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Ausgangsbedingungen waren 350 Jahre Kolonialismus und ein rassistisch
organisiertes kapitalistisches System, das 46 Jahre lang die Spaltung der
Gesellschaft im Interesse einer weißen Minderheit festschrieb. Anfang der
90er Jahre war dieses System der 'Apartheid' aufgrund massiven Widerstands,
internationaler Isolierung und ökonomischer Stagnation so unter Druck
geraten, dass die weiße Regierung mit dem ANC Verhandlungen aufnahm.
In zähen Runden zwischen 1990 und 1993 wurde der politische Kompromiss
geschmiedet, der den Übergang zur Demokratie ermöglichte. Doch bestimmte
Bedingungen hatte sich das alte Regime vorbehalten: keine Änderung der
Eigentumsrechte, keine Entlassung Staatsbediensteter, Amnestie für
Menschenrechtsverbrechen während der Apartheid.
1994 gab es die ersten demokratischen Wahlen, aus denen der ANC in
politischer Allianz mit den Gewerkschaften und der Kommunistischen Partei
als überwältigender Sieger hervorging. Nelson Mandela wurde erster schwarzer
Präsident, Thabo Mbeki folgte ihm fünf Jahre später.
Die neue Verfassung trat 1996 in Kraft. Sie verankert nicht nur bürgerliche
und politische sondern auch wirtschaftliche und soziale Menschenrechte, wie
das Recht auf Gesundheit, Bildung und Wohnen. Zu ihrem Schutz wurden
zahlreiche Institutionen und Richtlinien geschaffen, ein nationaler
Aktionsplan leitet die Umsetzung in den verschiedenen Sektoren. So wird
versucht, die Apartheidstrukturen zu überwinden und beispielsweise das
Bildungs- und Gesundheitssystem für alle zu öffnen. Die HIV/AIDS Epidemie
stellt dabei eine riesige zusätzliche Herausforderung dar.
Aus der
Amnestievorgabe entwickelte sich die Wahrheits- und Versöhnungskommission,
die einen einzigartigen Prozess in die Wege leitete. Sie bot den
Apartheidopfern eine öffentliche Plattform und den Tätern nur gegen
Offenlegung der Wahrheit Amnestie. Von 1995 bis 1998 wurden 20 000
Zeugenaussagen und 7000 Amnestieanträge entgegengenommen, in allen Medien
gab es ausführlich und regelmäßig Berichte über die Anhörungen. Auf diese
Weise wurde allen Südafrikanern der Gewaltcharakter des Apartheidregimes
sichtbar gemacht und die Fiktion eines "zivilisierten" Systems zerstört.
Damit trug die Kommission zur Schaffung einer nationalen Identität und zur
Bannung der Gewalt bei.
Ausgespart blieb dabei eine Auseinandersetzung mit der Rolle der vormals
privilegierten weißen Minderheit: Fragen nach der Ressourcenverteilung, nach
den Nutznießern und den ökonomischen Folgen der Apartheid wurden nicht
nachdrücklich gestellt. Die Opfer bekamen erst nach hartnäckigen,
langjährigen Kämpfen bescheidene Entschädigungen in Aussicht gestellt.
Internationale Profiteure des Systems wie Banken und Unternehmen wurden nie
zur Rechenschaft gezogen. "In mancherlei Hinsicht war die
Wahrheitskommission auch eine bequeme Abkürzung, man hatte ein öffentliches
Bild Vergangenheit und musste sich nicht mit der eigenen Komplizenschaft
beschäftigen,” kommentiert Graeme Simpson, der Direktor des Centre for the
Study of Violence and Reconciliation.
Die sozialen und ökonomischen Folgen der Apartheid sind die eigentlichen
Herausforderungen für die neue Demokratie. 1995 lebten nach offiziellen
Statistiken 48 Prozent der Bevölkerung unter der Armutsgrenze – die
allermeisten davon gehören zur schwarzen Bevölkerungsmehrheit. 1994 führte
die neue Regierung ein umfassendes Entwicklungsprogramm ein, das RDP (Reconstruction
and Development Programme), das sich einem Wachstum durch Umverteilung
verpflichtet sah und wachsende öffentliche Programme plante. 1996 wurde
dieses Programm durch GEAR (Growth, Employment and Redistribution) ersetzt,
einem selbstauferlegten Strukturanpassungsprogramm neoliberaler Ausrichtung,
das über Ausgabenbegrenzung, Privatisierung von Dienstleistungen und
Liberalisierung von Handelsbeziehungen ein marktgesteuertes Wachstum fördern
wollte. Bis heute gibt es heftige Debatten darüber, was die Regierung
veranlasst hat, diese Wende vorzunehmen und welche Folgen sie hat. Die
selbstgesteckten Ziele konnte GEAR jedenfalls bisher nicht einhalten. Trotz
moderaten Wirtschaftswachstums gab es keinen Zuwachs an Arbeitsplätzen, im
Gegenteil gingen durch die Integration Südafrikas in die globalisierte
Ökonomie fast eine halbe Million Arbeitsplätze verloren. Die
Privatisierungspolitik und die engen Budgetvorgaben haben zudem die Schere
zwischen privatem und öffentlichem Sektor vergrößert und große Proteste wie
zum Beispiel beim Umbau der Wasserversorgung provoziert. Die Einführung
einer Regelung zur Kostendeckung, nach der Wasser nur gegen Zahlung über
Chipkarten abgegeben werden sollte, führte zu Boykotten, Gewaltausbrüchen
und Anfang 2002 zu einem größeren Choleraepidemie, weil die Menschen das
saubere Wasser nicht bezahlen konnten. Die Verwaltung musste dieses System
wieder zurücknehmen und stellte eine Grundversorgung frei.
Südafrika gehört neben Brasilien zu den Ländern mit den extremsten
Einkommensunterschieden und die Bestverdiener sind weiterhin weiße Männer.
Zwar hat die Black Empowerment Politik einen Einbruch in diese Domäne
geschaffen und einer kleinen schwarzen Elite einen rasanten Aufstieg
ermöglicht, aber die Kluft zwischen Armen (Schwarzen) und Reichen (Weißen)
ist sogar gewachsen: Zwischen 1995 und 2000 gingen die Einkommen schwarzer
Haushalte um 19 Prozent zurück, während die der Weißen im selben Zeitraum um
15 Prozent stiegen. Die Gewinner dieser Entwicklung, ob schwarz oder weiß,
wollen jedoch die Verschlechterung der Situation für die Mehrheit der
Bevölkerung sehr oft nicht wahrhaben, wie Graeme Simpson schreibt.
In einer kürzlich von der Regierung in Auftrag gegebenen Studie wird von
zwei Wirtschaften gesprochen, die nebeneinander existieren, einer
hochentwickelten, wettbewerbsfähigen und einer informellen,
marginalisierten. Die Regierung hat als ihre Herausforderung für die
nächsten Jahrzehnte anerkannt, diese Parallelwirtschaften so zu verbinden,
dass sich die materiellen Lebensbedingungen für die Mehrheit wirklich
verbessern.
Ansonsten droht eine Aufkündigung des Versöhnungskonsenses. Die hohe
Kriminalität ist schon jetzt Ausdruck einer Überlebensökonomie, die aus den
unbearbeiteten Folgen der Apartheidgewalt resultiert. Die fortdauernden
Trennungen zwischen ethnisch definierten Gruppen und sozialen Klassen, die
Entmenschlichung, die die Apartheid in den Individuen und den sozialen
Beziehungen hinterlassen hat, haben dauerhafte Spuren hinterlassen. Soziale
Gerechtigkeit muss in Versöhnungsprozessen mitgedacht werden. Für viele
junge schwarze Südafrikaner aus den Townships bedarf es großer Anstrengung,
sich angesichts fehlender Perspektiven nicht in die Gewalt zu fliehen, um
ihre Probleme zu lösen. Sie brauchen Unterstützung, wie sie zum Beispiel
Sinani, Programme for Survivors of Violence und andere
Nichtregierungsorganisationen anbieten. Und eine wache, lebendige
Zivilgesellschaft, die sich nicht scheut, auch kritisch mit der eigenen
Regierung umzugehen, um sicherzustellen, dass die Interessen der Armen Gehör
finden.
Zehn Jahre Demokratie sind eine kurze Zeit. "Die Transformation der
südafrikanischen Gesellschaft ist ein langwieriger Prozess,” sagte Zandile
Nhlengetwa, Direktorin von Sinani, und betont gleichzeitig: "Ich jedenfalls
möchte um keinen Preis dahin zurück, wo wir herkommen”.
Usche Merk
Usche Merk ist Projektkoordinatorin und langjährige
Südafrikareferentin bei medico international
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medico Projekte
Interview
Zandile
Nhlengetwa, Direktorin von SINANI/Program for Survivors of Violence über die
Herausforderungen
der letzten und nächsten zehn Jahre ...
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Rede
Michael Hausfeld, US-amerikanischer Anwalt,
über die europäischen Gewinner
der Apartheid. ...
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