Kritisches Glossar zur globalen Patentdebatte
Antiretrovirale Medikamente (ARV)
Zur Behandlung von AIDS wird eine Kombinationstherapie von ARVs eingesetzt.
Diese Medikamente können zwar die Krankheit nicht heilen, sie unterdrücken
jedoch die Virusvermehrung und können das Auftreten opportunistischer
Infektionen erheblich verringern. Dadurch steigt die Lebenserwartung von
AIDS-Patienten deutlich. Unter den weltweit 39,5 Mio. HIV-Positiven befinden
sich 6,8 Mio. AIDS-Kranke, deren Krankheitsstadium eine ARV-Behandlung
erforderlich macht. Durch den Druck einer weltweiten Bewegung konnten die
Pharmakonzerne gezwungen werden die Preise für ARVs deutlich zu senken.
Immer noch bekommen aber nur 1,6 Mio. Menschen bzw. 24% der AIDS-Kranken in
Entwicklungsländern tatsächlich die notwendigen Medikamente. Bilaterale
Verträge
Im Rahmen von regionalen Freihandelsabkommen versuchen die Industriestaaten
gegenüber den Entwicklungsländern Standards zum Schutz des geistigen
Eigentums festzulegen, die noch über die des TRIPS-Abkommens hinausgehen.
Derzeit finden Verhandlungen zwischen der Europäischen Union und 79 der
ehemaligen europäischen Kolonien in Afrika, der Karibik und dem Pazifikraum
(AKP-Staaten) statt, um ein neues Wirtschaftsabkommen, genannt EPA (Economic
Partnership Agreement), abzuschließen. Neben der EU ist auch die USA
insbesondere in Lateinamerika sehr bestrebt weitere Freihandelsabkommen mit
verschärftem Patentschutz durchzusetzen. Nobelpreisträger Sir John Sulston
bezeichnet dies als "Rückkehr zu alten Systemen von meistbegünstigten
Nationen und in der Tat Imperialismus". G8
Gruppe der sieben wirtschaftsstärksten Industriestaaten und Russland. Vom 6.
bis zum 8. Juni 2007 kommen ihre Regierungschefs zum G8-Gipfel (früher
Weltwirtschaftsgipfel) in Heiligendamm/Mecklenburg-Vorpommern zusammen. Ein
zentrales Thema der Beratungen ist der verstärkte Schutz geistigen
Eigentums. Für den Gesundheitsbereich bedeutet dies die weitere Protektion
der transnationalen Pharmakonzerne statt einfachem Zugang zu
Gesundheitsversorgung und Medikamenten für arme Menschen. Geistige
Eigentumsrechte
Geistige Eigentumsrechte bezeichnen Exklusivrechte an immateriellen Gütern,
z.B. Wissen oder Ideen. Immaterielle Güter sind nicht endlich und können
ohne Qualitätsverlust beliebig oft gebraucht werden. Sie könnten deshalb von
beliebig vielen Personen gleichzeitig genutzt und extrem kostengünstig
vervielfältigt werden. Um dennoch eine kapitalistische Verwertung
sicherzustellen, wird durch geistige Eigentumsrechte eine künstliche
Verknappung erzeugt. Der Schutz des geistigen Eigentums ermöglicht dem
Rechteinhaber anderen Personen die Verwendung, Nachahmung oder Nutzung zu
verbieten oder dafür Lizenzgebühren zu erheben. Durch die Ausweitung der
geistigen Eigentumsrechte wird zunehmend freies Wissen zu monopolisiertem
Privateigentum. Generika
Als Generikum (sing.) bezeichnet man ein Arzneimittel, welches eine
wirkstoffgleiche Kopie eines bereits unter einem Markennamen auf dem Markt
befindlichen Medikamentes ist. Generika sind meist preisgünstiger als das
Originalpräparat, wodurch insbesondere Patienten in armen Ländern der Zugang
zu Medikamenten erleichtert wird.
Neben internationalem Druck sorgte vor allem die Konkurrenz durch Generika,
für eine Preissenkung von antiretroviralen Medikamenten der ersten
Generation in armen Ländern um bis zu 90%. Die neueren ARV-Medikamente der
zweiten Generation sind jedoch wieder bis zu 100-mal teurer. Wenn nach
einigen Jahren die Umstellung der HIV-PatientInnen auf Medikamente der
zweiten Generation erfolgen muss, steigen die Kosten entsprechend.
Hersteller von Generika, etwa in Indien, bieten bisher nur Nachahmungen der
ersten Generation an. Durch seinen Beitritt zur WTO im Jahr 2005 musste
Indien seinen Patentschutz für Arzneimittel, gemäß TRIPS deutlich
verschärfen. Dies verhindert die Produktion von notwendigen, billigeren
AIDS-Medikamenten der zweiten Generation. Harmonisierung der nationalen
Patentrechte
Unter diesem Schlagwort wird die internationale Vereinheitlichung und
Vereinfachung der komplizierten und national sehr unterschiedlichen
Patentgesetze vorangetrieben. In der Realität bedeutet dies, dass
Entwicklungsländern eine Patentgesetzgebung nach Vorbild der Industrieländer
und Interessen der Konzerne aufgezwungen werden soll. Dieses einheitliche
Recht bei höchst ungleicher Ausgangslage im globalen Wettbewerb führt dazu,
dass die sog. Dritte Welt weiter unterentwickelt gehalten wird. Durch die
Lizenzzahlungen wird der Ressourcenstrom vom globalen Süden in die Kassen
der Konzerne des Nordens verstärkt.
Nobelpreisträger Sir John Sulston zu den aktuellen Verhandlungen in der
World Intellectual Property Organization (WIPO): "Bedauerlicherweise,
Harmonisierung ist ein Weg für diejenigen die bereits eine erfolgreiche Lage
erreicht haben, um die Leiter heraufziehen und andere aufzuhalten ihnen
beizutreten." Öffentliches Gut
Der Begriff der öffentlichen Güter steht dem Begriff der Ware diametral
gegenüber. Der Zugang zu öffentlichen Gütern soll grundsätzlich allen
Mitgliedern einer Gesellschaft, unabhängig von ihrem Einkommen, offen
stehen.
Im Rahmen eines Konzepts von Essentialität müssen Arzneimittel und andere
lebenswichtige Bereiche der Daseinsvorsorge als öffentliche Güter begriffen
werden. Folglich sollten sie prinzipiell vom Patentschutz ausgenommen sein.
Ein Blick auf die Arzneimittelforschung zeigt, dass Arzneimittel als
öffentliches Gut keine Utopie bleiben müssen. Der Großteil der
Grundlagenforschung wird bereits in staatlichen Einrichtungen geleistet.
Auch klinische Studien werden vermehrt von öffentlichen Einrichtungen
durchgeführt. In letzter Zeit haben auch in den Naturwissenschaften
öffentliche Forschungsprojekte, die mit ähnlichen Schemata wie Open-Source
im Softwarebereich arbeiten, große Erfolge erzielt. Da im Bereich der
umstrittenen und stark kommerzialisierten Biotechnologie kaum noch eine
Neuentwicklung möglich ist, ohne Patente anderer Forscher zu verletzen, hat
sich das Projekt zur Entschlüsselung des menschlichen Erbgutes zum Grundsatz
gemacht, den freien Austausch von Wissen wieder in den Vordergrund zu
stellen. Die Vorteile werden schnell deutlich. Der Zugang zu Daten ist
einfach und sie können öffentlich und weltweit von anderen Forschern
diskutiert werden. Fehler werden schneller entdeckt und der
Forschungsprozess ist transparent, schneller, billiger und qualitativ
hochwertiger.
Dies gilt ebenso für den Pharmasektor. Mit dem Ausbruch des SARS-Virus kam
es weltweit zu einer beeindruckenden Kooperation vieler Wissenschaftler bei
der Bestimmung des Erregers und der Entwicklung von Gegenmaßnahmen. Auch die
unabhängige Non-Profit-Organisation DNDi (Drugs For Neglected Diseases
Initiative) hat mit der Markteinführung eines neuen Malaria-Medikaments
bewiesen, dass die Entwicklung neuer Medikamente auch ohne Patentschutz
möglich ist. DNDi hat sich zum Ziel gesetzt hat, wirksame Arzneimittel gegen
Krankheiten zu entwickeln, an denen vor allem Menschen in ärmeren Ländern
leiden. Analog zum Open-Source-Gedanken darf jedes Pharmaunternehmen diese
Medikamente produzieren. Patent
Ein Patent ist ein hoheitlich erteiltes gewerbliches Schutzrecht auf
Erfindungen. Es wird ein meist 20-jähriges Ausschlussrecht gewährt, um damit
die Forschungs- und Entwicklungskosten amortisieren zu können. Das bedeutet
aber auch ein Monopol auf Wissen. Darüber ob oder unter welchen Bedingungen
dieses Wissen von Dritten genutzt werden darf, entscheidet der
Patentinhaber. Dieses Monopol ermöglicht der Pharmaindustrie die
Medikamentenpreise zu diktieren und künstlich hoch zu halten. Damit bleiben
lebenswichtige Arzneimittel für Arme unerreichbar oder werden erst gar nicht
erforscht. Patente als Anreizstruktur zur Entwicklung neuer Wirkstoffe
funktionieren nur in kaufkraftstarken Marktsegmenten. Diese finden sich
hauptsächlich in Industrieländern. So werden 90% der Forschungsmittel für
Krankheiten ausgegeben, die nur 10% der weltweit verlorenen gesunden
Lebensjahre ausmachen. Eine Forschung zur Behandlung von sog.
Armutskrankheiten wie Malaria oder Tuberkulose, die praktisch ausschließlich
die Entwicklungsländer betreffen und deren kommerzielles Potential gering
ist, findet von Seiten der profit- und patentorientierten Pharmakonzerne
kaum statt.
Stattdessen werden Forschungsgelder, laut Zahlen des amerikanischen
Pharma-Verbandes PhRMA, zu 70% in Scheininnovationen investiert. Diese
Nachahmerprodukte von erfolgreichen Medikamenten der Konkurrenz werden auch
als me-too-Produkte bezeichnet. Sie bringen keinen zusätzlichen
therapeutischen Nutzen, sind aber patentiert, teuer und gut für die Bilanz
der Unternehmen. Da me-too-Präparate im Grunde überflüssig sind, wird dafür
umso mehr für Werbung ausgegeben. So verwundert es kaum, dass
Pharmaunternehmen im Schnitt für Forschung nur halb so viel Geld ausgeben
wie sie in die Werbung stecken.
Die wenigen neuen Medikamente, die wirklich einen medizinischen Fortschritt
bringen, stammen hauptsächlich aus der öffentlich finanzierten
Grundlagenforschung. Dennoch strebt die deutsche G8-Präsidentschaft eine
weitere Ausweitung und Verschärfung des Patentschutzes an. TRIPS (Trade-related
Aspects of Intellectual Property Rights)
TRIPS ist das WTO-Abkommen zum Schutz handelsbezogener Rechte an geistigem
Eigentum. Es umfasst Bestimmungen zum Schutz von Patenten oder Copyrights
und Handelsmarken. Durch den Beitritt zur WTO sind alle Mitgliedsstaaten
verpflichtet, auch die patentrechtlichen Vorgaben des TRIPS-Abkommens
umzusetzen.
Dies ist für Entwicklungsländer von Nachteil, da 97% der Patente Unternehmen
aus den Industrieländern gehören und etwa 90% der Patente, die in
Entwicklungs- und Schwellenländern angemeldet werden, Firmen mit Sitz in
Industrieländern.
Dadurch werden der Transfer und die Verbreitung von Technologien in
Entwicklungsländer erschwert. Weiter besteht die Gefahr, dass der
Technologietransfer bei sehr restriktiver Lizenzpolitik des Patentinhabers
ausbleibt.
Für Arzneimittel sahen die meisten Länder des Südens bisher keinen
Patentschutz vor, da sich ohne Generikaproduktion der Zugang zu
Pharmaprodukten verteuern würde. Das TRIPS ermöglicht hingegen Patente auf
Medikamente, verteuert diese dadurch und schließt so Millionen von Kranken
von der Behandlung aus.
Allerdings gibt es eine Ausnahmeregelung für die Gruppe der 50 am wenigsten
entwickelten Länder. In Bezug auf pharmazeutische Produkte wird ihnen eine
zusätzliche Übergangsfrist bis zum Jahr 2016 für den Patentschutz
eingeräumt. Damit dürften, z.B. in Bangladesh, auch ARV-Generika der zweiten
Generation legal hergestellt und in andere arme Länder exportiert werden.
Welthandelsorganisation (WTO)
Internationale Organisation die sich mit der Regelung von Handels- und
Wirtschaftsbeziehungen beschäftigt. Ziel der WTO ist der internationale
Freihandel. Den Kern dieser Anstrengungen bilden die WTO-Verträge. Die WTO
ist die Dachorganisation der Verträge GATT, GATS und TRIPS.
Zwangslizenz
Zwanglizenzen wurden auf Druck der afrikanischen Staaten, als Schutzrechte
für die öffentliche Gesundheit in das Welthandelsrecht integriert. Im
November 2001 verabschiedeten die WTO-Mitgliedstaaten in Doha eine Erklärung
zum TRIPS-Abkommen, nach der Ausnahmen des Patentschutzes aufgrund schwerer
öffentlicher Gesundheitsprobleme erlaubt sind. D.h. alle WTO-Mitgliedstaaten
haben zur Bewältigung von Krisen im öffentlichen Gesundheitswesen das Recht
mit Hilfe von Zwangslizenzen Generika von patentgeschützten Medikamente
herzustellen oder zu importieren. Jeder Mitgliedstaat darf dabei selbst
festlegen, was einen nationalen Notstand oder einen anderen Umstand
äußerster Dringlichkeit darstellt. Krisen durch HIV/Aids, Tuberkulose,
Malaria oder anderen Epidemien können solche Situationen sein. Allerdings
wurden Zwangslizenzen von wirtschaftlich ärmeren Ländern wegen der
Komplexität des Verfahrens bisher kaum eingesetzt. Weitere Hindernisse
bestehen für Länder ohne ausreichende Pharma-Produktionskapazitäten, da sie
notwendige Arzneimittel nicht einfach importieren können, sofern diese im
Exportland patentgeschützt sind. Außerdem werden Zwangslizenzen weiter von
der US-Regierung und der Pharmaindustrie bekämpft. Um Zwangslizenzen
abzuwenden und ihre Etablierung zu verhindern, sahen sich einige
Pharmafirmen gezwungen "freiwillige Lizenzen" zu erteilen. Zwar wird dann
meist auf die Zahlung von Lizenzgebühren verzichtet, aber die Macht über das
Patent und die Generikaproduktion bleibt den Pharmakonzernen erhalten. |
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Unterschriftenaktion "Kein Patent auf Gesundheit" beendet
Am Welt-Aids-Tag wurden 10787 Unterschriften gegen das Patent auf ein
AIDS-Medikament an Boehringer übergeben. Die erfolgreiche Kampagne sichert die
Generika-Produktion von Nevirapine-Sirup ...
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Internationale Hilfs- und Nichtregierungsorganisationen kritisieren in
einer gemeinsamen Erklärung Pharmapatente.
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Die Monopolisierung von Gesundheitswissen verweigert Millionen Menschen den
Zugang zu lebensrettenden Medikamenten. Lesen Sie Argumente gegen das globale
Patentregime in unserer neuen Infozeitung.
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über die Möglichkeiten einer alternativen Medikamentenproduktion am Beispiel des
medico-Partners Gonoshastaya Kendra in Bangladesh ...
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Arzneimittelforschung
Plädoyer für eine Wissenschaft im öffentlichen Interesse
Arzneimittel sollen ein Segen für die Menschheit sein. Doch wird Arzneimittelforschung
ihren eigenen Ansprüchen gerecht? AIDS-Medikamente sind nach wie vor für die meisten
Menschen unbezahlbar. Für viele Krankheiten armer Länder werden Medikamente gar
nicht erst entwickelt. Nicht nach medizinischer Dringlichkeit geht es, sondern nach
erwarteten Gewinnaussichten. Es ist höchste Zeit, dieses ineffiziente System einer
kritischen Prüfung zu unterziehen.
Die Welt braucht eine Wissenschaft, die allen Menschen dient.
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Alternative Wege der Medikamentenversorgung. Wie ein genossenschaftlich organisiertes
Gesundheits-Unternehmen preiswerte Arzneimittel produziert und nebenbei mit den
Mythen der Pharma-Multis aufräumt ...
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