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Gesundheit für alle – Hintergrund
25 Jahre Primary Health Care und Gesundheitspromotoren
Was bleibt nach dem Rückzug des Staates aus der Finanzierung von
Basisgesundheitsdiensten in den Ländern des Südens?
Vor nun 25 Jahren wurde das Konzept der Basisgesundheitsversorgung auf der
Weltgesundheitsversammlung in Alma Ata in Kasachstan, damals Teil der
Sowjetunion zur propagierten Strategie gegen die Ausgrenzung der großen Mehrheit
der armen Bevölkerung aus dem vor allem auf die Bedürfnisse der städtischen
Mittel- und Oberschicht zugeschnittenen Gesundheitssystemen in den Ländern
Asiens, Afrikas und Lateinamerikas. Das ehrgeizige Ziel, das mit einer Umwälzung
der Ressourcenverteilung von der Spitze auf die Basis der Gesundheitsdienste und
der Konzentration auf die Grundbedürfnisse der Menschen – sichere Ernährung,
sauberes Wasser, hygienische Verbesserungen, geschütztes Wohnen, Versorgung mit
medizinischen Grunddiensten – und der Beteiligung der Betroffenen an den
Lösungsstrategien als partizipatives Prinzip erreicht werden sollte, war nicht
weniger als „Gesundheit für Alle im Jahr 2000“. Insofern – und ebenso mit der
provokativen Definition von Gesundheit als dem „vollständigen körperlichen,
seelischen und sozialen Wohlbefinden“ spiegelte sich in diesen Konzepten der
Weltgesundheitsorganisation in dieser Zeit noch der revolutionäre Geist der
Entkolonialisierung, der Befreiung der Staaten der drei Kontinente von der
Ausbeutung durch die europäischen Kolonialmächte und die Versuche auf eine
grundlegende Umwälzung der Verhältnisse, die allen Menschen ein menschenwürdiges
Leben und eine Beteiligung an den politischen Prozessen ermöglichen sollte.
Auch medico international nahm in dieser Zeit die Konzepte der
Basisgesundheitsversorgung auf und unterstützte in Ländern mit progressiven
Regierungen den Aufbau solcher Gesundheitsdienste. Auf den Cap Verden wurden
Anfang der 80er Jahre Gesundheitshelfer mit mobilen medizinischen
Grundausrüstungen ausgestattet, in Burkina Faso wurden in der zweiten Hälfte der
80er Jahre in der Provinz Gourma Dorfgesundheitsposten eingerichtet,
Gesundheitszentren erweitert und renoviert und Volksapotheken ausgerüstet.
Das umfangreichste Projekt entstand zur gleichen Zeit in der nicaraguanischen
Provinz Rio San Juan, der Grenzregion zu Costa Rica, mit dem Aufbau der
kompletten Primary Health Care Pyramide aus dezentralen Basisgesundheitsposten,
lokalen Gesundheitszentren und einem regionalen Krankenhaus, das als
Referenzpunkt für die komplizierteren und stationär zu behandelnden
Krankheitsfälle zuständig ist.
Zentraler Bestandteil des Primary Health Care Konzeptes und auch der
Bemühungen medicos war dabei die Förderung lokaler Fachkompetenz und Ausbildung.
Denn um das Gesundheitssystem vom Kopf auf die Füße zu stellen, braucht es das
Wissen und die Beteiligung der vor Ort Betroffenen um ihre Gesundheitsprobleme
und an ihrer Lösung. Deshalb spielen in diesen Konzepten die Ausbildung von
lokalen Fachleuten, GesundheitspromotorInnen, GesundheitshelferInnen,
Dorfhebammen, eine wesentliche Rolle.
Dabei entstand das, was ich etwas polemisch zugespitzt den „Mythos vom Workshop“
nennen möchte. Ungezählte Kurzausbildungen wurden in den letzten 25 Jahren
durchgeführt, finanziert von den unterschiedlichsten Geldgebern, von staatlichen
Gesundheitsministerien ebenso wie von der Weltbank, von internationalen
Stiftungen und bilateraler Entwicklungszusammenarbeit ebenso wie von kirchlichen
Trägern und kleineren Hilfsorganisationen wie medico international.
Zur Verbesserung der geburtshilflichen Versorgung werden die wichtigsten
Informationen in zwei Wochenenden an junge Frauen vermittelt, die anschließend
mit dem UNICEF-Basisköfferchen für Geburtshilfe in ihre Dörfer zurückgehen und
dort bei Hausgeburten assistieren sollen. Ebenso werden Gesundheitspromotoren,
also „Gesundheitsförderer“ oder Gesundheitswerber ausgebildet, die mit viel
Krankheitsverhütendem Wissen und ein paar Standartmedikamenten für die
häufigsten und einfach zu behandelnden Krankheiten in ihre Dörfer zurückkehren.
30 Personen aus 30 Dörfern pro Kurs, 25 Doppelwochenenden, macht eine
Verbesserung der geburtshilflichen oder basisgesundheitlichen Versorgung in 750
Dörfern im Jahr.
Solche beeindruckenden Zahlen lassen sich gut für die Geldgeber präsentieren,
über die Realität in den Dörfern nach Abschluß der Workshops sagen sie
allerdings wenig aus; wer kümmert sich schon anschließend um die Einarbeitung
der frischgebackenen Hilfshebammen und Promotoren? wer supervidiert ihre Arbeit,
wer unterstützt sie vor Ort, wenn sie auf sich allein gestellt ist?
Refresher-Kurse werden, wenn überhaupt, nur in der Hauptstadt angeboten, die
meist fern und nur mühsam und kostspielig zu erreichen ist. Eine Vernetzung
findet nicht statt, das Referenzsystem, zu dem komplizierte Verläufe zu schicken
wären, existiert oft nur unzureichend oder gar nicht, selten wurde das
Verhältnis zu anderen Gesundheitsprofessionellen geklärt: Gibt es da ein
kooperatives Verhältnis oder eine Konkurrenz? Unterstützt der private Arzt, die
traditionelle Hebamme die frischgebackenen GesundheitsarbeiterInnen oder
beharren sie auf ihrem Status als die eigentlich Kompetenten?
Auch eine fachliche oder wenigstens gegenseitige Kontrolle findet nicht statt,
da die Promotoren zumeist einzeln aus ihren Dörfern kommen, so schwanken sie je
nach individueller Neigung zwischen selbstkritischer Zurückhaltung wegen ihres
begrenzten Wissens, was ihren Status bei den PatientInnen in Frage stellt (Was
hast du eigentlich gelernt? Was kannst du eigentlich?) und mutiger
Selbstüberschätzung, was sich oft hinter geringer Einfühlsamkeit und besonderer
Ruppigkeit gegenüber den PatientInnen versteckt und solange gut geht, bis
ernsthaft was schief geht und dann von den PatientInnen am eigenen Leib bezahlt
werden muß.
Ohne solche systematischen Einbindungen von lokalen GesundheitsarbeiterInnen
in eine sinnvolle und halbwegs alltagstaugliche Struktur bleiben die
Ausbildungsinitiativen von wenig Dauerhaftigkeit geprägt, werden Konzepte eher
von der jeweils aktuellen Politik der Geldgeber bestimmt, die für eine
langfristige Personalfinanzierung, wie sie für regelmäßige Supervisionen,
Vernetzungen und Qualitätssicherungen notwendig sind, in der Regel keine Mittel
bereit stellen.
Einige weitere Alltagsprobleme der Basisgesundheitsversorgung mit lokalen
GesundheitsarbeiterInnen unter den herrschenden ökonomischen Bedingungen möchte
ich vorstellen und diskutieren vor dem Hintergrund der Erfahrungen von medico
mit der „solidarischen Variante der Basisgesundheitsversorgung“, hier am
Beispiel der guatemaltekischen Gesundheitspromotoren, die in der Zeit der
Militärdiktatur während des Krieges zwischen 1978 bis 1985 entstanden und
weiterhin in der Versorgung der indigenen Gemeinden auch nach dem Ende des
Bürgerkrieges und der Rückkehr der meisten Flüchtlinge arbeiten.
Diese Bewegung der Gesundheitspromotoren, die sich im Koordinierungskomitee für
Gesundheitsdienste (CCSS) organisierte, entstand an der Seite der Guerilla, die
den Widerstand gegen die Militärdiktatur aufgenommen hatte und sich auch der
Existenzsicherung der im sogenannten „Krieg niedriger Intensität“ der
Aufstandsbekämpfung vom Militär internen und externen Vertriebenen als ihrer
sozialen Basis verpflichtet fühlte. Die Gesundheitspromotoren, die eine
Schlüsselrolle in der zivilen Infrastruktur der geheimen Dörfer und
Flüchtlingslager im guatemaltekisch-mexikanischen Grenzgebiet darstellten,
arbeiteten unentgeltlich und wurden von den Gemeinden und solidarischer Hilfe
wie von medico mit Arbeitsmaterial und allem Lebensnotwendigen versorgt; die
Promotoren waren von den Gemeinschaftsarbeiten entbunden. Gesundheit sollte wie
Bildung ein kostenloses Grundrecht sein, daß auch den revolutionären Charakter
der Befreiungsbewegung widerspiegelte. Diese Form der solidarischen Finanzierung
und gemeinnütziger Arbeit geriet nach dem Friedensschluß in die Krise, die
externen Finanzierungsquellen nahmen ebenso ab wie die Notwenigkeit jedes
Einzelnen Gesundheitspromotors stieg, seine Existenz selbst zu sichern. Sollten
die wichtigen Gesundheitsdienste, zu denen nicht nur Gesundheitsaufklärung und –förderung,
sondern auch sehr konkret hilfreiche zahnmedizinische Versorgung gehörte, den
Gemeinden erhalten bleiben, mußten also Wege der gemeinschaftlichen Finanzierung
gefunden werden, sonst stellte sich für die Promotoren nur die Alternative
privat zu wirtschaften oder ganz auszusteigen.
In den guatemaltekischen Gemeinden wurden verschiedene kollektive und
individuelle Modelle ausprobiert, um diese Probleme zu lösen:
Kollektive Modelle waren die Bestellung der Felder des/der PromotorIn durch die
Gemeinde, die es dem Promotor ermöglichen, weiter in der Gesundheitsversorgung
tätig zu sein.
Individuelle Konzepte beinhalteten die Kreditvergabe für Saatgut an die
Promotoren, durch die sie ihre landwirtschaftliche Subsistenz sichern konnten,
ohne direkt auf Gehälter angewiesen zu sein, die dem kollektiven Gedanken der
Dorfgemeinschaften widersprachen.
Grundsätzlich wurde es als notwendig erachtet, die Einbindung der Promotoren in
die Dorfgemeinschaft und konkret in die landwirtschaftliche
Substistenzwirtschaft zu erhalten.
Damit wollten die Gemeinden einer Tendenz entgegenwirken, die charakteristisch
ist für alle Projekte, die mit Ausbildungsinitiativen verbunden sind: Durch die
Aneignung individuellen Wissens und Fertigkeiten, die nicht mehr lokal begrenzt
sind, wie hier der Gesundheitsversorgung, der Zahnheilkunde, werden die
Individuen tendenziell freigesetzt von ihren ursprünglichen Lebensorten, es
steigt die Möglichkeit und die Bereitschaft des Einzelnen, sich auf den Weg zu
machen, woanders sein/ihr Glück zu suchen, die höheren Einkommensmöglichkeiten
und besseren Lebensperspektiven in den Städten des Landes zu nutzen. Diese
Tendenz nimmt mit der Qualifikation und der Qualität der individuellen Arbeit
zu, so daß ein systematischer Qualifikationsfluß aus der Peripherie ins Zentrum
anhält, die das Zentrum, sei des die Kreisstadt, die Hauptstadt des Landes oder
im internationalen Maßstab die Metropolen und ökonomisch potentesten Länder, die
von diesem „brain-drain“ dem Fluß des Ausbildungspotentials profitieren, und
damit weiterhin attraktive Ziele der Migration bleiben.
Dies möchte ich nicht als moralische Verurteilung der MigrantInnen mißverstanden
wissen, sondern als grundsätzlich existierende Realität, der Rechnung zu tragen
ist bei der Verbesserung der Gesundheitsversorgung in strukturell
vernachlässigten Regionen.
Dabei bleibt zur Ausbildung lokalen Personals keine Alternative; die
Versuche, die Versorgung der regional unterversorgten Gebiete mit den
traditionell in den großen Städten ausgebildeten Fachleuten zu verbessern, so
wie es mit Distriktskrankenhäusern als Teil der Primary Heath Care Pyramide
vorgesehen ist, stößt überall auf massive Schwierigkeiten.
Charakteristischerweise sind die chirurgischen, pädiatrischen und
gynäkologischen Fachärzte im Bezirkskrankenhaus Rio San Juan trotz der streng
antikommunistischen Einstellung der aktuellen Regierung Aleman keine
Nicaraguaner, sondern kubanische Ärzte, schon die Präsenz der nicaraguanischen
Ärzte nach ihrem Studium im Pflichtjahr, das in den peripheren Kliniken
abgeleistet werden muß, ist selten sichergestellt, und auch Südafrika nimmt zur
Sicherstellung der ärztlichen Versorgung der Distriktskrankenhäuser deutsche
Ärzte im Praktikum, organisiert über die deutsche Entwicklungszusammenarbeit in
Anspruch, während die südafrikanischen Ärzte traditionell eher in Großbritannien
und Australien als in den ländlichen Gegenden ihres eigenen Landes arbeiten.
Was bleibt also zu tun? Was sind sinnvolle Konzepte, wenn man nicht alles
seinen Lauf gehen lassen will, sondern an einer Verbesserung von
Gesundheitsversorgung ebenso festhalten will wie an einem solidarischen
Anspruch, diese nicht nur für ökonomisch potente Marktsubjekte, sondern für
möglichst alle Menschen sicherzustellen?
Auf Grund unserer Erfahrungen plädieren wir für eine konkrete Praxis ohne
Illusionen:
Will man der falschen Alternative eines auf ewig subventionierten Inselprojektes
oder der Privatwirtschaftlichen Marktlösung entkommen, ist zunächst eine klare
Wahrnehmung der Realitäten des jeweiligen Gesundheitswesens notwendig, sonst
passiert es leicht, wie der brasilianische Arzt und langjährige Projektinitiator
von Gesundheitsinitiativen in Lateinamerika, Nathan Kamlioth es ausdrückt, „ daß
die Armen an Empfehlungen sterben, die niemals realisiert werden können“.
- Realistischerweise müssen Gesundheitsprojekte, wollen sie nicht
langfristig an externer Finanzierung hängen, ihre ökonomische Nische suchen.
Das heißt eng im lokalen Kontext zu arbeiten, keine allgemeinen Konzepte
überstülpen.
Mit Unterstützung von medico international entstand so in Waslala in Nicaragua
eine Gesundheitskooperative, in der sich die Mitglieder zu Zahnkünstlern,
nicht akademischen Dentisten ausbildeten und ihre Dienste in der ländlichen
Gegend abseits der städtischen Versorgung und zu günstigeren Preisen als die
universitär ausgebildeten Zahnärzte anboten.
Das bedeutet natürlich auch Konflikte mit den Nutznießern des bisherigen
Zustandes. Und politisiert die lokale Idylle: Wer verdient an der
unzureichenden Versorgung? Wer an der mangelnden Qualitätskontrolle?
• Realisiert werden muß auch, daß präventive Medizin auf der lokalen und auch
regionalen Ebene ökonomisch defizitär bleiben muß, sie „bringt nichts ein, denn
sie verhindert zwar im besten Fall etwas, was noch nicht da ist, ist aber damit
auch nicht als unmittelbar nützlich erlebbar.
Deshalb sind Mischkalkulationen erforderlich, in denen finanziell lukrative
Bereiche die defizitären Bereiche gegenfinanzieren.
In Waslala entstand das Dentistenprojekt aus der Notwendigkeit heraus, das von
der Kooperative geplante Geburtshaus, wo Schwangere sich schon ein paar Tage vor
der Geburt ihrer Kinder einfinden konnten und betreut wurden, statt erst bei
einsetzenden Wehen sich auf den weiten Weg ins regionale Krankenhaus zu machen,
zu finanzieren. Eine komplette Finanzierung durch Kostenbeteiligungen hätte die
Möglichkeiten der Frauen bei weitem überstiegen, und so wurden Mittel nicht nur
durch die Zahnbehandlungen, sondern auch durch eine eigene Volksapotheke
erschlossen, die kostengünstige Basismedikamente mit geringem Aufschlag zu
konkurrenzfähigen Preisen anbieten konnte.
In einem anderen Projekt in den autonomen Gemeinden im Süden Mexikos
finanziert eine kleine Gesundheitsklinik ihre Defizite mit den Gewinnen aus
einem dem Krankenhaus angeschlossenen Laden, der die ganze Palette eines
ländlichen Krämerladens anbietet.
Dabei ist zu bedenken, daß solche Mischfinanzierungen oftmals eher in ländlichen
Gegenden erfolgreich möglich sind, weil dort die Bevölkerung durch ihre
Subsistenzwirtschaft häufig über mehr lokale ökonomische Reserven verfügt als
städtische Arme, die ohne gesicherte Lohnarbeit bei zusätzlichen Ausgaben sich
schnell verschulden müssen. Und auch hier sind die Konflikte mit der lokalen
Ökonomie vorgezeichnet: Wer profitiert bisher vom lukrativen Zwischenhandel, der
die Preise in den abgeschiedenen Gegenden in die Höhe treibt? Wer hält das
lokale Transportmonopol aufrecht?
- Realisiert werden muß auch, daß unter den herrschenden Bedingungen die
Qualitätskontrolle von Gesundheitsarbeit notwendigerweise nur über
Konkurrenzsituationen herstellbar ist: Auch der Gesundheitspromotor/die
promotorin braucht Kontrolle über seine/ihre Arbeit , sinnvoll sind deshalb
die Gründung von Gesundheitskooperativen, die sich über den gemeinsamen Prozeß
der Aneignung von Wissen und Fähigkeiten hin auch gegenseitig fachlich
beraten, motivieren und kritisch kontrollieren.
Realistisch sein heißt aber genauso, zu realisieren, daß diese Projekte keine
Alternative, sondern nur Notbehelf zu einer (vom Staat zu sichernden)
allgemeinen und umfassenden Gesundheitsversorgung sein können. Ein solches
Projekt kann – und muß es angesichts des herrschenden Elends – als Heftpflaster
wirken und es gleichzeitig zurückweisen, als solches dauerhaft funktionieren zu
können.
Dies verweist auf den politischen Gehalt, den solche Projekte unserer Meinung
nach dringend bedürfen:
Ihre Funktion muß es auch sein, das staatliche System zu kontrollieren, ihm die
Verantwortung zuzuweisen und die Patienten dabei zu unterstützen, ihre Rechte
auf gesundheitliche Versorgung einzufordern. Die Gesundheitskooperative in
Waslala hat so etwa die Fortbildung des lokalen Gynäkologen in der
Geburtshilflichen Station des Kreiskrankenhauses unterstützt, statt eine eigene
Gynäkologie aufzubauen und bringt Behandlungsfehler vor die zuständigen Behörden
in der Hauptstadt.
Paradoxerweise würde das Projekt also dann besonders erfolgreich sein, wenn es
sich selbst überflüssig gemacht hat.
- Schließlich müßte sich ein erfolgreiches Projekt der
Basisgesundheitsversorgung auch im größeren politischen Raum bewegen, bleibt
es doch als einzelnes Projekt nicht mehr als eine mehr oder weniger gut
funktionierende Insel; Netzwerke von Projekten könnten dagegen als politische
Pressure-group agieren, die sich auch gegen traditionelle Professionen
behaupten und ihre Arbeit dadurch zu sichern versuchen: In Guatemala gründete
sich jetzt die Nationale Vereinigung der Dental-promotoren und stehen mit den
staatlichen Behörden um die Anerkennung ihrer mehrstufigen Ausbildung in
Verhandlung. Geplant sind Ausbildungsgänge in Kooperation mit der Universität,
die bis zu einer selbständigen Promotorenschule ausgebaut werden sollen.
- Damit übernimmt überraschenderweise Guatemala die Führung in einem Prozeß,
der in Nicaragua und El Salvador, den früheren Hoffungsträgern der
Mittelamerikanischen Befreiungsbewegungen, sehr viel zäher und mühsamer zu
sein scheint.
In der Integration dieser skizzierten Dimensionen – ökonomischer –
fachlicher und politischer Arbeit liegt unseres Erachtens das Potential eines
„idealtypischen“ Gesundheitsprojektes.
Andreas Wulf (medico international)
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