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Gäbe es Gerechtigkeit,
würde kein einziger Mensch
an einer der vielen Krankheiten sterben,
die für die einen heilbar sind,
für die anderen nicht.
José Saramago,
portugiesischer Schriftsteller und Nobelpreisträger,
Porto Alegre, am 5. Februar 2002
Jahrzehnte der Verelendung
Infolge der Abkopplung wachsender Regionen des Weltmarkts von dessen
ökonomischer Wachstums-Dynamik kam es in weiten Teilen des globalen Südens
binnen zweier Jahrzehnte zu einer tiefgreifenden Verelendung und
Desintegration ganzer Gesellschaften und zu einer Massenmigration von
mittlerweile 150 Millionen Menschen – drei Prozent der Weltbevölkerung und
30 Millionen mehr als noch 1990. Neben der wachsenden Zahl von Kriegen und
der allgegenwärtigen Armut gehört die fortschreitende Verwüstung der
natürlichen Umwelt zu den Fluchtgründen. So zwangen Bodenerosionen, Dürre,
Überschwemmungen, Abholzungen und Erdbeben allein 1998 über 25 Millionen
„Umwelt-Flüchtlinge“ von ihrem Grund und Boden in die überfüllten Slums
schnell wachsender Städte. (IKRK 1999)
Absolute Armut
Nach Schätzungen des Genfer UNO-Sozialgipfels des Jahres 2000 leben
mittlerweile mehr als 1,2 Milliarden Menschen in „absoluter Armut“, d.h. sie
müssen täglich mit weniger als einem Dollar auskommen. In Sub-Sahara-Afrika
sind dies 290 Millionen Menschen – fast die Hälfte der Gesamtbevölkerung.
Das durchschnittliche Pro-Kopf-Jahreseinkommen liegt dort bei 316 US-Dollar,
es ist das niedrigste der Welt und deutlich unter dem in den 60er Jahren
bereits erreichten Niveau. Die Kluft zwischen den Besitzenden und
Besitzlosen wird größer statt kleiner: Verfügten 1960 das reichste Fünftel
der Weltbevölkerung über 30 mal mehr Vermögen als das ärmste Fünftel, so ist
das Verhältnis heute auf 1 zu 74 gestiegen. Diese Kluft existiert nicht nur
zwischen den Ländern, sondern auch innerhalb: In den Lateinamerikanischen
Ländern konzentrieren sich 40% des Bruttosozialprodukts in der Hand von 1%
der Bevölkerung.
Insgesamt liegt der Anteil der ärmsten 20% der Weltbevölkerung an
Produktion, Auslandsinvestitionen, Export und Kommunikation mittlerweile bei
unter 1%, während der Anteil der reichsten 20% der Weltbevölkerung bei
70-90% liegt.
Verschuldung
Ein wesentlicher Grund für diese Entwicklung liegt in der zunehmenden
Verschuldung der Entwicklungsstaaten gegenüber staatlichen und privaten
Akteuren des globalen Nordens. Die Schuldenlast ist von weniger als 100
Milliarden Dollar im Jahr 1970 auf über 2.465 Milliarden Dollar im Jahr 1998
angestiegen. Da der Schuldendienst oftmals zwischen 30% und 50% ihrer
Staatsbudgets frisst, sind die Entwicklungsstaaten fortlaufend auf neue
Kredite angewiesen, wenn sie ein Minimum an Handlungs- und
Planungssouveränität bewahren wollen. Die internationalen Kreditgeber wie
Internationaler Währungsfond und Weltbank zwangen ihnen aber damit die
neoliberalen „Strukturanpassungsprogramme” auf, die neben der Export- und
Devisenorientierung der Ökonomie gerade die Ausgabensenkung für Bildung und
Gesundheit vorschrieben. In den 37 ärmsten Ländern wurden die pro Kopf
Ausgaben für Gesundheit in den 1980er um 50% reduziert. Und heute geben die
40 ärmsten Länder jährlich 10 US-$ pro Kopf für Gesundheit aus, während sie
zugleich 25 US-$ pro Kopf für den Schuldendienst an den Norden zahlen.
...auf Leben und Tod
Diese Entwicklung findet ihre statistische Konkretion in der
durchschnittlichen Lebenserwartung. Während sie zwischen 1950 und 1980
weltweit von 46 auf 65 Jahre anstieg, verlangsamte sich dieser Trend in den
folgenden Jahren besonders in den verarmten afrikanischen Ländern und kehrt
sich sogar in den letzten Jahren um: In Botswana und Zimbabwe sank die
durchschnittliche Lebenserwartung in den 90er Jahren bis heute von etwa 60
auf 45 –50 Jahren. Die Kluft zwischen den europäischen Ländern und
Entwicklungsländern stieg auch hier drastisch an: War die Wahrscheinlichkeit
eines Kindes vor seinem 5. Geburtstag zu sterben 1950 in den
Entwicklungsländern 3,4 mal so hoch wie in Europa, so erhöhte sich der
Unterschied 1990 auf das 8,8-fache. In 8 Ländern der ehemaligen Sowjetunion
und Osteuropas führten massive Verarmung und Abbau des öffentlichen
Gesundheitswesens in Folge des Zusammenbruchs der sozialistischen Staaten zu
einem Rückgang der Lebenserwartung.
Gesundheitsfakten... Erfolge und Rückschläge
Die Zahl der jährlichen Todesfälle von Kleinkindern konnte durch die
Interventionen der Basisgesundheitsdienste – besonders Impfungen – deutlich
reduziert werden, von 17 Mio. auf 12 Mio. weltweit – trotzdem sterben noch
jedes Jahr 2,1 Millionen Kinder an Lungenentzündung, 2 Millionen an
Durchfall und 1,1 Millionen an Masern – klassische Armutskrankheiten, die
durch bessere Lebensbedingungen überwiegend vermeidbar wären. So haben immer
noch mehr als 2 Mrd. Menschen keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser, 3 Mrd.
keine ausreichenden sanitären Einrichtungen und ein Drittel der
Weltbevölkerung keine sichere Versorgung mit den notwendigsten Medikamenten.
(WHO)
Impfungen
Die Impfraten von Kindern mit den wichtigsten 6 Basisimpfungen stiegen
von 1980 bis 1990 von 20% auf über 70% weltweit. Diese beeindruckenden
Erfolge konnten allerdings nicht konsequent weiter fortgesetzt werden, die
Impfraten stagnierten bereits in der ersten Hälfte der 90er Jahre und
begannen sogar gegen Ende des Jahrzehnts in den meisten Regionen der Welt
wieder zu sinken, weil die Leistungen der Gesundheitsdienste unter den
finanziellen Restriktionen massiv litten. Das Wiederauftauchen von
Diphtherie in den Nachfolgestaaten der Sowjetunion in den 90er Jahren ist
eine der deutlichsten Zeichen für diese Schwäche. Besonders die ärmsten und
am schwierigsten zu erreichenden Gruppen profitieren am wenigsten von den
Impfungen.
HIV/AIDS
In Südafrika sind fast 5 Millionen Menschen HIV-infiziert, jeder fünfte
Erwachsene zwischen 15 und 50 Jahren. Die teuren Untersuchungen und
Medikamente, die die tödliche Erkrankung aufhalten können, stehen dort wie
in den meisten Ländern des Südens höchstens 5% der Betroffenen zur
Verfügung. Konkret: in Sub-Sahara-Afrika erhalten von ca. 30 Millionen
Infizierten nur 50.000 eine antiretrovirale Behandlung. Dem entspricht, dass
allein im Jahr 2002 schätzungsweise 2,4 Mio. Menschen an AIDS starben. Zum
Vergleich: in den westlichen Industriestaaten werden von 1,5 Mio. HIV
Infizierten/AIDS-Kranken ca. 500.000 kontinuierlich mit antiretroviralen
Medikamenten behandelt. Die Sterblichkeitsrate konnte dadurch entscheidend
gesenkt werden: im Jahr 2002 starben dort nur noch ca. 25.000 Menschen an
den Folgen von AIDS. Durch den Einsatz von Betroffenen und UnterstützerInnen
gerieten die Pharmafirmen wegen ihrer „tödlichen Preise“ und der
Verteidigung ihrer Patentrechte allerdings massiv unter Druck. Qualitativ
hochwertige Nachahmer-Produkte aus Ländern wie Brasilien, Argentinien,
Indien oder Thailand können die Therapiepreise um mehr als 95% senken. (UNAIDS)
Die 10 / 90 Lücke
70 Mrd. US-$ werden im Gesundheitssektor jährlich für Forschung und
Entwicklung ausgegeben – nur 10% davon für Gesundheitsprobleme von 90% der
Weltbevölkerung. Priorität kommt den Problemen des Übergewichts, der
Schlafstörung und der Impotenz zu, nur ein Bruchteil der dafür aufgewendeten
Mittel wird in die Forschungen zu Malaria, Tuberkulose oder Schlafkrankheit
investiert – wenn überhaupt. Am drastischsten zeigt sich dies bei der
Arzneimittelforschung – von knapp 1400 neuen Substanzen, die zwischen 1975
und heute als Medikamente entwickelt wurden, verbesserten nur 13 die
Behandlung von Tropenkrankheiten oder Tuberkulose.
Zugang zu sozialer Sicherung: USA
Während der Gesundheitssektor mit jährlichen Ausgaben von rund einer
Billion US-$ der größte Wirtschaftsfaktor der USA ist, sind 41,2 Mio.
US-AmerikanerInnen (2001) nicht krankenversichert – weil sie es sich nicht
leisten können. Deshalb sind im „reichsten“ Land der Welt 16% der
Bevölkerung nicht gegen Krankheit und Unfall abgesichert, Millionen andere
gelten als unterversichert, und das, obwohl die Gesundheitsausgaben in den
USA pro Kopf fast doppelt so hoch sind wie beispielsweise in Österreich.
Eine allgemeine öffentliche Krankenversicherung gibt es nicht, nur für ganz
arme (Medicaid) und alte Menschen (Medicare) besteht diese Möglichkeit.
Private Versicherungen sind oft einfach zu teuer.
Zugang zu sozialer Sicherung: Lateinamerika
In den Ländern des Südens fällt natürlich auch dieses Missverhältnis
dramatischer aus. So versorgen beispielsweise in Bolivien, Ecuador,, El
Salvador, Guatemala und Honduras Öffentliche Krankenkassen weniger als 20%
der Bevölkerung. Paradebeispiel für eine gezielte Zerstörung des
öffentlichen, solidarischen Gesundheitssystems ist und bleibt Chile, das
Laborland des flächendeckend angewendeten Neoliberalismus. In den 70er
Jahren wurden unter der Diktatur Pinochets die Beiträge des Staates und der
ArbeitgeberInnen radikal gekürzt, der Wechsel zu Privatversicherungen massiv
gefördert. Heutzutage müssen die PatientInnen mehr als 80% der
Gesundheitsausgaben selbst tragen, 1974 waren es nur 19%. Außerdem hat sich
die Anzahl der Beschäftigten im öffentlichen Gesundheitssystem halbiert,
ihre Reallöhne sind gefallen. 70% der Bevölkerung können sich die Prämien
bei den privaten Versicherungen nicht leisten.
Zugang zu sozialer Sicherung: VR China
China gilt jedenfalls in ökonomischer Hinsicht als außerordentlich
reformwilliges Land. Tatsächlich haben die ökonomischen Reformen die soziale
Ungleichheit auch beim Zugang zur Gesundheitsversorgung drastisch
verschärft. Die ländliche Bevölkerung verfügte Ende der 90er Jahre praktisch
über gar keine Gesundheitsversicherung mehr, sondern muss – ebenso wie die
arme Stadtbevölkerung – die Gesundheitsversorgung aus eigener Tasche zahlen.
Die Folge ist eine zunehmende Tendenz zur Selbstbehandlung mit Medikamenten
ohne ausreichende medizinische Betreuung.
Zugang zu sozialer Sicherung: Russische Föderation
Massiven „Reformen“ waren und sind auch die Nachfolgestaaten der
Sowjetunion ausgesetzt. Der Niedergang des staatlichen Gesundheitssystems
etwa der Russischen Föderation zeigt sich denn auch an den unzureichenden
Heilungsraten, die mit 68% deutlich unterhalb der Ziele der
Weltgesundheitsorganisation (85%) liegen. Die Zahl der Tuberkulosefälle hat
sich in den 90er Jahren auf 137 pro 100.000 Einwohner mehr als verdoppelt.
Unzureichende Behandlungen verstärken das Problem der Resistenzbildungen der
Tuberkuloseerreger, die vor allem in den Gefängnissen des Landes massiv
zugenommen hat. Auch die Wiederkehr von Keuchhusten (in den 90er Jahren bis
zu 30.000 Fälle jährlich) und anderen durch Impfungen vermeidbare
Infektionskrankheiten deutet auf die mangelhafte medizinische Versorgung
hin.
Zugang zu sozialer Sicherung: noch einmal Südafrika
60% der Gesundheitsausgaben in Südafrika werden im privaten Sektor
getätigt, der kaum 20% der Bevölkerung versorgt, das wohlhabende Fünftel der
Gesellschaft – mit den restlichen 40% werden die öffentlichen
Gesundheitsdienste finanziert, die für 80% der Bevölkerung zuständig sind
Und zum Schluss...
Auf den Philippinen sind bereits 49% der Spitalbetten in privaten Händen.
Die Preise können sich nur rund 10% der Filipinos leisten. Nach Protesten
wurde zwar ein Versicherungssystem eingeführt, dieses deckt jedoch nur 38%
der Bevölkerung ab. Die philippinische Regierung wendet nur noch 2,6% des
Budgets für die Gesundheitsversorgung auf gegenüber 28,4% für den
Schuldendienst. Nicht zuletzt durch den Schuldendienst und die sinkende
Entwicklungshilfe ist kein Geld für nötige Investitionen in das öffentliche
Gesundheitssystem vorhanden. Das wirkt sich auch auf die Beschäftigten aus,
die Gehälter im öffentlichen Dienst reichen kaum zum Leben. Die Folge sind
Migration in die reichen Länder oder Abwanderung in den
privatwirtschaftlichen Sektor im eigenen Land. Das gilt für auch für viele
andere Länder des Südens. So sind z.B. laut einem WTO-Bericht in Jamaika 50%
der Stellen von Krankenschwestern unbesetzt, weil die Jamaikanerinnen in den
Krankenhäusern der USA arbeiten.
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