Die Tsunami-Projekte in Indien
Gesundheitsdienste gegen das Unrecht des Kastensystems und der
strukturellen Armut
Natürlich unterstützte medico seine nach dem Tsunami gewonnenen
indischen Partner zunächst in der Nothilfe. Das erste gemeinsame Projekt
organisierte die Community Health Cell (CHC), deren Leiterin Thelma Narayan
uns aus der gemeinsamen Arbeit im weltweiten Netzwerk des People's Health
Movement (PHM) vertraut war. Zugleich kooperierten wir mit der im
Bundesstaat Andra Pradesh tätigen NGO Community and Rural Development
(CARDS), in der sich "Dalits" zur Selbstorganisation im Widerstand gegen das
Kastensystem zusammengeschlossen haben. Dabei ist schon der Name Widerstand,
wird mit der Selbstbenennung doch der Titel "Kastenlose" zurückgewiesen, der
ihnen vom Kastensystem selbst zugewiesen wurde. Errichtung von 7
Gesundheitszentren in Andra Pradesh
Zur integrierten Gesundheitsförderung gehört auch der Katastrophenschutz:
die Arbeit von CARDS
Von Februar 2005 an unterstützte medico den Aufbau von Gesundheitszentren
in Tsunami-geschädigten Dörfern, die hauptsächlich von "Dalits" bewohnt
werden. Bei Tsunami-Entschädigungen, die die indische Regierung ausgezahlt
hat, wurden sie meistens nicht berücksichtigt und auch in allen anderen
Programmen im Tsunami-Kontext erheblich benachteiligt. Insgesamt förderte
medico den Bau von 7 Health Centres, deren Angebot weit über die klassische
medizinische Minimalversorgung hinausgeht. So arbeiten dort nicht nur
Krankenpfleger, sondern auch Studenten des Krankenpflegecolleges, das CARDS
in der nahegelegenen Stadt Guntur unterhält. Sie kümmern sich um einfache,
doch weitverbreitete Krankheiten ebenso wie um eine breitgefächerte
Gesundheitsaufklärung und -vorsorge. Alle zwei Wochen wird ein "Health Camp"
veranstaltet, an dem auch Ärzte teilnehmen. Darüber hinaus beherbergen die
Zentren Vorschulkindergärten ("Balwadis") und dienen als Schutzraum gegen
Unwetter wie Zyklone, von denen die Gegend immer wieder heimgesucht wird.
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Mittlerweile sind 2 der 7 CARDS-Zentren fertiggestellt worden. Foto:
CARDS |
Darüber hinaus hat CARDS ein auf die Bedingungen der Dörfer
zugeschnittenes Katastrophenschutzprogramm entwickelt. Gemeinsam mit den
Dorfbewohnern werden Workshops durchgeführt, die sich mit
Verhaltensmaßregeln im Katastrophenfall beschäftigen. So entstand die Idee
der Schutzräume, in die zuerst die gebracht werden sollen, die sonst den
Naturgewalten schutzlos ausgeliefert bleiben: alte Menschen, Kranke und
Kinder. Außerdem wurden für alle Zentren Amateurfunkgeräte angeschafft,
damit eingehende Frühwarnungen überhaupt an die besonders schlecht mit
Kommunikationsmitteln ausgestatteten Dörfer weitergegeben werden können. Da
durch die Tsunamiwellen an der gesamten Küste des indischen Bundesstaats
Andhra Pradesh zahlreiche Brunnen versalzten oder versandeten, unterstützte
medico die KollegInnen von CARDS in den sieben Gemeinden auch in der Bohrung
und dem neuer Brunnen. Ernavoor und Semmencherry: an der Seite der "Dalits" (UDAVI, C-DOT, PAM)
In den Slums der Millionenstadt Chennai (früher Madras) im Bundesstaat Tamil
Nadu arbeiten wir mit den NGOs Upliftment of Democratic and Village
Improvement Society (UDAVI) und Community Development Organization Trust (C-DOT)
sowie mit dem People's Action Movement (PAM) zusammen. Unsere Kolleginnen
kümmern sich zum einen um Menschen, die nach dem Seebeben zunächst in
Notaufnahmelagern untergebracht und dann in Ernavoor, einem nahe dem Meer
gelegenen Stadtteil Chennais, umgesiedelt wurden. Es handelt sich um eine
provisorische Siedlung mit semi-temporären Häusern. Den Bau der 1746 Häuser
wollte zunächst die Deutsche Welthungerhilfe mit EU-Geldern durchführen.
Nachdem die EU ihr Angebot kurzfristig und ohne Begründung zurückzog, hat
das NGO-Konsortium von Chennai den Bau dann mit Hilfe von Cordaid und Care
India auf einem Grundstück realisiert, das von der Regierung Tamil Nadus zur
Verfügung gestellt wurde. Gegenwärtig leben 737 Familien auf dem Gelände,
insgesamt über 4000 Leute. Sie sind in der Mehrheit "Dalits", die ihren
Lebensunterhalt als Tagelöhner im Fischereigeschäft, als Rickshaw-Fahrer,
Bau- oder Stahlarbeiter, Lastenträger, Feuerholzsammler und -verkäufer oder
durch Stickereihandarbeiten für die Bekleidungsindustrie verdienen. Manche
betreiben auch kleine Teestuben oder Telefon/Fax-Kioske. Das
Durchschnittseinkommen beträgt 1500 Rupien im Monat, etwa 26 Euro. In der Siedlung gibt es nur zwei Anlaufstellen für die Menschen, um
sozialmedizinische Unterstützung und Hilfe für ihre vielen Probleme und Nöte
zu finden: das Community Health Centre von C-DOT und das Büro der lokalen
NGO People's Action Movement (PAM). Beide Organisationen haben ihre
Räumlichkeiten in einem gemeinsamen ebenerdigen Haus am Eingangsbereich der
Siedlung. Das Gesundheitszentrum ist über eine barrierefreie Rampe zu
erreichen, vor dem Eingang ist eine Veranda, die als Wartebereich genutzt
werden kann, wenn ein Sonnen- bzw. Regenschutzdach angebracht wird. Eine
große Halle (ca. 50 qm) ist für Versammlungen, Besprechungen, Schulungen und
Behandlungen vorgesehen, außerdem stehen zwei weitere separate
Behandlungsräume (je 18 qm) zur Verfügung. Ein Raum wird als
Konsultationsraum der Ärztin genutzt, der andere ist für Behandlungen mit
Liegen und medizinischem Basisgerät wie Blutdruckmesser, Sterilisator usw.
ausgerüstet.
Die Ärztin ist jeden Morgen außer Sonntags von sieben bis 13 Uhr anwesend
und wird im Schnitt 60 Menschen am Tag konsultiert. Die Mehrheit der
BewohnerInnen ist auf Grund der Fehlernährung anämisch. Ansonsten sind
regelmäßig Diarrhöe und andere hygienebedingte Erkrankungen zu behandeln.
Zum fünfköpfigen Team von C-Dot gehören eine Krankenschwester und
Sozialarbeits- und Psychologie-StudentInnen des Loyola College. Sie sind
ganztägig vor Ort, die Nachtwache wird immer im Wechsel von zwei
Teammitarbeitern durchgeführt. Großen Anklang fanden außerdem die zehn "Healthcamps" (Seminare), deren
Themen - Augenmedizin, Diarrhöe, Allgemeine Gesundheit, Hygiene und Sanitär,
Gynäkologie, Pädiatrie sowie Ayurveda und Naturheilmedizin - jeweils von den
Bewohnern selbst angeregt wurden.
Darüber hinaus führt C-DOT in enger Abstimmung mit den Bewohnern
folgende regelmäßige Angebote und Programme durch: Frauengesundheits-Training-Program
Frauen ab 16 Jahren haben 15 "Gesundheitsclubs" gegründet und sich jeweils
eine Team-Leiterin gewählt. Die jeweils etwa 25 Mitglieder eines Clubs
treffen sich zwei Mal im Monat, jedes Treffen wird thematisch ausgerichtet
(z.B. Hygiene, lokale bzw. soziale Probleme, Gesundheitsvorsorge). Im
Anschluss gehen die Frauen in die Siedlung und informieren die anderen
Bewohnerinnen. Die Krankenschwester und Ärztin sowie eine Sozialarbeiterin
des C-DOT begleiten die Treffen der Gesundheitsclubs. Die Team-Leiterinnen
werden in regelmäßigen Schulungen in Basisgesundheitsversorgung und
Prävention vom C-DOT Team begleitet und ausgebildet. Selbsthilfe-Gruppe für Mädchen
Diese Gruppe besteht aus Dalit-Mädchen im Alter zwischen 16 und 21 Jahren.
In regelmäßigen Treffen werden die Alltagsprobleme der Mädchen besprochen
und mit Unterstützung der Sozialarbeitern und Psychologiestudenten sowie
durch Rollenspiele Problemlösungsstrategien erarbeitet. Ausbildungs- und
Geldsorgen, Heirat, Mitgift, Familienplanung und Gesundheit sind die
dominierenden Probleme, es gibt Yogakurse und Schulungen zur
Naturheilkosmetik. Statt der üblichen und in der Regel gerade nicht
einkommensschaffenden Kurse zu Näh- und Handarbeiten werden das oben
erwähnte Naturheilkosmetik-Training und eine Ausbildung in "Cellphone
Servicing" angeboten: eine Idee, die in der Presse Aufsehen erregte. Dabei
handelt es sich um einen staatlich anerkannten Lehrgang, bei dem die Mädchen
lernen, Handys zu reparieren und so ein Gehalt von mindestens 10 000 Rupien
monatlich zu erzielen. Seit Juni absolvieren die ersten 20 Mädchen aus der
Ernavoor-Siedlung ihre Ausbildung, weitere Gruppen sind in Planung. Selbsthilfe-Gruppe für Kinder
In dieser Gruppe kümmert sich das C-DOT Team um 20 drogensüchtige Jungen,
die sich seit ihrer frühen Kindheit alleine durchs Leben schlagen oder nur
noch einen Elternteil haben, der sich aber wegen übermäßig schwerer Arbeit
oder Krankheit nicht um sie sorgt. Sie lernen Lesen, Schreiben und Rechnen
und werden zugleich mit Formen und Methoden gewaltfreier
"Konfliktbewältigung" vertraut gemacht. Jugendgruppe
Hier erhalten 43 männliche Jugendliche psychosoziale Unterstützung. Auch
hier ist ein großes Aggressionspotential das zentrale Problem, sind
Wutanfälle ohne einen zunächst offensichtlich erkennbaren Grund an der
Tagesordnung und belasten Familien- und Gemeinschaftsleben. In der Gruppe
werden unter Einbezug der Familienmitglieder Konfliktlösungsstrategien
erarbeitet; außerdem werden dir Jugendlichen im Straßentheater und in das
Kulturteam eingebunden, das die medizinische Präventionsarbeit in den Camps
und die Gesundheitsclubs der Frauen unterstützt.
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Semmencherry Community Health Centre
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C-Dot Ärztin im Einsatz |
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Regierungsfinanzierte permanente Health and Empowerment Camp Gebäude
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Federation of Indian Industrial Women Entrepreneurs führt einen Workshop
zu Einkommen schaffenden Maßnahmen durch |
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Semmencherry
Da der Besitzer das Land nicht zum Bau von permanenten Häusern freigab,
siedelte die Regierung von Tamil Nadu die Tsunamiopfer etwa 30 Kilometer
außerhalb der Stadt an und stampfte so eine Siedlung für gut 8000 Menschen
aus dem Boden - alles zweistöckige Gebäude mit sanitären Anlagen.
Mittlerweile wurden hier außerdem Menschen aus anderen Tsumani-Notlagern und
aus den Slums von Chennai untergebracht – eine Maßnahme, durch die der
Marina Beach und andere Stadtstrände Chennais von den Armen und ihren
kleinen Geschäften und Kiosken "gesäubert" wurden. Ein echtes
Vorzeige-Projekt für verfehlte Entwicklungsprogramme: Wer nach Semmencherry
will, muss von Chennai aus etwa eine Stunde entlang über den sogenannten "IT-Korridor"
fahren, eine Ausfallstraße, an der sich in den vergangenen zwei Jahren
internationale und nationale IT-Unternehmen mit ihren Glas/Stahl Bauten
niedergelassen haben. Es gibt ein Dach über dem Kopf und eine
Gemeindezentrum, aber keine Schule, keinen Laden - und keine
Arbeitmöglichkeiten. C-DOT ist die einzige NGO, die von der Regierung die
Erlaubnis erhalten hat, in der Siedlung zu arbeiten: Ein medizinisches
Projekt erschien der Regierung wohl unverdächtig. Dem People's Action
Movement (PAM) wurde die Eröffnung eines Büros untersagt, die medico-Partner
kommen trotzdem, reisen morgens an und fahren abends nach Chennai zurück,
ein mühsames Geschäft, bei dem sie manchmal im Gesundheitszentrum oder im
Gemeindehaus übernachten müssen.
Das von C-DOT eingerichtete Community Health Centre hält ein ähnliches
Programm vor wie bereits in Ernavoor geschildert. Eine junge Ärztin und eine
Krankenschwester stehen täglich vormittags zur Verfügung, im Schnitt kommen
70 Menschen täglich zu den Konsultationen. Es werden Health Camps und
Selbsthilfegruppen organisiert. Die Einrichtung ist von den Räumlichkeiten
her etwas kleiner als die in Ernavoor, auch hier sind es überwiegend Frauen,
die Leiterinnen der Health Clubs, die von der Ärztin und dem vierköpfigen
C-DOT-Team in ihre Aufgaben als "Community Health Worker" eingewiesen
werden.
Darüber hinaus sind die Räumlichkeiten Anlauf- und Startpunkt aller
Aktivitäten und Widerstände, die hier durch NGOs und mit den Menschen
organisiert werden. So wurden bereits Petitionen und Forderungen an die
Regierung verfasst, Startkapital für einkommensschaffende Maßnahmen zur
Verfügung zu stellen, worship-places für Hindus, Moslems und Christen zu
bauen und für Schul- und Ausbildungsmöglichkeiten sowie Busverbindungen in
die Stadt zu sorgen.
Das bescheidene Büro von C-DOT liegt in einem Vorort von Chennai und besteht
aus zwei großen Räumen. Es gibt nur einen Computer, weil das Budget keine
große Infrastruktur für die Organisation vorsieht, sondern den Schwerpunkt
auf die "Feldarbeit" legt. Von hier aus lassen sich beide Projekte
verkehrstechnisch schnell erreichen. Abgesehen von administrativen Aufgaben
werden hier auch Trainingsprogramme wie für das Cellphone Servicing für die
Mädchen aus Ernavoor durchgeführt. Nicht unerwähnt soll bleiben, dass die Suche neuer Partner nach dem Tsunami
nicht immer von Erfolg gekrönt war. So haben wir die Kooperation mit der NGO
New Liberation, Education and Economical Development Trust (LEED) einstellen
müssen, weil sie unseren Kriterien einer vertrauensvollen und nachhaltigen
Zusammenarbeit im Interesse der Leute nicht entsprach. |