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Gesundheit für alle – Hintergrund
Gesundheit und AIDS im Südlichen Afrika
Die angekündigte Katastrophe findet statt – Die Immunschwäche Krankheit AIDS
ist vor allem in den Ländern des Afrikanischen Kontinents südlich der Sahara zur
bedrohlichsten Erkrankung für Erwachsene geworden und droht ganze Familien,
Dörfer, Stadtsiedlungen und Landstriche zu entvölkern.
Einen Überblick gibt Dr. Andreas Wulf (medico international, Frankfurt)
Das Mosambikanische Gesundheitsministerium schätzt, dass im Jahr 2002 ca.
65.000 MosambikanerInnen an den Folgen von AIDS gestorben sind, im Jahr davor
waren es 45.000 gemeldete Todesfälle, die Hälfte bis zwei Drittel davon in der
Zentralregion Mosambiks. UNAIDS schätzt die Zahl der MosambikanerInnen, die mit
dem HI-Virus infiziert sind, auf 1 Million der ca. 18,6 Millionen Menschen in
diesem Land, in den Altersgruppen von 20 bis 40 Jahren sind das vermutlich jedeR
Fünfte bis Vierte. Jeden Tag infizieren sich schätzungsweise 500 Menschen neu
mit HIV .
Die sozialen und persönlichen Dimensionen dieser Zahlen sind wie bei allen
Statistiken schwer zu erfassen, aber um allein die Größenordnung zu
verdeutlichen, nenne ich zum Vergleich die Zahlen aus Deutschland: Bei uns leben
derzeit etwa 40.000 Menschen mit dem Virus. Schätzungsweise 2.000 Menschen haben
sich im Jahr 2001 neu infiziert, 600 starben in dem Jahr an den Folgen der
Immunschwäche . Die Häufigkeit der Infektion in unserer Bevölkerung lag damit
bei unter 0,1%, im Gegensatz zu 12,5% in Mosambik um selben Jahr.
Es ließen sich noch viele Schreckenszahlen berichten: Projektionen der
Bevölkerungsentwicklung, der wirtschaftlichen Verluste durch den Tod gerade der
jungen Erwachsenen, der ökonomisch produktiven Altersjahrgänge und die
verheerenden Folgen für die Kinder, deren Eltern sterben.
Allgemeine Gesundheitsbedingungen
Zunächst soll jedoch von den allgemeinen Gesundheitsbedingungen in den
Ländern des südlichen Afrika die Rede sein und einen Eindruck von den
zusätzlichen, altbekannten und weiterhin ungelösten Gesundheitsproblemen
vermittelt werden, zu denen die neue Epidemie hinzutritt und sie oftmals in
ihrer Dramatik verschärft. Erst vor einem solchen Hintergrund werden auch die
Schwierigkeiten verständlicher, die einer Bekämpfung der Epidemie im Wege
stehen.
Gesundheit - diese alte Erkenntnis der sozialen Medizin soll hier einleitend
betont werden – ist erst in zweiter Linie ein „Produkt“ des Gesundheitswesens,
so wichtig dieses im Falle der Krankheit auch ist. In erster Linie sind es
allgemeine Lebensbedingungen, die uns gesund bleiben lassen – gute, ausreichende
Ernährung, sauberes Wasser, Abfall- und Abwasserentsorgung, ein ordentliches
Dach überm Kopf, Zugang zu Bildung, Ausbildung und Einkommen, die Abwesenheit
von Gewalt und Krieg und auch von Diskriminierung und Ausgrenzung, verlässliche
soziale und persönliche Beziehungen. Was banal erscheint, beschreibt doch die
fundamentalen Hindernisse, die in allen Ländern des südlichen Afrika wesentlich
das „Recht auf Gesundheit“ , behindern.
Ursachen dafür sind in der Geschichte leicht zu finden: Der jahrzehntelange
Bürgerkrieg in Angola, die rassistische und ungleiche Ressourcenverteilung in
den Apartheidstaaten Namibia und Südafrika, die weltweite Verschuldungskrise,
die die kostenfreien öffentlichen Schul- und Gesundheitsdienste unter dem Diktat
der neoliberalen Haushaltssanierung zerschlug, nicht vollzogene Landreformen,
die die Lebensgrundlagen der ländlichen Bevölkerung auch nach dem Ende der
Kolonial- und Apartheid Regime weiter im prekären Subsistenz-Elend ließen. Sie
alle haben die Staaten des Südlichen Afrika im Index der menschlichen
Entwicklung auf die hinteren Ränge verwiesen. Dort liegen Südafrika auf Rang 107
und Mosambik auf Rang 170 von 174 aufgelisteten Staaten der Welt.
Entsprechend verbreitet sind die Gesundheitsprobleme, die als Krankheiten der
Armut und Unterentwicklung bekannt sind:
- Die Kindersterblichkeit erreicht in Mosambik 20%, d.h. von 1.000 geborenen
Kindern sterben 200 bevor sie 5 Jahre alt sind .
- Die Müttersterblichkeit lag Mitte der 90er Jahre zwischen 350 pro 100.000
Lebendgeburten in Südafrika und 1.500 in Angola.
- Mangel- und Unterernährung betreffen ein Drittel aller Kinder im südlichen
Afrika.
- Die Eiweißversorgung hat sich im Laufe er 90er Jahre in Zimbabwe, Kenia,
Uganda, Sambia und Malawi sogar noch um 15% verschlechtert, was die
Bedrohlichkeit von und Anfälligkeit für Infektionskrankheiten massiv erhöht.
- Die Sterblichkeit an Malaria, die besonders in Angola, Malawi, Sambia,
Zimbabwe und Mosambik für bis zu einem Viertel aller Todesfälle von
Kleinkindern verantwortlich ist, wird durch Mangelernährung stark gefördert.
- Atemwegserkrankungen und Masern, die zu den häufigsten Todesursachen
kleiner Kinder im Südlichen Afrika zählen, können ihre tödliche Wirkung vor
allem im Zusammenspiel mit Mangelernährung entfalten.
Auch bei der Tuberkulose ist das Zusammenspiel der spezifischen Krankheit mit
den allgemeinen Lebensbedingungen gut bekannt. Die hohen und weiterhin
steigenden Zahlen besonders in Südafrika, Mosambik und Zimbabwe haben allerdings
nicht nur ihre Ursache in unzureichenden Wohn- und Lebensbedingungen , sondern
wird wesentlich durch die immunschwächende Wirkung des HI-Virus gefördert (man
schätzt bis zu 65% aller Fälle).
Mangelnde Versorgung mit sauberem Trinkwasser und sicheren Abwassersystemen
macht vor allem die Bekämpfung von Durchfallerkrankungen und Darmparasiten zu
einer nie endenden Sisyphos-Arbeit und führte in Südafrika in den Jahren
2000-2001 zur schlimmsten Cholera-Epidemie aller Zeiten mit über 115.000
Erkrankungen und über 200 Todesfällen .
Die finanzielle Seite der Gesundheitsversorgung
Diese krankmachenden Lebenswirklichkeiten werden im Südlichen Afrika durch
die Unzulänglichkeiten von Gesundheitssystemen verschärft, die den Bedürfnissen
der Menschen aus vielerlei Gründen nicht gerecht werden. In den ärmsten Ländern
wie Malawi und Mosambik stehen jährlich pro Kopf nicht mehr als 5 US$ für
öffentliche Gesundheitsausgaben zur Verfügung. Damit ist selbst ein
„Minimalpaket“ der notwendigen Gesundheitsdienste, das die Commission on
Macroeconomics der WHO im letzten Jahr mit 30-40 US$/Kopf berechnet hat, nicht
aus eigener Kraft finanzierbar.
Unter dem Druck der Schuldenkrise wurden besonders in den 80er Jahre die
staatlichen Ausgaben für die Gesundheitsdienste massiv abgebaut – in Sambia
halbierte sich in dieser Dekade die staatlichen Gesundheitsausgaben . Aber auch
in den „Middle-Income-Ländern“ Südafrika, Namibia und Botswana, wo zwischen 130
(Botswana) und 250 US$ (Südafrika) aufgebracht werden, ist eine sicherer Zugang
zur Gesundheitsversorgung oft nicht gewährleistet .
So kommen in der Western Cape Provinz in Südafrika auf einen Arzt 650
EinwohnerInnen, in ländlichen Gebieten des Eastern Cape sind es bis zu 30.000
EinwohnerInnen. Die mangelnde Versorgung besonders des öffentlichen
Gesundheitssektors vor allem der ländlichen Gebiete mit Fachkräften wird durch
die massive Abwanderung in Staaten mit besseren Einkommens- und
Karrieremöglichkeiten wie Australien, Kanada, Großbritannien und die USA noch
verschärft. Ein Drittel bis die Hälfte der Absolventen der südafrikanischen
Medical Schools verlassen kurz nach dem Examen das Land. Zu diesem externen
Brain-Drain kommt die interne Abwanderung von qualifiziertem Personal vom
unterbezahlten und schlecht ausgestatteten öffentlichen Sektor in private
Kliniken und Krankenhäuser – eine qualifizierte Versorgung ist durch die
zumindest nominell für die Ärmsten noch kostenlosen staatlichen
Gesundheitseinrichtungen oft nicht mehr möglich. Diese Zwei-Klassen-Medizin wird
durch die markt- und wettbewerbswirtschaftlichen Konzepte der mächtigen
Institutionen Weltwährungsfonds und Welthandelsorganisation gefördert (in der
Weltbank sind skeptischere Stimmen zumindest hörbar). Anstatt das
Gesundheitswesen auf solidarische Sicherung auszubauen, betrachten sie es in
erster Linie als Dienstleistungsmarkt, in dem nur die kaufkräftigen Kunden
bedient werden.
AIDS im Südlichen Afrika
Erst vor diesem Hintergrund wird einiges von der besonderen Dynamik und
Dramatik der afrikanischen HIV/AIDS-Epidemie verständlich, die sich dort so
massiv ausbreiten konnte wie bisher sonst nirgendwo.
Zu den schon eingangs erwähnten Zahlen gebe ich noch ein paar besonders
dramatische Ausblicke: Die Lebenserwartung der Menschen in den Ländern des
südlichen Afrika wird wahrscheinlich noch deutlicher sinken, als sie es seit
Mitte der 90er Jahre bereits tut – erst in den letzten zwei bis drei Jahren
haben auch die AIDS-Todesfälle dazu beitragen. Dies wird sich weiter
verschärfen, Prognosen deuten auf unter 40 Jahre für die am stärksten
betroffenen Länder wie Botswana und Zimbabwe. Für die heute 15 jährigen wird die
Wahrscheinlichkeit, an AIDS zu sterben auf 80 % vorhergesagt.
Die dramatischen Folgen aus diesen Prognosen werden jetzt schon punktuell
sichtbar: Die „Breadwinner“ der Familien werden krank und sterben. Die Familien
verlieren nicht nur die geliebten Menschen, sondern erschöpfen ihre Ersparnisse
für Medikamente und Pflege. Die Subsistenzwirktschaft kommt zum Erliegen. Kinder
müssen von ihren Großeltern oder anderen Verwandten aufgenommen werden oder
schlagen sich allein als Kinder-Haushalte durch.
Auch Firmen und Unternehmen in diesen Ländern bemerken die Folgen der Epidemie –
Mitarbeiter werden krank, sterben oder müssen immer häufiger zu Beerdigungen von
Angehörigen. Die größten begannen bereits vor einigen Jahren mit eigenen
Aufklärungsprogrammen. Jetzt sind sie auch oft bereit, medizinische Versorgung
für ihre Mitarbeiter und Familien zu übernehmen, weil das günstiger ist, ihre
Fachkräfte durch AIDS zu verlieren.
Als zumeist sexuell übertragene Krankheit unterliegt AIDS zudem
traditionellen und modernen moralischen Tabus und Ausgrenzungen. Das spüren
nicht nur die Betroffenen, denen oft die überlebenswichtige Solidarität der
Gemeinschaften und mitunter auch der Familien entzogen wird, sondern es
erschwert auch die Aufklärung und das Finden von Strategien zur Bekämpfung der
Epidemie.
Die Ursachen für die enorme Ausbreitung des Virus besonders in den
afrikanischen Ländern ist zweifellos auch ein komplexes Geflecht aus
gesellschaftlichen und individuellen Bedingungen: die aus Kolonialismus und
Apartheid geformten Wege der Wanderarbeit und der globalisierten Warenproduktion
nimmt das Virus als Wege des geringsten Widerstandes – zerrissene soziale
Beziehungen, Armutsprostitution, Massenunterkünfte, einsame Überlandtransporte
sowie in Alkohol ertränkte Perspektivlosigkeit sind hochgradig resistent gegen
einfache Aufklärungsbotschaften und bunte Werbetafeln.
Wo sich solch strukturelle Gewalt in soziale Gewalt – und besonders häufig
gegen Frauen als das „schwache Geschlecht“ in Vergewaltigungen auf dem Schulhof
oder erzwungene oder „freiwillige“ Liebesdienste zur Sicherung des
Familieneinkommens – umschlägt, werden die Botschaften der sexuellen
Zurückhaltung und Selbstkontrolle oft zu hohlen Worthülsen, die den Opfern noch
die Schuld geben, sich nicht entsprechend geschützt zu haben. Und wo gesicherte
Lebensperspektiven nicht über die nächsten Wochen oder Monate hinausreichen,
sind die intimen Beziehungen oft eine letzte Quelle der emotionalen Stärkung,
gegen die die Verhütung einer in der Ferne liegenden Krankheit in dem Moment
kaum wiegt.
Sowenig die „Armut“ als alleinige Ursache der Immunschwäche zu sehen ist
(schon der Verweis auf Botswana als resourcenreiches „Middle-income-Country“ mit
horrenden Infektionszahlen von bis zu 40% der erwachsenen Bevölkerung macht dies
deutlich), so wichtig ist die Berücksichtigung des sozialen und
gesellschaftlichen Kontextes, in dem diese Katastrophe stattfindet. Wenn die
Präventionskonzepte nicht in weitergehende Perspektiven für die Menschen und
Gesellschaften des südlichen Afrika integriert werden, wenn gesellschaftlicher
Reichtum immer ungleicher verteilt wird und damit mehr Menschen von den
„Entwicklungsversprechen“ abgekoppelt werden, wenn auch das „Zurück zur
Subsistenz“ nur eine unrealistische Phantasie von Traditionalisten ist, dann
führt die ausschließliche Forderung nach Prävention, zum Ausschluss der schon
Infizierten, die als „Sicherheitsrisiko“ bezeichnet, nur noch - home based care
versorgt - sterben dürfen.
Dagegen wehren sich mit zunehmender Vehemenz die Betroffenen selbst und darin
liegt meines Erachtens die besondere Wichtigkeit dieser Bewegungen, die nicht
nur in Südafrika für Behandlungsoptionen kämpfen: natürlich sind diese Optionen
unter den herrschenden Bedingungen für die allermeisten Infizierten nur eine
ferne, wahrscheinlich für sie selbst unerreichbare Möglichkeit – aber diese
Möglichkeit hält am Recht der Menschen, soviel Zukunft wie möglich zu haben,
fest und nicht nur soviel, wie er dafür individuell bezahlen kann.
Darin liegt ein Kern von Widerstand, der den düsteren Prognosen der
AIDS-Epidemiologen etwas entgegensetzt: einen Überlebenswillen, der nicht nur
für das individuelle Überleben, sondern auch für eine gerechte Teilhabe an den
Ressourcen, der eigenen Gesellschaft, so wie der ganzen Welt streitet.
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