Geiz macht krank
medico stellt den ersten alternativen
Weltgesundheitsbericht vor
Der alternative Weltgesundheitsbericht Global Health Watch
2005-2006, stellt Informationen und Schlussfolgerungen vieler großer und
kleiner Gesundheitsbewegungen, Nichtregierungsorganisationen, Ärzte und
Wissenschaftler zusammen. Er zeichnet ein auskunftsreiches Bild der
Weltgesundheit im Zeichen fortschreitender Globalisierung aus der
Perspektive der Betroffenen im Norden wie im Süden. Der Bericht wurde
parallel Mitte Juli in London, auf der People's Health Assembly in Cuenca
(Ecuador), der diesjährigen Weltgesundheitsversammlung von "unten", sowie in
Frankfurt von medico der Öffentlichkeit vorgestellt. Der Global Health Watch
2005-2006 füllt eine Informationslücke. Denn er analysiert auch das Handeln
internationaler Gesundheitsorganisationen, von der WHO und UNICEF, über die
Weltbank, den IMF und die WTO. Die folgende Zusammenfassung bündelt die wichtigsten
Aussagen und Empfehlungen des Watches. Inhalt:
Gesundheit und Globalisierung
Die Globalisierung ist die treibende Kraft großer aktueller
Veränderungen. Der zunehmende Kapital- und Warenaustausch zwischen den
Ländern, wie auch die globalen und regionalen Auswirkungen von
Entscheidungen, die beispielsweise von der Welthandelsorganisation (WTO)
ausgehen, haben gravierende Folgen für die Gesundheit.
Der Watch stellt die Erfolgsstory, die die Akteure der aktuellen
Globalisierung erzählen, in Frage. Er weist auf die eskalierende Armut in
Afrika, Osteuropa, Zentralasien und Lateinamerika wie auch auf die
zunehmende ungleiche Einkommensverteilung in vielen Ländern (einschließlich
der reichen Länder) in den letzten Jahren hin. Produzenten gerade in den
Entwicklungsländern sehen sich einem wachsenden globalen Wettbewerb
ausgesetzt. In Mexiko beispielsweise zog die Liberalisierung im
Getreidesektor durch das Nordamerikanische Freihandelsabkommen eine Welle
US-amerikanischer Importe nach sich, die ihrerseits massiv subventioniert
werden. Die mexikanische Getreideproduktion stagnierte zur gleichen Zeit.
Die Preise brachen ein. Kleine Farmer wurden ärmer und circa 700.000
Arbeitsplätze im landwirtschaftlichen Bereich gingen verloren. Die Armut auf
dem Lande wuchs um 70%, die Mindestlöhne verloren 75% ihrer Kaufkraft, die
Kindersterblichkeit unter den Armen stieg. Solch ein Schaden macht deutlich,
dass es eines klugen nationalen Managements bedarf, um die globalen
ökonomischen Veränderungen zu bewältigen: keine leichte Aufgabe für viele
Entwicklungsländer, in denen der öffentliche Sektor oftmals heruntergekommen
und unterentwickelt ist.
Während insbesondere die reicheren Wirtschaftsräume über soziale
Mechanismen, Steuerprogression, sowie Gesetze und Regeln verfügen, um die
schlimmsten "Marktfehler" auf nationalem Niveau abzufedern, gibt es keinen
"sozialen Vertrag", der die Schäden und Auswüchse der Globalisierung behebt.
Selbst dort, wo globale Mechanismen bestehen, verstärken sie oft noch die
Probleme. Die Vereinbarungen der Welthandelsorganisation (WTO), die den
Waren- und Dienstleistungshandel liberalisieren und die Rechte der
Investoren schützen, erzeugen ungleiche Bedingungen für ärmere Nationen und
engen den nationalen Handlungsspielraum ein. Die Kämpfe um die schlecht
durchdachte WTO- Übereinkunft über geistige Eigentumsrechte ist nur ein
Beispiel, das die negativen Folgen internationaler Regulationsmechanismen
für die Gesundheit besonders deutlich macht. (Der Patentschutz
überlebenswichtiger Medikamente macht sie für viele arme Menschen
unerschwinglich. Anm. d. Übers.)
Reformen des globalen ökonomischen Regierens sind von vitalem Interesse für
die Gesundheit. Alle globalen, bilateralen und regionalen
Wirtschaftsvereinbarungen sollten auf die Folgen für Gesundheit und
Gleichheit überprüft werden. Als ersten Schritt fordert der Watch eine
internationale Delegation aus Public-Health- und Wirtschaftsexperten, die
mit dem Mandat ausgestattet ist, WTO-Verhandlungen zu begleiten und
nationale Regierungen hinsichtlich möglicher gesundheitlicher Folgen der
Verhandlungsergebnisse zu beraten. Außerdem sollte die Delegation einen
ausführlichen Bericht an die WHO erstatten. Bei der nächsten WTO
Ministerkonferenz im Dezember 2005 könnte dieser Prozess bereits beginnen.
Regierungen und internationale Behörden sollten einen globalen Sozialvertrag
anstreben, der ihre Bemühungen um Hilfe und Schuldenerlass verstärkt – was
nebenbei auch über die beim letzten G8-Gipfel verabredeten Maßnahmen
hinausgehen würde. Das hieße unter anderem, dass die Entwicklungsländer
nicht länger zu Handelsliberalisierungen gezwungen werden dürften und
zugleich die Subventionen der G8-Länder für die eigenen Produzenten
zurückgefahren werden müssten. Nötig sind neue Finanzierungsmodelle, um
Gesundheit und Entwicklung zu fördern. Der Watch schlägt die Einrichtung
einer internationalen Steuerbehörde vor, die privatwirtschaftliche
Steuerhinterziehung (geschätzter Verlust 255 Milliarden US-Dollar jährlich)
kontrollieren und verhindern soll. Ebenso gilt es, beispielsweise über die
Erhebung von Steuern auf Finanztransaktionen, eine globale Ökosteuer oder
eine Abgabe auf Flugbenzin nachzudenken.
Gesundheitsdienstleistungen -und Systeme
Gut organisierte und verwaltete Gesundheitssysteme sind von vitalem
Interesse beim Kampf gegen die Armut. Sie reduzieren die Kosten von
Krankheit für den Einzelnen und für die Gesellschaft. Sie bilden soziale
Netze. Sie vermitteln das Gefühl von Sicherheit, ganz im Gegensatz zu dem
Gefühl von Ohnmacht und Verwundbarkeit, das von gesellschaftlicher
Ausgrenzung und Spaltung produziert wird. Hunderte von Millionen Menschen in
der Welt haben jedoch nicht einmal eine gesundheitliche Grundversorgung. In
den meisten Regionen der Welt muss Gesundheitsversorgung aus der eigenen
Tasche finanziert werden. Das führt dazu, dass die Menschen im
Krankheitsfall in die Armut absinken.
Der Watch weist an vielen Beispielen über die nationalstaatlichen Grenzen
hinweg nach, dass mehr privat finanzierte Gesundheitsversorgung zu
schlechteren Gesundheitsdaten führt. Der Watch erklärt, wie die
Kommerzialisierung bestehender Gesundheitssysteme die ungleichen
Zugangsbedingungen noch verschärft, weniger Zugang zu hoch qualifizierter
Versorgung für die Armen bewirkt und Ineffizienz, Verlust von ethischen
Standards und Vertrauen befördert. Die Länder beim Aufbau von universellen,
durch Steuern oder Sozialversicherungen finanzierten Gesundheitssystemen zu
unterstützen, ist deshalb vordringlichste Aufgabe.
Die reichen Länder geben pro Jahr 10 Milliarden US-Dollar für
Entwicklungshilfe im Bereich des Gesundheitswesens aus. Das ist ungefähr
soviel, wie die Europäer jährlich für Speiseeis ausgeben, oder etwa 10% des
Budgets des britischen National Health Service. Doch sogar diese "kleine"
Summe an Hilfsgeldern kann in den armen Ländern immense Probleme und
manchmal sogar gravierende Schäden für das Gesundheitssystem insgesamt
hervorrufen. Denn viele Geberprogramme finden unkoordiniert statt und
fokussieren nur auf bestimmte Krankheiten. Noch dazu: Im Gegenzug für die
Hilfe wird die Durchführung von Strukturanpassungsprogrammen und einer
neoliberalen Gesundheitspolitik erwartet. Das droht die
Gesundheitsversorgung weiter zu kommerzialisieren. Der Watch schlägt die
Rekonstruktion und Entwicklung eines Gesundheitssektors auf der Grundlage
eines 10-Punkte-Forderungskatalogs vor. Dieser wendet sich an nationale und
internationale Regierungen und Geberorganisationen:
- Bereitstellung ausreichender Finanzierung für Gesundheitssysteme.
- Besserer Schutz für Angestellte des öffentlichen Dienstes.
- Sicherstellung öffentlicher Gelder zur Unterstützung und Versorgung
von Gesundheitseinrichtungen.
- Abschaffung von Behandlungsgebühren, die Menschen in Armut stürzen.
- Schaffung neuer Indikatoren für das Gesundheitssystem, die Ländern
einen Anreiz geben, eher das Gesundheitssystem zu verbessern als lediglich
einzelne Krankheiten zu behandeln.
- Abkehr von der Kommerzialisierung der Gesundheitssysteme durch
legislative und regeltechnische Maßnahmen.
- Stärkung von Gesundheitsmanagement und die Einführung eines District
Health Systems als Organisationsmodell für Gesundheitssysteme allgemein.
- Verbesserung der Geberaktivitäten im Gesundheitssektor.
- Stärkung der Kommunen, um Transparenz und Überprüfbarkeit in der
Mittelvergabe und Gestaltung der Gesundheitssysteme zu sichern.
- Förderung von vertrauensbildenden Maßnahmen und ethischen Verhaltens,
um die zerstörerischen Wirkungen zunehmender Kommerzialisierung des
Gesundheitssystems zu bekämpfen.
Gesundheit für alle als Handelsmaxime
Die Erklärung von Alma Ata von 1978 (grundlegendes WHO-Dokument, das von
allen damaligen Mitgliedsstaaten unterzeichnet wurde) erkannte an, dass das
Ziel "Gesundheit für alle" nur unter Berücksichtigung aller sozialen,
wirtschaftlichen und umweltbedingten Faktoren zu erreichen sei. Der Global
Health Watch zeigt, dass diese umfassende Herangehensweise nach wie vor
aktuell und nötig ist. Er zeigt die gravierenden Folgen von unzureichendem
Trinkwasserzugang, fehlender Schulbildung, von gewalttätigen Konflikten,
Unterernährung und Klimawandel für die Gesundheit auf. Denn bei aller
Unterschiedlichkeit gilt weltweit: Je ärmer die Menschen, desto anfälliger
reagieren sie auf Veränderungen der Lebensbedingungen, insbesondere in
Bereichen, die die Gesundheit sichern. Der rasche Klimawandel wird die
Ärmsten am schärfsten treffen. Gewalttätige Konflikte schädigen
Bewältigungsstrategien der anfälligsten Haushalte am meisten. Die
Privatisierung von Wasser und Erziehung führt zu mehr Armut.
Viele wichtige öffentliche Dienstleistungen in der ganzen Welt sind vom
Einsparungsdruck auf die öffentlichen Haushalte betroffen. Gemeinsame
Anstrengungen in Bildungs-, Wasser- und Gesundheitsfragen sollten in
Kampagnen gipfeln, die die vom IWF und der Weltbank auferlegten
Ausgabenbeschränkungen im öffentlichen Sektor bekämpfen, die Transparenz der
öffentlichen Ausgaben fordern und die die Privatisierung der staatlichen
Grundversorgung verhindern. Für mehr
Transparenz sorgen
Der Watch geht weiter als alle anderen Weltberichte zur Gesundheit und
Entwicklung, denn er untersucht auch die Handlungsweisen von globalen
Institutionen, Regierungen und der Privatwirtschaft. Bei aller
Unterschiedlichkeit zeigen sich auch hier zentrale Gemeinsamkeiten: Als
erstes darf an dieser Stelle der Geiz genannt werden. So ist in den letzten
vierzig Jahren ein wachsender Wohlstand in der entwickelten Welt zu
verzeichnen. Gleichzeitig sind die Entwicklungshilfeausgaben auf dem Niveau
von 1960 stehengeblieben. Trotz bereits erfolgter Rückzahlungen an die
entwickelten Länder in Milliardenhöhe werden die Bürgerinnen und Bürger der
Entwicklungsländer bis heute von einer enormen Schuldenlast erdrückt. Hinzu
kommt das Demokratiedefizit. Der Watch kommt zu dem Ergebnis, dass es eine
Krise des "globalen Regierens" gibt. Die internationalen Institutionen wie
WHO, UNICEF, die Weltbank und der Internationale Währungsfonds, ebenso wie
die Welthandelsorganisation sind von Versuchen der reichen Nationen geprägt,
die internationale Ordnung zu ihrem Vorteil zu beeinflussen. Die Berufung
von Paul Wolfowitz als Weltbank- und Ann Veneman als Unicefchefin sind
Symptome dieser Krise. Der Watch schlägt eine ausgeglichenere
Neubalancierung der Einfluss-Sphären vor.
Der Watch thematisiert Organisationsschwächen, Missmanagement und verzerrte
Prioritätensetzung, die Grund für die Verzweiflung vieler sind, die in oder
mit internationalen Gesundheitsorganisationen arbeiten. Ein bewusst langes
Kapitel, das sich der WHO widmet, beleuchtet nicht nur die äußerst widrigen
äußeren Bedingungen, unter denen sich die WHO beweisen muss, sondern
beschäftigt sich auch mit dem internen Missmanagement und der
organisatorischen Lähmung der Organisation selbst.
Empfehlungen für eine andere
Weltgesundheitsorganisation
Empfehlungen zur allgemeinen Weltgesundheitslage
- Die finanzielle Ausstattung der WHO muss steigen. Dabei muss mehr
Geld in die Kernbereiche der WHO fließen, verbunden mit weniger
Auflagen seitens der Geberländer. Die WHO muss ihr globales Mandat mit
einem Zweijahresbudget von wenig mehr als 2 Milliarden Dollar erfüllen
- dies ist angesichts der zu bewältigenden Aufgaben völlig
unangemessen. Mehr finanzielle Ressourcen müssen rationaler eingesetzt
werden, mit größeren Summen für die Kernbereiche. Energieraubende
Konkurrenz zu anderen Programmen anderer internationaler
Gesundheitsorganisationen muss verhindert werden.
- Eine offene Debatte über die Schlüsselfunktionen der WHO muss
begonnen werden, um einen breiten Konsens innerhalb und auch über die
Organisation hinaus zu entwickeln.
- Die Rolle der WHO auf nationaler Ebene muss gestärkt werden. Sie
sollte das Mandat haben, die Regierungen dabei zu beraten, die
globalen, bilateralen und internationalen NGO-Gesundheits-Initiativen
zu verbessern und zu koordinieren.
Eine Organisation der Menschen, nicht nur der Regierungen
- Die gegenwärtigen Bemühungen mehr Verbindung zur
Zivilgesellschaft, insbesondere in den Entwicklungsländern
herzustellen, sollten intensiviert werden. Es sollte eine klare
Differenzierung zwischen jenen zivilgesellschaftlichen
Organisationen geben, die öffentliche Interessen im Gegensatz zu
rein privatwirtschaftlichen vertreten.
- Die hohe Politisierung bei den Wahlen zur Führung der WHO sollte
verändert werden – mögliche Lösungswege beinhalten hier eine
Erweiterung des Wahlrechts auf internationale Gesundheitsexperten
und Vertreter zivilgesellschaftlicher Organisationen. Etwaige
Kandidaten sollten aufgefordert werden, ein Manifest zu schreiben
und dies auch öffentlich vorzustellen und zu vertreten.
Verbesserung des Managements der Organisation
- Um den heutigen Herausforderungen der globalen Gesundheit
gerecht zu werden, bedarf es einer anderen personellen
Zusammensetzung bei der WHO – weg von einer Ärzteorientierten
Verfasstheit, hin zu einer breiteren Spannbreite von im
Gesundheitswesen tätigen Berufsgruppen, einschließlich Sozial-,
Wirtschafts- und Politikwissenschaftlern, Juristen und
Pharmazeuten. Die Entwicklungsländer sollten stärker vertreten
sein und mehr mit qualifizierten Regionalbüros verbunden sein.
- Der Nachweis effizienter Führungs- und Managementqualitäten
sollte auf höheren Ebenen das entscheidende Kriterium für die
Personalauswahl sein.
- Die Kapazitäten und Unabhängigkeit der Personalabteilungen der
WHO sollten verstärkt werden, um effektivere Mechanismen zur
Bekämpfung von Korruption, Seilschaften und Missbrauch des
Personalapparats zu entwickeln und durchzuführen.
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Website des Global Health Watch
The Global Health Watch is a broad collaboration of public
health experts, non-governmental organisations, civil society
activists, community groups, health workers and academics.
Der Report auf CD-ROM
Global Health Watch 2005-2006 – An Alternative World Health
Report (CD-Rom, englisch)
Der erste alternative Weltgesundheitsbericht zeichnet ein
auskunftsreiches Bild der Weltgesundheit im Zeichen fortschreitender
Globalisierung aus der Perspektive der Betroffenen im Norden wie im
Süden.
Download
Den kompletten Report (PDF-Datei, 378 Seiten) können Sie auf
unserer Website herunterladen.
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