe für die
palästinensischen Flüchtlinge aus Nahr el-Bared 2007
Unsere Partner NAMSC und PARD versuchen seit dem Ausbruch der Kämpfe im
Flüchtlingslager Nahr el-Bared der bedrängten palästinensischen
Zivilbevölkerung beizustehen, die zum Großteil das umkämpfte Lager verlassen
hat. NAMSC betreut im nahegelegenen Flüchtlingslager Beddawi, in dem der
medico-Partner auch eine Krankenpflegeausbildung betreibt, viele der völlig
mittellosen Flüchtlinge aus Nahr el-Bared durch die Bereitstellung von
Medikamenten, Matratzen, Küchen- und Hygieneutensilien und Babynahrung.
Auch wenn die Kämpfe in Nahr el-Bared inzwischen abgeklungen haben, glaubt
Dr. Raja Musleh, der Leiter von NAMSC, nicht an eine schnelle Rückkehr der
Flüchtlinge: "Wir rechnen frühestens in einem Jahr mit der Möglichkeit einer
Rückkehr", so der medico-Partner in einem seiner jüngsten E-Mails, in der er
die aktuelle Wohnungskrise in den Flüchtlingslagern beschreibt. "Die
Infrastruktur von Nahr el-Bared ist weitgehend zerstört, viele seiner Häuser
stehen nicht mehr, und mittlerweile sind die obdachlos gewordenen Bewohner
in Notunterkünften in anderen palästinensischen Camps untergekommen. Im
Beddawi Camp teilen sich bis zu 15 Personen die Klassenräume der
UNWRA-Schulen, in den Häusern leben teilweise drei Familien in einer
Wohnung". Alle Partner von medico im Libanon begreifen ihre Hilfe nicht
nur als einen selbstverständlichen und notwendigen Akt für unmittelbar
Bedürftige, sondern sehen ihre Arbeit auch als ein beständiges Einstehen für
eine noch zu erstreitende libanesische Gesellschaft in der alle
Bevölkerungsgruppen über die gleiche Rechte verfügen. Dies gelang nicht
zuletzt im Sommer 2006 auch im Wesentlichen durch die Spenden unserer
Unterstützerinnen und Unterstützer, die mit über 70.000 Euro diese wichtige
Not- und Demokratiehilfe im Libanon erst ermöglichte. Wir hoffen weiter auf
Ihre Unterstützung. Spendenstichwort: "Nahost"
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Die Hilfsmaßnahmen unserer Partner. Ein Überblick über die
derzeitigen Aktivitäten ... weiter |
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medico-Rundschreiben |
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Erinnerung & Aneignung nach den Kriegen im schiitischen Beirut. Von
Monika Borgmann-Slim, Umam D&R (Rundschreiben 2/2007) ...
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Die libanesische Gesellschaft und der Krieg. Eine Reportage
über die materiellen Schäden, die traumatischen Hinterlassenschaften und
die Wiederaufbaubemühungen mit und ohne Hizbullah (Rundschreiben 3/2006) ...
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Reportagen
Von Markus Bickel, Journalist in Beirut.
Neue Fronten
Ein Jahr nach Beginn des Libanon-Krieges ist das Land politisch
gespaltener als vor dem Waffengang gegen Israel.
Kriegsgewinnler
Vor einem Jahr setzte Israel seine Militärmacht in Marsch, um die
radikalislamische Hizbollah aus dem Libanon zu bomben. Heute ist die
"Partei Gottes" stärker denn je (PDF)
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Radio-Interview |
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Bernd Moser von Radio Z sprach am
23.05.2007 mit dem Nahostexperten von
medico international Martin Glasenapp.
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Medico-Buchtipp: Libanon verstehen
Fawwaz Traboulsi:
A History of Modern Lebanon
Pluto Press (22.02.2007) ISBN-10: 0745324371, Sprache: Englisch, (TB 320
S.)
Dieses Buch präsentiert die Geschichte Libanons über mehr als fünf
Jahrhunderte. "Geschickt die soziale, politische, kulturelle und
Wirtschaftsgeschichte miteinander verwebend, ermöglicht diese
eindringende Studie ein tieferes Verstehen der tragischen, aber immer
auch hoffnungsvollen libanesischen 'Tür nach Osten und Westen' und
vernachlässigt dabei zugleich nicht die Kompliziertheit dieser
faszinierenden Gesellschaft. Traboulsi schließt mit der Beobachtung,
dass 'eine neue Periode in der Geschichte Libanons' 1990 begann, eine
Periode, die durch Errungenschaften und Schrecken, aber auch mit dem
Versprechen für die bessere Zukunft gekennzeichnet werden kann." - Noam
Chomsky.
"A History of Modern Lebanon" ist die erste umfassende Geschichte
Libanons in der modernen Periode. Über die die Herausbildung des
Osmanischen Reiches im Libanon im 16. Jahrhundert erklärt Traboulsi das
Entstehen des spezifisch libanesischen Konfessionalismus und zeichnet
das Wachstum Beiruts als eine Hauptstadt für Handel und die Kultur im
Laufe des 19. Jahrhunderts nach. Im Hauptteil konzentriert sich der
Autor auf die libanesische Entwicklung im 20. Jahrhundert und die
sozio-ökonomischen Konflikte, die bis zu den Bürgerkriegen in den 1970er
Jahren und 1980er Jahren führten. MG |
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