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Gesundheit für alle – Hintergrund
Globalisierung und Gesundheit
Wenn aus Patienten Kunden werden
Von Andreas Wulf*
Globalisierung ist in aller Munde – spätestens seit den großen Protesten
anläßlich der WTO-Tagung in Seattle, USA im vorletzten Jahr, denen eine Reihe
ähnlicher Zusammenstöße der bis dahin oft auch von den Regierungen gelobten
Zivilgesellschaft mit den hochkarätigen Gesprächs- und Verhandlungsrunden von
IWF, WTO, der G8 oder des Weltwirtschaftsgipfels in Davos folgten.
Hinter dem griffigen Schlagwort verbergen sich eine ganze Reihe von
Entwicklungen, die an sich nicht neu sind, aber vor allem in den letzten zehn
Jahren in ihrer Dynamik enorm zugenommen haben. Ich möchte mich nach einer
kurzen Übersicht vor allem auf die Einflüsse dieser Entwicklungen auf die
Gesundheit und die Gesundheitssysteme in verschiedenen Regionen und Ländern
konzentrieren.
Globalisierung im weiten Sinn ist der Fluß von Informationen, Waren, Kapital und
Menschen über politische und ökonomische Grenzen hinweg. Schon daran wird
deutlich, dass die Globalisierung keine Erfindung der letzten zehn Jahre, auch
nicht des modernen kapitalistischen Wirtschaftssystems ist. Auch der weltweite
Austausch von Ideen und Kulturen ist nicht neu. Neu ist dagegen das Ausmaß und
die Geschwindigkeit dieser Globalisierung. Die “Abschaffung der Entfernung”
wurde ausgerufen, dank Satelliten und moderner Telekommunikation scheint jeder
Ort der Welt jederzeit erreichbar geworden zu sein – und auch die physische
Bewegung hat in einem enormen Ausmaß zugenommen: gab es 1950 zwei Millionen
Flugpassagiere pro Jahr, so sind es heute jährlich 1,4 Milliarden . Auch die
unfreiwillige Mobilität von Flüchtlingen hat enorm zugenommen – der UNHCR zählte
im letzten Jahr mehr als 30 Millionen Flüchtlinge, die ihre Heimatländer
verlassen mußten.
Globalisierung steht aber heutzutage vor allem für eine ökonomische Strategie,
die das möglichst ungehinderte Wirken des freien Handels und der Marktkräfte
weltweit propagierte, um ein größtmögliches Wirtschaftswachstum und zugleich
eine möglichst effiziente Organisation der Märkte zu sichern. In diesen sollen
die Interessen der einzelnen Bürger als selbstbewußte Konsumenten nach günstigen
und qualitativen Produkten durch das Gesetz von Angebot und Nachfrage gesichert
werden. Staatliche Kontrolle und Förderung der heimischen Märkte stehen dem
ebenso entgegen wie Importzölle und Begrenzungen von Investitionen ausländischer
Konzerne. Dieses sogenannte Neoliberale Wirtschaftsmodell wurde in den 80er
Jahren des 20. Jahrhunderts zur Überwindung der langen Rezession in den reichen
Industriestaaten vor allem in den anglophonen Staaten propagiert und als
Reagonomics und Thatcherismus bekannt. Im Zuge der massiven Verschuldungskrise,
in die die meisten Entwicklungs- und auch Schwellenländer in diesem Jahrzehnt
gerieten, wurden ihnen vom Weltwährungsfonds und der Weltbank
Strukturanpassungsmaßnahmen auferlegt, die mit den gleichen Rezepten arbeiteten:
Privatisierung, Deregulierung der eigenen Märkte und Handelsliberalisierungen
sollten nicht nur ihre eigene Wirtschaft weltmarkttauglich machen sondern auch
ausländische Investitionen ermöglichen und so eine eigene kapitalistische
Entwicklungsperspektive bieten. Mit dem Zusammenbruch der sozialistischen
Planwirtschaften am Ende dieses Jahrzehnts schien sich die kapitalistische
Marktwirtschaft als das überlegene Wirtschaftsprinzip endgültig bestätigt zu
haben. Erst die durch kurzfristige Finanztransaktionen ausgelöste massive
Wirtschaftskrise der asiatischen Tigerstaaten 1997-98, in deren Folge Malaysia,
Südkorea, Thailand und Indonesien zwischen 20 und 35 Prozent ihres
Bruttosozialproduktes einbüßten , ließ an der Stabilität des “Endes der
Geschichte” das schon ausgerufen worden war, zweifeln.
Welche sozialen Folgen wird diese Art von Globalisierung, die alle Bereiche der
Gesellschaft in Märkte verwandeln will, haben? Es darf ja nicht vergessen
werden, dass die “Liberalisierung der Märkte”, die sich die Globalisierung auf
die Fahne geschrieben hat, natürlich auch weiterhin die Machtverhältnisse in der
Welt reflektiert – liberalisiert wird, was den schon Erfolgreichen nützt: In der
WTO stehen die Abkommen zum Handel von Dienstleistungen, zu globalen
Investitionen und Wettbewerbspolitik und das Abkommen zum Schutz der
Intellektuellen Rechte an erster Stelle, während die Bereiche, die von den
reichen Staaten selbst am meisten geschützt sind – vor allem die Agrarproduktion
und der Textilmarkt – und in denen die Entwicklungsländer Exportchancen hätten,
weiterhin hart umkämpft sind . Die Weltbank schätzt die staatliche Förderung der
heimischen Agrarmärkte der EU und der anderen Industriestaaten auf einen Betrag
von einer Milliarde Dollar täglich – der sechsfache Betrag, der als
Entwicklungshilfe von ihnen geleistet wird .
Wie also wirkt sich die Globalisierung auf die Gesundheit der Menschen und die
Gesundheitssysteme der Staaten, die ja trotz aller Globalisierung immer noch
eine zentrale politische Organisationsform sind, aus?
Die katastrophische Seite
Vor allem die im Rahmen von Globalisierungsmaßnahmen vorgenommenen
Liberalisierung von Finanz- und Arbeitsmärkten hat einen negativen Einfluß auf
die Verteilungsgerechtigkeit ebenso wie auf die Gesundheitsverhältnisse, weil in
den entstehenden Sonderwirtschaftszonen gewerkschaftlich ausgehandelte
Mindestlöhne und Höchstarbeitszeiten abgeschafft sind und
Arbeitsschutzbestimmungen kaum noch eingehalten werden. Die Maquila-Industrien
in Mittelamerika sind dafür ebenso charakteristisch wie die “Sweat-shops”, die
Schwitzbuden in den USA; in denen vielfach illegalisierte Migranten für die
Bekleidungsmultis schuften.
Am massivsten sind die gesundheitlichen Folgen zu beobachten in den Staaten der
früheren Sowjetunion, die in den 90er Jahren mit einem starken ökonomischen
Einbruch, steigenden Arbeitslosenzahlen und Zunahme der sozialen Ungleichheit
konfrontiert waren. Individuelle und gesellschaftliche Folgen wie Depressionen,
Alkoholismus, häusliche Gewalt, stress-bedingte Krankheiten und Tod durch
Herzkreislauferkrankungen, Suizide und Gewalt trafen vor allem eine neu
entstehende Schicht von “Transitions-Verlierern” aus zumeist männlichen
Arbeitern, Kollektivbauern und mittleren Partei-Funktionären ohne weitergehende
Ausbildung, oftmals arbeitslos und Migranten oder Angehörige ethnischer
Minderheiten. Die Reprivatisierung der großen Staatsbetriebe brachte eine neue
Elite hervor, deren Aneignungsstrategien oft mit Korruption und maffiösen
Methoden einherging, was zusätzlich zu den realen materiellen Notlagen Gefühle
von ohnmächtiger Wut, Hoffnungslosigkeit und Kränkung erzeugte, die an den
sozialen und gesundheitlichen Verwerfungen mitbeteiligt sind. Die nüchternen
statistischen Zahlen bilden das Ausmaß der gesundheitlichen Folgen nur
unzureichend ab: Die Lebenserwartung fiel in Russland, Weißrußland, Kazachstan
und der Ukraine für Männer um 3 bis 4,5 Jahre in den zehn Jahren von 1989 bis
1999, bei Frauen war dieser Verlust geringer (1,5 bis 2,5 Jahre).
Schätzungsweise vier Millionen zusätzliche Tote kommen auf das Konto dieser
ökonomischen Krise in diesen Ländern .
Auch in Ländern mit nur vorübergehenden ökonomischen Krisen in den
“globalisierten” 90er Jahren sind gesundheitliche Folgen des plötzlichen
Einkommensverlustes vieler Haushalte noch lange nach der Erholung der
makroökonomischen Ziffern zu spüren. Untersuchungen der Weltbank über die Folgen
der Mexikanischen (1995) und Thailändischen (1997-98) Finanzkrisen zeigten
langfristige Verschlechterungen des Gesundheitsstatus von Kindern, die während
der Finanzkrise die Schule verlassen und in gesundheitsgefährlichen
Arbeitsplätzen zum Familieneinkommen beitragen mußten oder sogar unmittelbar
dauerhafte geistige Leistungseinbußen durch akute Unterernährung erlitten . Eine
zentrale Frage ist die nach der Verteilung des Gewinns aus dem ökonomischen
Wachstum, das die Globalisierung unzweifelhaft in einer ganzen Reihe von Staaten
hat. Die Verteilung des Reichtums ist einer der stärksten Faktoren, der die
Gesundheit nicht nur des Einzelnen, sondern der Bevölkerung als ganzes
beeinflußt. Als drastisches Beispiel mag die durchschnittliche Lebenserwartung
der männlichen Bewohner von Harlem, NYC gelten, die ebenso hoch (oder so
niedrig) ist wie die der Männer in Bangladesh, schätzungsweise 58 Jahre .
... und der “Normalzustand”
Im marktorientierten Kontext der “Globalisierung” wurde der öffentliche
Sektor als ineffizient angesehen, da es keine ökonomischen Anreize gab, sich
effizient zu verhalten. Solche Anreize sollte vor allem der Wettbewerb schaffen,
Privatisierung der vormals staatlichen Gesundheitssysteme war deshalb in den
80er und 90er Jahre weltweit das Patentrezept der Wirtschaftsstrategen. Der
Staat sollte sich auf seine Rolle als Rahmensetzer zurückziehen, der Markt
sollte eine größere Transparenz und bessere Kontrolle über das Leistungsangebot
herstellen. Patienten sollten sich nicht mehr als dankbare Hilfsempfänger,
sondern als Kunden verstehen, die kompetent Gesundheitsdienstleistungen am Markt
einkaufen, Krankenversicherungen, ÄrztInnen, TherapeutInnen und Pflegende als
Anbieter solcher Leistungen. Am radikalsten wurden diese Rezepte den
hochverschuldeten Entwicklungsländern verordnet, die durch die Reduktion oder
kompletten Abbau der staatlich finanzierten öffentlichen Dienste wie Gesundheit
und Bildung und weiteren öffentlichen Subventionen, etwa für Grundnahrungsmittel
ihre Ausgabenseite sanieren sollten. Aber auch in den Industriestaaten wurden
die Konzepte von Wettbewerb und ökonomischen Anreizen zur Kosteneinsparung und
Effizienzsteigerung der Gesundheitssysteme favorisiert – die “health sector
reform” war das Schlagwort des Jahrzehnts, mit dem ein “kontrollierter
Wettbewerb” eingeführt wurde .
Besonders die Gesundheitsmärkte in den OECD-Ländern, nach aktuellen Schätzungen
mit einem Jahresumsatz von drei Billionen US$, sind dabei von
privatwirtschaftlichem Interesse. Wachstumsprognosen sehen eine Steigerung in
den nächsten fünf Jahren noch auf vier Billionen US$ , ein ordentlicher Kuchen,
um den es sich zu streiten lohnt. Neben den schon immer transnational
arbeitenden Pharmaunternehmen sind die Interessenten große Krankenhauskonzerne,
die eine Expansion über die jeweiligen Landesgrenzen hinaus suchen oder
Versicherungsgesellschaften, die neue Kunden anwerben. Auch spezialisierte
medizinische Dienstleistungsangebote lassen sich zunehmend über die Grenzen
hinweg anbieten und wahrnehmen. Mit Hilfe der Telemedizin ist die physische
Präsenz des Arztes beim Patienten für Diagnostik und Therapie nicht mehr
erforderlich. Und auch Laborleistungen lassen sich, entsprechende Transportwege
vorausgesetzt, globalisieren.
Welche Effekte haben diese Gesundheitsreformen? Wer profitiert davon und wer
kommt dabei zu kurz? Ein Blick in die Entwicklungsländer kann dabei Tendenzen
aufzeigen, die bei uns sich erst andeuten, aber unter ähnlichen Vorgaben
ebenfalls Realität werden können
Public-private Mix: interner und externer Brain-Drain
Eine schon lange existierende Form der Globalisierung im Gesundheitswesen ist
die Arbeitsmigration von GesundheitsarbeiterInnen. Der überwiegende Teil findet
als Süd-Nord-Migration statt, von Entwicklungs(- oder Schwellen)ländern in die
reichen Zentren der Welt. Typische “Export-Länder” sind Indien, Philippinen und
Südafrika, von wo aus ÄrztInnen, Pflege- und technisches Personal in den
Mittleren Osten, die USA, Großbritannien und Australien emigrieren. Dies kann
dramatische Ausmaße annehmen. 70 Prozent aller philippinischen Krankenschwestern
arbeiten außerhalb des Landes; in Südafrika verläßt ein Drittel bis die Hälfte
aller Absolventen der medizinischen Fakultäten das Land kurz nach dem Examen ,
die südafrikanische Gesundheitsministerin verhandelte vor kurzem mit der
kanadischen Regierung, um das offensive Anwerbungen durch kanadische
Krankenhäuser einzuschränken. Mit sich verschlechternden Arbeitsperspektiven im
eigenen Land, sinkenden Löhnen im öffentlichen Sektor verschärft sich diese
Tendenz, die individuell verständlich und gerechtfertigt ist, für das
Versorgungssystem als ganzes aber katastrophale Folgen hat, weil ein
systematischer Abfluß von Fachwissen einsetzt, der in diesen Ländern dringend
benötigt wird. Dieser externe Brain-Drain wird verstärkt durch einen internen
vom öffentlichen zum privaten System, da viele GesundheitsarbeiterInnen nicht
mehr allein von den öffentlichen Löhnen leben können. Wenn sie nicht komplett
privat arbeiten können verschieben sie doch die Gewichte in diese Richtung, Dazu
zählen offizielle und nicht offizielle Bezahlungen für ihre Dienste, die
Vernachlässigung der Arbeit im öffentlichen Sektor oder die Rekrutierung von
Privatpatienten aus den öffentlichen Sprechstunden, die sie noch abhalten. Diese
Überlebensstrategien der GesundheitsarbeiterInnen gefährden besonders den Zugang
zu einer geregelten Gesundheitsversorgung für diejenigen, die nicht für solche
teil- oder ganzprivatisierten Dienste aus der eigenen Tasche zahlen können, da
vielfach staatliche Kompensationsmechanismen für Bedürftige nur unzureichend
funktionieren. Auch verschärft sich die Diskrepanz in der Versorgung zwischen
den Städten und den ländlichen Gebieten, da nur in den Städten
Gesundheitsarbeiter genügend Gelegenheit zu solcher privater Praxis finden und
diese deshalb ungern verlassen.
Die Kombination aus ökonomischer Notwendigkeit und Marktideologie, nach der sich
jeder selbst der nächste ist, führt nicht nur zu einer radikalen Beschädigung
des professionellen Ethos, das einer “catch as catch can”-Haltung weicht,
sondern verstärkt auch die Entwicklung eines zweigeteilten Gesundheitssystem in
ein schäbiges öffentliches mit unmotivierten, überarbeiteten und schlechter
qualifiziertem Personal und einen Privatsektor, der qualifizierte Leistungen nur
gegen Bezahlung bereitstellt und der keine Verantwortung für die gesundheitliche
Versorgung der ökonomisch Schwachen übernimmt .
Sind dies auch Verhältnisse, wie sie hier kaum in Kürze zu erwarten sind, so
liegen ihnen doch Strategien zugrunde, die auch in unserem Gesundheitssystem
Wirkung zeigen. Die Verwandlung des Arzt-Patienten-Verhältnisses in eine
Geschäftsbeziehung nach der Logik der Dienstleistungsmärkte macht aus Patienten
Kunden, die Leistungen nachfragen und von den Anbietern (ÄrztInnen,
TherapeutInnen, Pflegende) angeboten werden.
Konsumentenkonzept –mangelnde Nachfragemacht
Gegen das Patient-als-Konsumenten-Konzept sind wichtige Einschränkungen
anzumerken: Der Informationsvorsprung der medizinischen Experten – und besonders
in seiner schichtspezifischen Wirkung - ist prinzipiell uneinholbar. Die
Nachfrage des Patienten erfolgt in der Regel unspezifisch und wird erst durch
die Fachkompetenz des Anbieters (Arztes) zu einem Angebot konkreter
Dienstleistungen. Auch ist Patient-Sein mit Ängsten, Schmerzen und
Hilfsbedürftigkeit verbunden und macht eine vertrauensvolle Haltung gegenüber
dem Helfer erforderlich, die die Rolle des “souveränen Konsumenten” schwächt.
Schließlich tendiert das Marktmodell zur Ausweitung der durchgeführten
Maßnahmen, unabhängig von ihrem Nutzen. Denn auch der Medizinbetrieb unterliegt
wie die Patienten der für Warengesellschaften verständlichen Einschätzung,
nachdem “mehr Medizin” automatisch besser für die Gesundheit ist und “teurere
Medizin” besser als “billige Medizin” ist. Somit wird auch der finanziell
gutgestellte Patient vielleicht wie ein “königlicher Kunde” bedient, aber nicht
wie ein kranker Mensch behandelt .
Wichtig bleibt daher nicht nur, die Seite der Patienten zu stärken, wie es im
Bereich der chronischen Erkrankungen durch Selbsthilfegruppen geschieht, in
denen Patienten zu Experten “in eigener Sache” werden, sondern generell ist das
Konsumentenkonzept in Frage zu stellen, weil es die Eigenleistung des Patienten
bei der Herstellung seiner eigenen Gesundheit systematisch ausblendet. Dies ist
der wesentliche Unterschied zwischen dem kranken Menschen und dem kaputten Auto,
das man in die Reparatur gibt.
Zudem verdeckt das Konsumenten-Konzept auch die soziale Schichtspezifik dieser
Abhängigkeit von den medizinischen Experten: bessere Bildung ermöglicht mehr
Handlungsspielräume gegenüber den Experten und so gewinnen Mittel- und
Oberklasse-Angehörige von Wahlmöglichkeiten nach dem Konsumentenkonzept mehr als
die die niedrigerer Schichten.
Kommerzielle Präsens über Grenzen hinweg
Verschärft wird diese Tendenz durch eine weitere Form des Handels mit
Gesundheitsdienstleistungen, der kommerziellen Präsenz von großen
Krankenhauskonzernen, die mit Joint Ventures zusätzliche private Einrichtungen
in anderen Ländern aufbauen, zum Teil um die niedrigeren Lohnkosten für einen
“Behandlungstourismus” zu nutzen, aber auch, um das kaufkräftige Segment des
jeweiligen Segmentes abzuschöpfen – cream skimming – ist der passende Ausdruck
dafür, denn mit der Konzentration auf High-tech-Medizin im Gegensatz zu
breiteren Dienstleistungen werden Ressourcen speziell auf diejenigen
konzentriert, die dafür bezahlen können. Thailand ist ein Beispiel für eine
solche Dynamik im Gesundheitsbereich. Ein interner brain drain setzte nach der
Eröffnung solcher joint venture Krankenhäuser ein, der die höher qualifizierten
Kräfte in den privaten Bereich zog und die Versorgung im öffentlichen Sektor und
besonders in den ländlichen Gebieten weiter beeinträchtigte .
Auch in Indien werden solche Joint Ventures benutzt, um kostengünstige
Behandlungen im Vergleich zu den westlichen Industriestaaten anzubieten. So
kosten dort Bypass-Operationen ein Zehntel des üblichen Preises in den USA .
Sind es auch vor allem bisher regionale Schwerpunkte, die sich in diesem
grenzüberschreitenden Handel mit Gesundheitsdiensten ausdrücken – so
verzehnfachte sich der Betrag, den Patienten aus Bangladesh in Indien für
spezialisierte Gesundheitsversorgung, zumeist für Krebs, Herz und
Nierenerkrankungen ausgaben, von 1993/94 bis 1998/99 . Eine ähnliche Rolle als
“regionale Zentren für HighTech Medizin” spielen für den Mittleren Osten spielen
Jordanien und der Libanon.
In der Tendenz sind solche Entwicklungen, die zu einer Vergrößerung der Kluft
zwischen den attraktiven Patienten, an denen sich verdienen läßt und den
lästigen Armen, deren Gesundheitsprobleme sich nicht betriebswirtschaftlich
lohnen, auch in den Strategien erkennbar, die aktuell in der Umgestaltung der
Krankenhäuser in Deutschland wirksam sind.
Krankenhausversorgung – Profitcenter
Die Kosten für die stationäre Versorgung sind der größte Einzelposten in der
gesetzlichen Krankenversicherung. Dementsprechend groß war und ist das
Interesse, hier durch verstärktes betriebswirtschaftliches Management Kosten
einzusparen. Dazu gehören auf der Tagesordnung marktliberaler Gesundheitspolitik
neben der Privatisierung von Krankenhäusern vor allem interne
Umstrukturierungen, die aus Verwaltungseinheiten, Service-Bereichen wie
Wäscherei oder Küche und klinischen Fach-Abteilungen sog. Profit-Center machen,
die im Rahmen der Krankenhausgesamtplanung eigenständig wirtschaften. Sie
orientieren ihre Angebote direkt an dem Bedarf ihrer “Kunden” und nutzen Gewinne
auch in gewissem Rahmen selbst zur Reinvestition oder Umsatzbeteiligung der
MitarbeiterInnen. Mögliche Vorteile dieser Konzepte liegen neben der größere
Transparenz und Optimierung von Abläufen innerhalb der “Profit-Center” in der
stärkeren Motivation und Eigenverantworlichkeit der MitarbeiterInnen. Diese
können ohne Zweifel zu wichtigen und längst überfälligen Verbesserungen im
Bereich der Arbeitsbedingungen und der Patienten-Freundlichkeit der Institution
Krankenhaus führen.
Dem stehen gewichtige Risiken gegenüber. Gesundheitspolitische
Zielvorstellungen, die einen “Versorgungsauftrag” formulieren, also an einer
gesicherten Krankenhausversorgung für die Bevölkerung festhalten, lassen sich
mit Profit-Center Strukturen schwerlich vereinbaren. Durch die Bildung
eigenverantwortlicher Substrukturen innerhalb des Krankenhauses (und auch durch
das neue Finanzierungsinstrument der DRGs, mit der nicht mehr
Krankenhaustagessätze von den Kassen finanziert werden, sondern festgelegte
Entgälte für standardisierte Behandlungsfälle) fallen wichtige Möglichkeiten der
Quersubventionierung weg. Schon wenige, besonders “teure” Behandlungsfälle
können die betriebswirtschaftliche Rechnung des Profitcenters aus der Bahn
werfen. Systematisch wird so eine Vermeidung der Behandlung kostenintensiver
Patienten gefördert. Schon jetzt zeigt sich die Tendenz in
betriebswirtschaftlich streng geführten Krankenhäusern, solche Patienten trotz
offiziellem Versorgungsauftrag abzuwehren. Verdeckter findet eine solche
Risikoabwehr statt, wenn bestimmte Behandlungen, die sich nicht ausreichend
standardisieren lassen, nicht mehr angeboten werden .
Medikamente für die Armen?
Ein wichtiger Teil des Gesundheitswesen ist die Arzneimittelproduktion. Auch
dieses Thema wurde in der WTO heiß debattiert, da sich die Transnationalen
Pharmamultis ihre Erfindungen und Entdeckungen (oftmals auch nur die Entwicklung
zur Marktfähigkeit oder die Vermarktung von Substanzen, die mit öffentlichen
Forschungsgeldern entwickelt wurden) mit einem 20jährigen Patentschutz weltweit
absichern lassen wollen und dabei vor allem von ihren Heimatländern, allen voran
den USA unterstützt werden. Dieses Patentrecht sichert die Profite der
Hersteller und verhindert für diesen langen Zeitraum eine effektive
Produktkonkurrenz durch die Nachahmerpräparate (Generika). Die enormen
Preisdifferenzen wurden in den beiden letzten Jahren vor allem am Beispiel der
virushemmenden Medikamente zur Behandlung von AIDS diskutiert und führten zu
einem unerwartet erfolgreichen Druck auf die Hersteller, relevante Nachlässe
zuzulassen. Dabei ist die Tatsache, dass es eine medikamentöse Therapieoption
überhaupt gibt für diese neue Gesundheitskatastrophe in den Entwicklungsländern
eher ein “glücklicher Zufall” zu nennen, wenn es sich angesichts des Ausmaßes
nicht verbieten würde, von Glück zu sprechen. Denn die meisten der
Gesundheitsprobleme der Habenichtse in diesen Ländern, soweit eine medikamentöse
Therapie sinnvoll erscheint, sind in der Logik der Pharmakonzerne, ihrer Manager
und Aktionäre im wahrsten Sinne des Wortes nichts wert, weil sie über keine
Kaufkraft verfügen, die das Engagement für neue Medikamente oder Impfstoffe
gegen Malaria, Tuberkulose oder Schlafkrankheit rentabel erscheinen lassen .
Auf der Suche nach “Block-bustern”, den großen Gewinnern im Kampf um die
Marktprozente konzentrieren sie sich auf die Probleme und Bedürfnisse der
wohlhabenden Staaten – das nächste Antidepressivum, der neueste Blutdruck- oder
Blutfettsenker, auch Viagra für Frauen ist in der Forschungspipeline. Kürzlich
fand ich die Meldung aus den Gentech-Labors, dass jetzt endlich der Genort des
männlichen Haarausfalls gefunden worden sei, so dass wir wahrscheinlich in Kürze
mit dem ultimativen Medikament gegen diese vorletzte Hürde auf dem Weg zur
ewigen Jugend rechnen können. Selbst ein Mittel gegen Heimweh von Haustieren ist
in der Entwicklung bei einem Pharmamulti.
Konkurrenz der Versicherer
Eine begrenzte Konkurrenz der gesetzlichen Krankenkassen um Versicherte wurde
1992 mit der Gesundheitsreform eingeführt, um Wirtschaftlichkeitsreserven zu
erschließen und mit zur Beitragsstabilität, mithin der Lohnnebenkosten, das
goldene Kalb der aktuellen Bundesregierung, beizutragen. Zwar wurden interne
Umverteilungsmechanismen zwischen den Versicherungen eingeführt, aber der
Wettbewerb um die “besseren Risiken” gegen die “schlechteren Risiken”, also um
diejenigen, die weniger Kosten verursachen als Beiträge zahlen, ist der
wesentliche Mechanismus, der im Wettbewerb Erfolg verspricht. Dies richtet sich
nicht nur gegen chronisch Kranke, sondern enthält eine spezifische Vergrößerung
der sozialen Gräben, weil bekanntermaßen angehörige der sog. unteren Schichten
aufgrund ihrer Lebens- und Arbeitsbedingungen stärker von Krankheit, Behinderung
und vorzeitigem Tod bedroht sind und entsprechend häufig von solchen
Entwicklungen betroffen sein werden.
Man muß nicht so weit wie nach Chile blicken, wo unter der Diktatur bereits vor
über 20 Jahren begonnen wurde, systematisch eine private Krankenkassenkonkurrenz
zur allgemeinen Sozialversicherung gemäß den wirtschaftsliberalen Vorgaben der
Chicagoer Ökonomen zu fördern. Aber in diesem Extrem wird das Prinzip besonders
deutlich:
Gezielt werben die privaten, profitorientierten Krankenversicherungen junge,
gutverdienende Kunden an, denen sie für ihre Einkommensklasse günstige
Einstiegsprämien anbieten können, während ärmere, besonders kinderreiche
Familien kaum bezahlbare Policen bei den Privaten finden und weiterhin auf die
öffentliche Grundversicherung angewiesen sind, die wie die deutsche GKV
lohnabhängige Beiträge kennt. Damit bedienen sie sich der Technik der “Rosinenpickerei”,
da sie gezielt den sozial besser gestellten Teil der Gesellschaft versorgen, der
auch im Durchschnitt geringere Erkrankungsrisiken trägt, die wie überall sozial
ungleich verteilt sind.
Aber auch die Besserverdienenden werden allzuoft durch hohe Zuzahlungsregelungen
bei schwerwiegenden und vor allem langdauernden, chronischen Krankheitsverläufen
in ihrer vermeintlichen besseren Absicherung enttäuscht. Die wenigsten
Versicherten wissen genau über ihren Versicherungsschutz Bescheid, den sie zudem
in “gesunden Zeiten” abschließen, wenn eine umfassende Einschätzung möglicher
Erkrankungssituationen für den Versicherten schwierig einzuschätzen ist.
Die von den Ökonomen erwünschte “Markttransparenz” stellt sich so nicht her, mit
der Folge, dass insbesondere mit steigendem Alter, wenn die Versicherungsprämien
auch für Besser- und Gutverdienende oft unbezahlbar werden, die Versicherten
wieder auf die öffentliche Sozialversicherung angewiesen sind, just dann, wenn
sich erfahrungsgemäß chronische Beschwerden und Erkrankungen zunehmen. So
entlastet sich die private Versicherungsbranche zusätzlich von Kosten und
schiebt die Einkommensschwächsten, die Kränkesten und Ältesten, die mit den
höchsten Gesundheitsrisiken, dem öffentlichen Sektor zu .
Die Diskussionen rund um die Reform der sozialen Sicherungssysteme in
Deutschland enthüllen ähnliche Strategien, insbesondere die Teilprivatisierung
der Rentenversicherung. Auch die Diskussionen um Rückerstattungen von
Krankenkassenbeiträge für Kostengünstige Versicherte (ähnlich wie beim
unfallfreien Autofahren) zeigen bereits die Richtung an, in die gedacht wird.
Noch ist das gesundheitspolitische Solidarprinzip – das sich der Unterstützung
einer breiten Mehrheit in den Bevölkerungen der jeweiligen Länder erfreut -
nicht aufgegeben und ermöglicht so Umverteilungen zwischen Jungen und Älteren,
Familien und Singles, Männern und Frauen, Menschen mit höheren und niedrigeren
Gesundheitsrisiken, Besser- und Schlechterverdienenden. Aber der Wettbewerb um
die “guten Risiken” findet verdeckt schon statt. Gezielt werden zusätzliche
Angebote gemacht, die neue Mitglieder anwerben sollen, die ein günstiges
Risikoprofil aufweisen. Besonders die flexible, moderne, gutverdienende und
gesundheitsbewußte Mittelschicht ist umworben. Sie wandert aus den großen Kassen
ab zu neuen, flexiblen nur noch per Telefon und Email erreichbaren “virtuellen
Betriebskrankenkassen” abwandert. Diese zeigen sich im Gegenzug für den
verringerten personalintensiven Service dann besonders großzügig bei der
Bewilligung alternativer Therapieformen wie Akupunktur und Naturheilkunde. Die
Umverteilungspotentiale werden so in den großen Kassen geringer, die bereits
durch verringerte Einnahmen infolge der hohen Zahl von Arbeitslosen belastet
sind, für die die staatlichen Stellen nur reduzierte Beiträge bezahlen.
Mit den vorliegenden Beispielen habe ich versucht darzustellen, wie durch die
Einführung von Wettbewerb, Privatisierung und Konkurrenz die Kommerzialisierung
der Gesundheitsversorgung vorangetrieben wird, und wie dadurch wichtige Ziele in
der Gesundheitspolitik, wie Solidarität und gleicher Zugang zu einer
qualitativen Gesundheitsversorgung, gefährdet werden kann. Die Profitinteressen,
die das treibende Moment hinter den Anbietern in einem kommerzialisierten System
darstellen, seien es private ÄrztInnen, Krankenhäuser, Pharmafirmen oder
Krankenkassen, nutzen nicht nur den Anbietern selbst, sondern bevorzugen auch
die, denen es schon besser geht, die sich eine bessere “Marktübersicht”
verschaffen können und die sich um ihre Gesundheit in einer gewissen Weise
kümmern können. Andere, die mehr angewiesen sind auf Umverteilungsmechanismen,
auf gesellschaftliche Solidarität in sozialen Systemen, werden systematisch
ausgeschlossen und weiter marginalisiert.
Für eine solche Orientierung auf einen gerechten, gesicherten Zugang zu
Gesundheitsdiensten und darüber hinaus auf eine Perspektive, die die sozialen
Ungleichheiten im Blick auf Krankheit und Tod verringern will, steht die
Forderung nach dem Menschenrecht auf Gesundheit. Natürlich ist mit dem Zugang
zum Gesundheitssystem noch nicht Gesundheit hergestellt. Vielfach sind es viel
grundlegendere Dinge als das Gesundheitswesen, die dazu beitragen, das Menschen
besser, gesünder und länger leben können. So banale Dinge wie gute, ausreichende
Nahrung, sauberes Wasser, sanitäre Einrichtungen, gute Wohnmöglichkeiten, ein
sicheres Einkommen, stabile soziale Beziehungen, die Abwesenheit von Krieg,
Gewalt und Ausbeutung. Für diese Perspektive stand und steht die alte Strategie
der Primären Gesundheitfürsorge – Primary Health Care – von der
Weltgesundheitsorganisation 1978 verabschiedet , und bald darauf in den meisten
Ländern unter die Räder der beginnenden marktwirtschaftlichen Orientierung der
Strukturanpassungsmaßnahmen und des neoliberalen Mißtrauens gegenüber
staatlichen Gesundheitssystemen gekommen.
Vergessen wurde es aber nicht – vor allem nicht von den Betroffenen selbst, denn
das PHC-Konzept betonte nicht nur die Verantwortung des Staates zur
Gewährleistung dieser Grundversorgung aller mit den notwendigen Diensten,
sondern stellte die aktive Beteiligung der Menschen an der Planung und
Durchführung “ihrer” Gesundheitsdienste heraus, so wie es des aktiven Beitrags
jedes einzelnen an seiner/ihrer Gesundheit selbst bedarf. Das “Recht auf
Gesundheit” entsteht aus beidem: dem formulierten Rechtsanspruch und dem
Aktivwerden der Menschen, ihn umzusetzen. Exemplarisch für diese
Gesundheitsbewegung von unten ist in den letzen Monaten besonders die
südafrikanische Treatment Action Campaign bekannt geworden, die sich aktiv für
die Rechte der AIDS-Kranken auf Behandlung einsetzt und zugleich ein treibender
Faktor in der Bekämpfung der Epidemie in diesem Land ist . Viele andere solcher
Initiativen sind seit langem aktiv – einige hat medico international
unterstützt, eine 20jährige Zusammenarbeit gibt es beispielsweise mit dem
Netzwerk Health Action International, in dem die beteiligten Gruppen und
Einzelpersonen den Focus auf die Arzneimittelversorgung gelegt haben als ein
wichtiger Baustein des PHC-Konzeptes. Die kritische Beobachtung der
Medikamentenhersteller und der lokalen und internationalen Pharmageschäfte
gehört ebenso dazu wie die Förderung des sinnvollen Einsatzes der bunten Pillen
durch die VerschreiberInnen und der AnwenderInnen .
Die Idee einer ganzen Weltgesundheitsversammlung von unten, wie sie schon lange
von den GesundheitsaktivistInnen geplant war als Gegenstück zur jährlich
stattfindenden Weltgesundheitsversammlung der staatlichen VertreterInnen, konnte
im letzten Dezember in Bangladesch verwirklicht werden, nachdem ein ganzes Jahr
lang Aktivitäten zur Vorbereitung in allen Teilen der Welt stattgefunden hatten.
Die dabei vertieften Kontakte werden in den jeweiligen Kontinenten fortgeführt .
Wenn Gesundheit für alle mit Solidarität, Umverteilung und gemeinsamen
Engagement zusammenhängt, dann ist das Marktmodell vielleicht wirklich nicht die
beste aller möglichen Lösungen dafür. Welche anderen möglich wären und dafür in
Frage kommen, sollten wir nicht Experten überlassen – wie die People’s Health
Assembly sagte, ist es wichtig, von Opfern zu Protagonisten zu werden .
*Andreas Wulf arbeitet für medico international. Der Text basiert auf
einem Vortrag, den Andreas Wulf am 08. November 2001 im Club Voltaire in
Frankfurt/M gehalten hat.
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