Boehringer behindert Zugang zu AIDS-Sirup für Kinder
Nevirapine-Sirup ist entscheidend für die Behandlung HIV-infizierter
Kinder. Der Hersteller Boehringer Ingelheim hatte zugesagt, die Produktion
von Nevirapine für arme Länder nicht zu behindern. Aber zwischen Worten und
Taten klafft eine große Lücke. Die Firma beantragt in Indien ein Patent auf
das wichtige Kindermedikament. Preissteigerungen für viele arme Länder drohen,
denn Indien ist der wichtigste Lieferant preiswerter AIDS-Medikamente.
"Wir handeln immer zum Wohle der PatientInnen" hatte der Vertreter von Boehringer
Ingelheim in einem Gespräch mit der BUKO Pharma-Kampagne auf der diesjährigen
Weltaidskonferenz in Toronto betont. Die Firma sicherte der BUKO Pharma-Kampagne
schriftlich zu, dass sie in Indien keinen Patentantrag auf den überlebenswichtigen
AIDS-Sirup Nevirapine gestellt hätte: "Ein Patent für Nevirapine (VIRAMUNE®
Tabletten und Suspension) wurde in Indien zu keinem Zeitpunkt beantragt und
es ist auch nicht beabsichtigt, dies zu tun".1
Erst nachdem indische Patentanwälte uns den Patentantrag2
zusandten, gab die Firma zu, doch einen Antrag gestellt zu haben: "Jedoch
wurde 1998 in Indien Patentschutz für VIRAMUNE® Suspension [...] beantragt".
Nevirapine-Sirup wird von indischen Generikafirmen günstig hergestellt und
in viele arme Länder exportiert. Er kostet nur ein Viertel des Preises, den
Boehringer für sein Originalpräparat kassiert. Die südafrikanische Firma Aspen
produziert Nevirapine-Sirup unter Lizenz von Boehringer. Aber auch bei Aspen
kostet die Kinder-Arznei noch doppelt so viel wie das wirkstoffgleiche indische
Produkt. Dabei ist auch die Produktionslizenz für Aspen nur großem Druck seitens
der südafrikanischen Behörden und der Öffentlichkeit zu verdanken – und das,
obwohl sich Boehringer Ingelheim gerne rühmt, großzügig mit der Erteilung solcher
Lizenzen zu sein.
Irreführung
Boehringer behauptet, nur ein Patent würde die Qualität des Medikaments sichern
und den Export des günstigen indischen Generika-Präparats nach Europa verhindern.3
Diese Argumente sind aus der Luft gegriffen. Der Export solcher Medikamente
nach Europa ist illegal und bisher wurde kein Fall eines solchen illegalen Exports
bekannt. Die Qualität von Medikamenten wird durch unabhängige Kontrollorgane
wie Zulassungsbehörden und die Weltgesundheitsorganisation
(WHO) sichergestellt und nicht durch Patente. Die WHO bestätigte mehrmals die
hohe Qualität günstiger indischer Generika. Doch offensichtlich möchte Boehringer
die Qualität der indischen Generika öffentlich diskreditieren, um selbst einen
größeren Gewinn zu machen.

Drohbrief von Boehringer an kenianische Medikamentenhändler4 |
Drohungen in Kenia
Boehringer Ingelheim spielt nicht nur in Indien ein doppeltes Spiel. Die
Firma drohte kenianischen Medikamentengroßhändlern und Apotheken mit rechtlichen
Schritten, sollten sie die weitaus günstigeren indischen Produkte importieren.4
Boehringer argumentiert dabei, dass Nevirapine in Nigeria, Kenia, Sambia, Uganda
und Zimbabwe patentiert sei. Deshalb dürfe das Medikament in Ostafrika nur bei
Aspen in Südafrika bestellt werden, denn nur Nevirapine von dieser Firma sei
von Boehringer lizenziert. Nachdem diese Drohung in Deutschland für Empörung
gesorgt hat, ruderte die Firma zurück. Die Erwähnung möglicher Prozesse gegen
nicht-lizenzierte Anbieter von Nevirapine sei nicht die zentrale Botschaft des
Briefes gewesen. Die Firma versuchte sich mit dem verqueren Argument zu rechtfertigen,
dass sie ihre Patentrechte nur durchsetzen wolle, um den kenianischen Markt
vor Arzneimittelfälschungen zu schützen.5
Diese Behauptung rückt qualitativ einwandfreie indische Generika bewusst in
die Nähe von Arzneimittelfälschungen, was einer Verleumdung gleich kommt.
Wer im Glashaus sitzt
Dass es mit dem Arzneimittel-Angebot von Boehringer Ingelheim nicht zum Besten
bestellt ist, zeigt eine wissenschaftliche Studie der BUKO Pharma-Kampagne:
57% der von der Firma in der Dritten Welt vertriebenen Medikamente mussten als
irrational bewertet werden, der Anteil dieser unsinnigen und teilweise sogar
gefährlichen Produkte hat seit 1998 sogar leicht zugenommen.6
Profit oder Menschenleben?
Die Gründe für den Patentantrag Boehringers in Indien sind schwer zu durchschauen.
Das indische Recht sieht vor, dass im Falle einer Patenterteilung auf ein bereits
in Indien produziertes Medikament eine Zwangslizenz erteilt werden kann. In
diesem Fall kann das Medikament in Indien weiterproduziert und auch exportiert
werden. Warum also beantragt Boehringer dann ein Patent? Offensichtlich möchte
die Firma in Indien einen Präzedenzfall schaffen. Laurence Liang vom Alternative
Law Forum in Bangalore erklärt: "Nach unserer Einschätzung möchte die Firma
testen, ob sie die Erteilung einer Zwangslizenz verhindern kann."7
Das indische Patentrecht sieht allerdings auch vor, dass Betroffene gegen ein
Patent Einspruch einlegen können. Zwei indische Positiven-Netzwerke haben das
bereits getan.8 Ihre und unsere Öffentlichkeitsarbeit
kann verhindern, dass das tödliche Patent vergeben wird.
Sollte Boehringer Ingelheim mit seinem Patentantrag auf den Nevirapine-Sirup
Erfolg haben, könnte die Firma den Export der billigen Generika in andere arme
Länder ganz oder teilweise verhindern. Selbst wenn Boehringer Lizenzen erteilte
(wie im Fall Aspen) oder die indischen Firmen im Falle einer Zwangslizenz eine
Abgabe zahlen müssten, würden die Preise steigen. Mit dramatischen Auswirkungen:
Kinder sterben schon heute schneller und häufiger an AIDS als Erwachsene, da
sie bei der Behandlung benachteiligt werden und weil die Krankheit bei ihnen
schneller ausbricht. Betroffen sind allein im südlichen Afrika nach Angaben
des Kinderhilfswerks
der Vereinten Nationen (UNICEF) zwei Millionen HIV-positive Kinder. Weniger
als zehn Prozent dieser kleinen PatientInnen erhalten die Medikamente, die sie
zum Überleben brauchen.9 Falls die Preise
für AIDS-Arzneien noch weiter steigen, würden noch mehr Kinder leer ausgehen.
Ihr Überleben darf nicht zur Kostenfrage werden! (CF)
Dieser Artikel erschien im PHARMA-BRIEF, Rundbrief der BUKO Pharma-Kampagne,
Nr. 9-10 | Dezember 2006, www.bukopharma.de
Anmerkungen
- Brief von Boehringer Ingelheim an die BUKO Pharma-Kampagne, 6.9.2006
- Pharmaceutical Suspension Comprising Nevirapine Hemihydrate, Application
2485/DEL/1998
- Interview, Report Mainz, 27.11.2006
- Brief von Boehringer Ingelheim an Philips Pharmaceuticals Ltd, Nairobi,
Kenia 8.6.2006
- Brief von Boehringer Ingelheim an MEDS, Nairobi, Kenia 17.8.2006
- Karsten Velbinger et.al., Daten und Fakten, Deutsche Medikamente in der
Dritten Welt, BUKO Pharma-Kampagne, Bielefeld, 2004, S.11
- Telefongespräch mit Laurence Liang am 27.11.2006
- Indian Network for People Living with HIV/AIDS, Positive Women`s network,
Statement of opposition in the matter of Application 2485/DEL/1998, 9.5.2006
- www.unicef.de/index.php?id=3917
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Hintergrund
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Unterschriftenaktion "Kein Patent auf Gesundheit" beendet
Am Welt-Aids-Tag wurden 10787 Unterschriften gegen das Patent auf ein
AIDS-Medikament an Boehringer übergeben. Die erfolgreiche Kampagne sichert die
Generika-Produktion von Nevirapine-Sirup ...
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Internationale Hilfs- und Nichtregierungsorganisationen kritisieren in
einer gemeinsamen Erklärung Pharmapatente.
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Von Antiretroviralen Medikamenten bis Zwangspatenten. Ein kritisches Glossar zur globalen Patentdebatte.
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Auf Kosten der
Patienten
TRIPS und die Transformation der indischen Generika-Industrie. Von Sudip
Chaudhuri (medico-Rundschreiben 3/2006)
Eine Frage des Allgemeinwohls
Plädoyer für eine radikale Wende in der globalen Medikamentenpolitik
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Die Monopolisierung von Gesundheitswissen verweigert Millionen Menschen den
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