Tausende Flüchtlinge von der Außenwelt abgeschnitten
Sri Lanka: Neuer Regierungserlass belegt auch Friedensaktivisten mit
Terrorismusverdacht
Die Bürgerkriegssituation auf Sri Lanka nähere sich immer mehr den
Gewaltverhältnissen der 80er Jahre an, so der medico-Mitarbeiter Thomas Seibert,
der sich gegenwärtig auf der Insel aufhält. Seit Sommer sind im Norden Sri
Lankas, auf der Halbinsel Jaffna zehntausende Flüchtlinge und hunderttausende
Bewohner von der Außenwelt abgeschnitten. Die Lebensmittel- und
Medikamentenversorgung ist höchstens zu 30 Prozent gewährleistet. Auch das
Kerngebiet der tamilischen Unabhängigkeitsbewegung LTTE ist seit Monaten von der
srilankischen Armee eingeschlossen. Der ökonomische Kreislauf sei dort, so
Seibert, gänzlich zum Erliegen gekommen.
Vergangene Woche hat die srilankische Regierung einen "Prevent of Terrorism Act"
erlassen, der der Regierung großen Spielraum in der Definition von "Terrorismus"
eröffnet. Thomas Seibert: "Viele Vertreter zivilgesellschaftlicher
Gruppierungen, die sich für den Frieden einsetzen, haben Angst und wagen sich
kaum öffentlich aufzutreten. Nach dem jüngsten Erlass kann jeder Aktivität für
den Frieden der Vorwurf der Terrorismusunterstützung gemacht werden. Darauf
stehen nun 10 Jahre Haft." Im Ergebnis, so Seibert, wurden die
Friedensdemonstrationen, die regelmäßig in Colombo stattfanden, letzte Woche
vorerst eingestellt. Eine Erklärung des srilankischen Journalistennetzwerkes "free
media movement" sieht durch den jüngsten Regierungserlass die Pressefreiheit in
Gefahr, weil jede kritische Berichterstattung über Regierungsaktivitäten in der
Bürgerkriegsregion als "terrorismusunterstützend" gebrandmarkt und verurteilt
werden könne.
"Im Windschatten des 'Krieges gegen den Terror' glaubt die Regierung in
Colombo, den Kampf gegen die bewaffnete tamilische Unabhängigkeitsbewegung
gewaltsam für sich entscheiden zu können", so Thomas Seibert. Für die Menschen
im Norden und Nordosten habe diese Eskalation der Gewalt verheerende Folgen. Sie
seien zu Geißeln des Konflikts geworden. Abgeschnitten von der Versorgung mit
Nahrungsmitteln und Medikamenten drohe dort eine humanitäre Katastrophe.
Zugleich herrsche gänzliche Rechtsunsicherheit in einem
Zustand überbordender Gewalt, die von der Regierungsarmee, den bewaffneten
Kräften der LTTE, paramilitärischen Gruppen, die auf Seiten der Zentralregierung
kämpfen und Banditen ausgehe. Auch die Arbeitsbedingungen für
Hilfsorganisationen seien ungleich schwieriger geworden. Die Folgen für ihre
Arbeit angesichts des neuen Regierungserlasses noch unabsehbar.
medico international unterstützt Wiederaufbauprojekte in der Bürgerkriegsregion
und arbeitet mit srilankischen Organisationen der Zivilgesellschaft zusammen.
Für Nachfragen, Interviews:
- Thomas Seibert: 0160 97557350
- Katja Maurer: 069 94438-29, 01711221261
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