Für Innovation und Zugang zu unentbehrlichen
Arzneimitteln!
Situationsbeschreibung
Der beispiellose medizinische Fortschritt der letzten Jahrzehnte ist an
der Mehrheit der Weltbevölkerung nahezu vollständig vorbeigegangen. Bald 13
Millionen Menschen sterben jährlich an Krankheiten, die eigentlich
behandelbar wären. Sie sterben an Tuberkulose, Malaria, HIV/AIDS und anderen
armutsbedingten Krankheiten, deren Ausbreitung durch Unterernährung,
unsauberes Wasser, mangelnde Hygiene und das Fehlen funktionierender
Gesundheitsdienste begünstigt werden. Sie sterben aber auch, weil
Pharma-Patente als de-facto Monopole dafür sorgen, dass selbst
lebensnotwendige Medikamente unerschwinglich teuer sind oder gar nicht erst
entwickelt werden. Zu den Unzulänglichkeiten des gegenwärtigen
patentgestützten Forschungsmodells gehört, dass vorwiegend Medikamente und
Impfstoffe entwickelt werden, die eine zahlungskräftige Kundschaft finden.
Systematisch werden die Gesundheitsbedürfnisse von Menschen, die über keine
oder zu geringe Kaufkraft verfügen, vernachlässigt. Damit werden gerade jene
Menschen vom Zugang zu Arzneimitteln ausgeschlossen, die sie am dringendsten
bräuchten. Der Forschungsehrgeiz der Industrie richtet sich weniger auf
lebensrettende Innovation, als auf finanziell lohnende und höchst profitable
"me-too-Präparate" (Arzneimittel, die sich durch geringe chemische
Veränderung eines bereits bekannten Wirkstoffes von diesem unterscheiden).
Patente aber beeinträchtigen nicht nur den Zugang zu wirksamen
Arzneimitteln, sie hemmen auch die Innovation selbst. Zeitgemäße
Forschungsprozesse, die von freien Informationen und einem offenen
Datenaustausch zwischen global vernetzten Forschungseinrichtungen leben,
werden durch rechtliche Beschränkungen erschwert. Ein Dickicht wuchernder
Schutzpatente, die nur die Funktion haben, lukrative Marktsegmente gegen
Konkurrenten abzusichern, behindert die Innovation. So nimmt es nicht
wunder, dass trotz wachsender Forschungsaufwendungen der Output der
pharmazeutischen Industrie an medizinischer Innovation zurückgeht. Wir
sind der Überzeugung, dass eine grundlegende Neuausrichtung der
Arzneimittelforschung dringend geboten ist. Gefordert ist eine neue Balance
zwischen den Gesundheitsbedürfnissen der Menschen und den für die
pharmakologische Forschung & Entwicklung eingesetzten Geldmitteln. Dafür
braucht es neue Anreize, jenseits von Patenten. Nicht Innovation um jeden
Preis ist gefragt, sondern Innovation, die allen zugänglich ist.
Wir sehen zwei Handlungsebenen, um Zugang und Innovation zu verbessern
1. Verbesserung des Zugangs zu patentgeschützten Arzneimitteln
Die Vorstellung, über eine "globale Harmonisierung" (sprich: die
Verschärfung) des Patentschutzes den Zugang zu Arzneimitteln verbessern zu
können, ist ein gefährlicher Irrglaube, der vielen Menschen den Tod bringen
wird, da sie durch ein verschärftes Patentrecht nur schwerlich Zugang zu
lebenserhaltenden Medikamenten bekommen. Noch ist die Welt zu heterogen, als
dass über ein einheitliches Patentsystem entschieden werden kann.
Stattdessen gilt es, die unterschiedlichen Entwicklungsniveaus zu
berücksichtigen und die patentrechtlichen Flexibilitäten politisch
umzusetzen, die im TRIPS Abkommen festgelegt wurden und mit der "Doha
Erklärung über Geistige Eigentumsrechte und öffentliche Gesundheit" (2001)
nochmals bestätigt wurden.
Wir sehen die Notwendigkeit zur:
- Unterstützung von Entwicklungsländern beim Aufbau eigener
Produktionskapazitäten (Technologietransfer) und leistungsfähiger
regionaler Verteilungssysteme
- Einrichtung eines Patentpools zur einfacheren und kostengünstigeren
Handhabung von Lizenzverträgen.
- Nutzung von Zwangslizenzen und der anderen TRIPS-Flexilibitäten im
weitest möglichen Maße. Länder, die zur Beantwortung bestehender
Gesundheitsbedürfnisse das Recht auf Erteilung von Zwangslizenzen in
Anspruch nehmen, verdienen Unterstützung, nicht aber den politischen und
wirtschaftlichen Druck seitens betroffener Patenthalter und deren
Regierungen.
2. Essentielle Arzneimittelforschung
Gesundheitsforschung ist eine gesellschaftliche Aufgabe, die
öffentlicher Finanzierung und staatlicher Regulierung bedarf. Auch wenn
Public Private Partnerships (PPPs) heute einen wichtigen Beitrag dazu
leisten, warnen wir davor, ihre Bedeutung zu überschätzen. Insbesondere
dann, wenn solche Partnerschaften maßgeblich vom Goodwill privater
Großstifter bzw. dem Marketinginteresse von Unternehmen abhängen, bieten
sie keine Gewähr für eine nachhaltige Finanzierung. Langfristige Sicherung
essentieller Gesundheitsforschung gelingt nur über die Schaffung eines
transparenten und demokratisch legitimierten Rahmens, der sowohl
Prioritäten zu setzen vermag als auch die notwendigen neuen Anreize geben
kann.
Im Einzelnen folgt daraus:
- Die Schaffung einer zwischenstaatlichen Einrichtung, die zur
Festlegung von Forschungsprioritäten fähig und legitimiert ist (z.B. bei
der WHO).
- Die Abkoppelung der Aufwendungen für Forschung und Entwicklung von
den Arzneimittelpreisen.
- Die Einführung neuer Forschungsanreize, beispielsweise durch einen "Prize
Fund", der erfolgreiche therapeutische Innovation finanziell angemessen
belohnt, statt Forschungskosten über das Gewähren von Monopolen zu
refinanzieren - und damit hohe Medikamentenpreise in Kauf zu nehmen.
Kritisch hinterfragt werden sollten in diesem Kontext Anreize, die
alleine auf die Erzeugung von Nachfrage setzen, wie "Advanced Market
Commitments" (AMC). Solche vorab gegebenen Abnahmegarantieren können
zwar zur Forschung, insbesondere ihrer letzten Stufen anstoßen, sie
ändern aber nichts an dem Grundproblem, dass der Zugang zu essentiellem
und öffentlich finanziertem Gesundheitswissen durch privat gehaltene
Patente eingeschränkt bleibt.
- Die direkte öffentliche Finanzierung essentieller
Gesundheitsforschung, um gezielt und bedarfsgerecht die Entwicklung von
Impfstoffen, Diagnostikverfahren und Arzneimitteln in Auftrag zu geben
bzw. über Zuschüsse in Gang zu setzen.
- Die Schaffung von globalen Finanzierungsmechanismen, mit der
erschwingliche medizinische Innovationen für alle nachhaltig
sichergestellt werden kann. Die dafür notwendigen Kosten müssen von
allen Ländern gemeinsam getragen werden. Auch die ärmeren Länder sollen
entsprechend ihrer Möglichkeiten einen Beitrag leisten.
Wir fordern eine an den Gesundheitsbedürfnissen der Menschen
ausgerichteten Politik, die Arzneimittel, wie auch andere unentbehrliche
Güter der Daseinvorsorge als öffentliche Güter begreift, die prinzipiell
von Monopolen und exklusiven Vermarktungsrechten ausgenommen sind
müssen, damit sie allen Menschen zugänglich gemacht werden. Initiiert
von:
Brot für die Welt,
BUKO - Pharma-Kampagne,
medico international,
Misereor Unterzeichner
Aktionsbündnis gegen AIDS, Health Action International (HAI), European
AIDS Treatment Group, IPPNW – Ärzte in sozialer Verantwortung, Médecins Sans
Frontières (MSF), medico international (Schweiz), Seeds Action Network (SAN) |
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Beipackzettel
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Unterschriftenaktion "Kein Patent auf Gesundheit" beendet
Am Welt-Aids-Tag wurden 10787 Unterschriften gegen das Patent auf ein
AIDS-Medikament an Boehringer übergeben. Die erfolgreiche Kampagne sichert die
Generika-Produktion von Nevirapine-Sirup ...
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Von Antiretroviralen Medikamenten bis Zwangspatenten. Ein kritisches Glossar zur globalen Patentdebatte.
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Die Monopolisierung von Gesundheitswissen verweigert Millionen Menschen den
Zugang zu lebensrettenden Medikamenten. Lesen Sie Argumente gegen das globale
Patentregime in unserer neuen Infozeitung.
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Das Faltblatt inkl. ausführlichem Beipackzettel informiert kostenlos und rezeptfrei
über die Möglichkeiten einer alternativen Medikamentenproduktion am Beispiel des
medico-Partners Gonoshastaya Kendra in Bangladesh ...
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Arzneimittelforschung
Plädoyer für eine Wissenschaft im öffentlichen Interesse
Arzneimittel sollen ein Segen für die Menschheit sein. Doch wird Arzneimittelforschung
ihren eigenen Ansprüchen gerecht? AIDS-Medikamente sind nach wie vor für die meisten
Menschen unbezahlbar. Für viele Krankheiten armer Länder werden Medikamente gar
nicht erst entwickelt. Nicht nach medizinischer Dringlichkeit geht es, sondern nach
erwarteten Gewinnaussichten. Es ist höchste Zeit, dieses ineffiziente System einer
kritischen Prüfung zu unterziehen.
Die Welt braucht eine Wissenschaft, die allen Menschen dient.
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Projekte
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Alternative Wege der Medikamentenversorgung. Wie ein genossenschaftlich organisiertes
Gesundheits-Unternehmen preiswerte Arzneimittel produziert und nebenbei mit den
Mythen der Pharma-Multis aufräumt ...
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