Globale Soziale Rechte und der Prozess ihrer
Aneignung
Eine globalisierungskritische Konferenz im Vorfeld des G8-Gipfels von
Heiligendamm.
Von Thomas Seibert.
Zu den Chancen breiter gesellschaftlicher Mobilisierungen gehört, politische
Akteure zusammenzubringen, die sich sonst nicht unbedingt über den Weg
laufen und sich manchmal auch nicht über den Weg trauen. Obwohl das für
Kampagnen gegen "Weltwirtschaftsgipfel" oder die Treffen der G8-Staaten
schon seit den 1980er Jahren zutraf, kommt dem seit Seattle und Genua
besondere Bedeutung zu. Dort schloss sich erstmals auch sichtbar zusammen,
was seitdem globalisierungskritische Bewegung genannt wird: eine offene
politische Konstellation, die von NGOs verschiedensten Mandats, Umwelt- und
Sozialverbänden, Gewerkschaften, kirchlichen Aktionsgruppen, AktivistInnen
der Friedensbewegung und des attac-Netzwerks bis zu linken Parteien und
Gruppen reicht. Was die unterschiedlichen Subjekte dieser ja nicht
alltäglichen Konstellation zunächst voneinander trennt – und was sie zuletzt
zusammenbringen kann, war Thema einer Veranstaltung, die am 27. Februar im
Zug der Mobilisierung gegen den G8-Gipfel von Heiligendamm in Frankfurt
statt fand. Ungewöhnlich an dieser Konferenz war zunächst der Kreis der
Veranstalter, zu dem neben den entwicklungspolitischen NGOs medico
international und FIAN attac, die Friedens- und Zukunftswerkstatt, das
antirassistische Netzwerk kein mensch ist illegal und der "Fachbereich
Gesellschaftspolitik/Grundsatzfragen/Strategische Fragen" der IG Metall
gehört. Ungewöhnlich auch die Liste der Unterstützer, unter denen sich das
evangelische Hilfswerk Brot für die Welt ebenso findet wie die rosa
luxemburg stiftung.
Nicht nur ungewöhnlich, sondern vielversprechend schließlich, dass die
meisten der etwa 130 TeilnehmerInnen am Ende die Vermutung bestätigt fanden,
die sie zusammengebracht hatte: "Globale Soziale Rechte" – so der Titel der
Veranstaltung – sind nicht nur der Gegenstand ganz unterschiedlicher Kämpfe,
sondern bilden auch die "Perspektiven einer anderen Globalisierung" und
darin den Umriss – so der Eröffnungsbeitag von medico – eines "alternativen
weltgesellschaftlichen Projekts". Dies lag nun allerdings auch daran, dass
sich alle Beiträge einer vorschnellen Übereinstimmung verweigerten und sich
statt dessen konzentriert den unterschiedlichen Ausgangssituationen und
damit den Fragen zuwandten, an denen sich innere Widersprüche artikulieren
oder gar Konflikte entzünden können.
So umrissen die Beiträge von medico und FIAN den globalen Horizont des
Streits für soziale Rechte, in dem sie die Verwirklichung des Menschenrechts
auf Nahrung – Ansatz von FIAN – und des Menschenrechts auf Gesundheit –
Ansatz von medico – auch von einer strukturellen Veränderung des
Nord-Süd-Verhältnisses abhängig machten: Sollen die Ressourcen des
Überlebens – mehr als nur Nahrung - jedem und jeder bedingungslos und
einklagbar zustehen, soll der gleiche Zugang aller zu Gesundheit - mehr als
nur die Bereitstellung von Medikamenten und Ärzten - als universelles Recht
auch durchgesetzt werden, müssen die gesellschaftlichen Macht-, Herrschafts-
und Ausbeutungsverhältnisse auch und gerade im Norden verändert werden.
Wie unumgänglich derart globalisierte Solidarität ist und wie schwer sie zu
mobilisieren sein wird, umrissen dann die Vertreter der IG Metall, die von
den Schwierigkeiten berichteten, Belegschaften international operierender
Konzerne (als Beispiel diente VW) aus der Standortkonkurrenz freizusetzen,
in der das Management sie strategisch gegeneinander auszuspielen sucht.
Derselben fatalen Konkurrenz ums Überleben setzten AktivistInnen von kein
mensch ist illegal und kanak attak und Valery Alzaga von der amerikanischen
Dienstleistungsgewerkschaft SEIU Erfahrungen aus der gewerkschaftlichen
Organisierung illegalisierter migrantischer ArbeiterInnen entgegen, in denen
es nicht nur um innerbetriebliche Rechte, sondern dem voraus um das Recht
auf Legalisierung ihres Aufenthalts im Einwanderungsland geht.
Zu dem bekannte sich in der auf die Tageskonferenz folgenden
Abendveranstaltung denn auch ganz ausdrücklich der Leiter des Fachbereichs
Gesellschaftspolitik der IG Metall, Hans-Jürgen Urban: wenn auch mit dem
ebenso ernstgemeinten wie selbstironischen Verweis, "dass es dazu noch
keinen Vorstandsbeschluss" gebe. Für die Erzwingung eines solchen
Beschlusses und mehr noch für die gesellschaftliche Durchsetzung der in ihm
erhobenen Ansprüche ist die Behauptung universeller Menschenrechte als
globaler sozialer Rechte aber gerade deshalb unerlässlich, weil
Menschenrechte – so Rolf Künnemann von FIAN – von ihrer ebenso individuellen
wie universellen Aneignung gar nicht getrennt werden können: "Reden wir von
Menschenrechten, dann reden wir vom Prozess ihrer Aneignung."
Zu dessen Voraussetzungen aber gehört auch das Austragen der Widersprüche
zwischen den Subjekten, die auf gegenseitige Solidarität im Kampf um ihre
Rechte angewiesen sind. Einen solchen benannte Valery Alzaga exemplarisch,
als sie gegen die auch unter GewerkschafterInnen weit verbreitete Annahme,
nach der migrantische ArbeiterInnen "schuld am Lohndumping" seien, die
einfache Wahrheit ins Feld führte, dass nicht die Illegalisierten, sondern
Gewerkschaften für die Senkung von Löhnen verantwortlich seien, weil sie
Unternehmen, die ArbeiterInnen unter Rückgriff auf die Differenz ihres
bürgerrechtlichen Status in Konkurrenz bringen, nicht den Widerstand
entgegensetzen, der allein globale Solidarität stiften kann.
Zum Erfolg der Veranstaltung gehörte, dass mit solchen Wahrheiten nicht
moralisierende Vorwürfe erhoben, sondern gemeinsame Probleme benannt wurden
– ein Anfang, nicht mehr und nicht weniger. Fortsetzung folgt.
Erschienen in SoZ - Sozialistische Zeitung, April 2007, Seite 17
* * * * *
Gesellschaftsanalytisch und utopisch zugleich:
Frankfurter Perspektiven der Globalisierungskritik
Bericht über das Tagesseminar "Globale Soziale Rechte – Perspektiven
einer anderen Globalisierung" in Frankfurt/M. am 27. Februar 2007
Von Frank Winter, attac Basel
Vorbemerkung
Dieser Bericht ist in erster Linie für die attac-Gruppen in der Schweiz
geschrieben, weswegen ich an einigen Stellen Erläuterungen einfüge, die für
LeserInnen in Deutschland möglicherweise redundant sind. Dafür werde ich am
Ende in meinem eigenen Kommentar für die nordischen LeserInnen kurz auf
einige helvetische Spezifika eingehen. Auf dass dieser Bericht zur
transnationalen Verständigung und Inspiration der globalisierungskritischen
Bewegung beitrage! Neue Bündnispolitik
Zu dem von etwa 130 TeilnehmerInnen besuchten Frankfurter Tagesseminar im
Vorfeld des G8-Gipfels lud eine bemerkenswerte politische Koalition.
(Einladungstext und Flyer)
VeranstalterInnen: attac, medico international e.V., kein mensch ist illegal (deutschlandweites Netzwerk gegen Abschiebung und
Ausgrenzung von Flüchtlingen, insbesondere Sans-Papiers), FIAN (internationale Menschenrechtsorganisation für das Recht sich zu
ernähren), Industriegewerkschaft Metall (IGM Fachbereich
Gesellschaftspolitik/Grundsatzfragen/Strategische Planung), Friedens- und Zukunftswerkstatt (Frankfurter friedens- und
sozialpolitische Gruppe)
UnterstützerInnen: Brot für die Welt, wfd. Weltfriedensdienst e.V. (Berliner entwicklungspolitische
Organisation), rlf Hessen (Rosa-Luxemburg-Forum Hessen, regionaler Partner der
bundesweiten Rosa-Luxemburg-Stiftung, die der Linkspartei.PDS nahesteht), act:onaid international (entwicklungspolitische Organisation zur
weltweiten Armutsbekämpfung), Forum Umwelt und Entwicklung (Arbeitsplattform, zu der sich 35 deutsche
NGOs zusammengeschlossen haben), INKOTA netzwerk e.V. (ökumenisches Netzwerk entwicklungspolitischer
Basisgruppen, 1971 in der DDR gegründet), Förderverein Pro Asyl e.V. (deutsche Menschenrechtsorganisation mit ca.
13.000 Mitgliedern, die politisch für Flüchtlinge und das Asylrecht kämpft
und Flüchtlinge individuell berät und unterstützt) Einführung
Thomas Seibert (medico international)
Das Anliegen, soziale Rechte zu globalisieren, eint, so Thomas Seibert - bei
allen sonstigen Unterschiedlichkeiten - sämtliche Veranstalter und
Unterstützer des Seminars. Ziel des Tages sei, Erfahrungen auszutauschen,
Kontakte herzustellen zwischen bisher unverbundenen Themen und Akteuren und
dabei Unterschiede und Widersprüche in den Blick zu nehmen. Die Frankfurter
Veranstaltung sei mit Blick auf die Demo und den Alternativgipfel in Rostock
konzipiert worden. Insbesondere solle es bei dem Frankfurter Seminar ums
Anfangen, ums Beginnen, ums genaue Ausbuchstabieren gehen: Was sind Globale
Soziale Rechte in spezifischen Handlungsfeldern? Seibert vermutet, dass
durch die verschiedenen Einzelinteressen, die sich auf den jeweiligen
politischen Feldern artikulieren, hindurch Gemeinsames erscheine und
entstehe: ein alternatives weltgesellschaftliches Projekt. Panel I: "Fome Zero" - und mehr als nur "Null Hunger". Grundsicherung als
Globales Soziales Recht
Rolf Künnemann (FIAN international, Heidelberg)
Rolf Künnemann beschäftigt sich seit etwa zwanzig Jahren mit dem Verhältnis
von Globalen Sozialen Rechten zu Menschenrechten. Globale Soziale Rechte
seien Menschenrechte, genauer: ein Aneignungsprozess von Menschenrechten.
Seit dem 17. Jahrhundert, seit dem Beginn ihrer historischen Genese, seien
Menschenrechte immer auch soziale, kulturelle und wirtschaftliche Rechte
gewesen, nie nur bürgerlich-politische. Künnemann betonte die Unteilbarkeit
all dieser verschiedenen Dimensionen der Menschenrechte. Seit Mitte der
1990er werde diese umfassende Auffassung von Menschenrechten bei
entwicklungspolitischen Organisationen wiederentdeckt, man nenne diese neue
Ausrichtung: Menschenrechtsansatz.
Das Recht auf Nahrung sieht Künnemann als fundamentales Menschenrecht, alle
anderen Rechte fussten darauf. Dieses Recht auf Nahrung bedeute allerdings
mehr als den blossen Zugang zu Nahrungsmitteln, sondern darüber hinaus auch
den Zugang zu Ressourcen, wobei er vor allem Wasser und entlohnte Arbeit
nannte. Grundsätzlich seien Menschenrechte international – als Messlatte für
ihre tatsächliche prinzipielle Geltungskraft machte Künnemann den
individuellen Rechtsanspruch und damit die Einklagbarkeit aus.
Eine solche individuelle Einklagbarkeit müsse auch für das zu erkämpfende
Recht auf Grundeinkommen als Menschenrecht geschaffen werden. Hierfür seien
entsprechende ökonomische wie juristische Gewährleistungssysteme der
Gesellschaft zu errichten, so z.B. Mindesteinkommensprogramme. Allein mit
derartigen Programmen könne der Hunger der Welt in wenigen Jahren beseitigt
werden.
Clóvis Zimmermann (FIAN Brasilien, Universität Belo Horizonte)
Clóvis Zimmermann stellte sich bei seinem Beitrag die Frage, wie das, was
Rolf Künnemann konzeptuell-normativ entwickelt habe, praktisch umzusetzen
wäre? In Lateinamerika gebe es bislang nur wenig Verständnis für soziale
Rechte. Die jüngste Entwicklung sei aber durchaus hoffnungsvoller, wie
Zimmermann am Beispiel Brasiliens mit seinen 182 Millionen EinwohnerInnen
zeigen zu können hoffe.
Seit dem Amtsantritt der Regierung Lula im Jahr 2003 habe sich im sozialen
Bereich einiges getan. Die Lula-Regierung habe sogleich ein Programm namens
"Bolsa Família" (übersetzt: Familienstipendium) aufgelegt, das im Jahre 2006
über elf Millionen Familien erreicht habe. Anstelle durch
Wirtschaftswachstumsideologie, wie von der Vorgängerregierung, würde nun
durch Einkommenstransfer versucht, die Armut zu bekämpfen. Ein solches
Familienstipendium betrage 70 brasilianische Real (umgerechnet ca. 20 Euro)
im Monat, ein vernünftiger Warenkorb koste 150 Real/Monat, der Mindestlohn
liege bei 350 Real. Das "Bolsa Família" werde nach Bedürftigkeitsprüfung
gewährt und sei an Bedingungen geknüpft, so bestehe eine Verpflichtung zur
Teilnahme an Impfungen und ärztliche Untersuchungen sowie an Kursen im Falle
von Analphabetismus. Die Kinder müssten zur Schule geschickt werden.
Allerdings sei das Familienstipendium nicht beitragspflichtig, es gebe keine
Höchstdauer, bei Bedarf werde es das ganze Leben lang gewährt. Erstmals in
der Geschichte Brasiliens gebe es nun ein soziales Sicherheitsnetz.
Insgesamt seien im Staatshaushalt dieses Jahres 8 Milliarden Real, das
entspreche 0,3 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, für diesen Sozialtransfer
vorgesehen. Zimmermann stellte diesen Haushaltsposten in den Kontext anderer
staatlicher Ausgaben – so schlügen im laufenden Staatsetat allein die Zinsen
für die Auslandsschulden zurzeit mit 160 Milliarden Real zu Buche.
Das vorrangige Ziel des "Bolsa Família", die Ernährung der Armen zu
verbessern un den Hunger zu lindern, werde tatsächlich erreicht: die
absolute Armut sei deutlich gesunken. Nachdem die Zahl der absolut Armen
unter der vorigen neoliberalen Cardoso-Regierung über die Jahre von 1995
(33%) bis 2002 (34%) nahezu gleich hoch geblieben sei, sinke sie seit und
nicht zuletzt infolge der Einführung des Familienstipendiums kontinuierlich
auf zuletzt knapp 23% im Jahre 2005. Bei Gegenüberstellung der neu
entstandenen Jobs ergebe sich ein analoges Bild. Unter Cardoso seien es
derer im Zeitraum von 1995 bis 2002 jährlich unter 90.000 gewesen, in toto
700.000. Seit der Wahl Lulas, also seit 2003, habe es mehr als eine Million
neuer Jobs pro Jahr gegeben, insgesamt sechs Millionen, davon zwei Drittel
reguläre Beschäftigungsverhältnisse und ein Drittel informelle. Zimmermann
erklärte das nicht zuletzt mit der Belebung der lokalen Wirtschaft durch den
Einkommenstransfer - so seien viele kleine Geschäfte zur Versorgung der
Bevölkerung in Gegenden entstanden, wo vorher durch die gravierende
Quartiersarmut keine ausreichende Kaufkraft für solche Läden vorhanden
gewesen sei.
Positiv am Familienstipendium bewertete Zimmermann, dass die Autonomie der
Einzelnen und der Familien der unteren Klassen gegenüber den immer noch
mächtigen Grossgrundbesitzern, gegenüber Betrieben und wohlhabenden privaten
Haushalten gestärkt werde. Trotz eines gesetzlichen Mindestlohnes von 350
Real zahlten Grossgrundbesitzer häufig nur 90 Real pro Monat; Hausmädchen
erhielten für ihre Arbeit, die oft sieben Tage die Woche morgens von 6 bis
nachts um 24 Uhr dauere, mitunter gerade einmal 70 oder 80 Real. Das "Bolsa
Família" erleichtere es ihnen, solche Arbeitsverhältnisse aufzukündigen oder
gar nicht erst einzugehen. Kritisch, so Zimmermann, sei aber anzumerken,
dass das "Bolsa Família" an Bedingungen geknüpft sei und nicht bedingungslos
gewährt werde. Das Auswahlverfahren sei wenig transparent, es gebe keinen
Rechtsanspruch und damit keine Einklagbarkeit. Der Wert betrage gerade
einmal die Hälfte eines vernünftigen Warenkorbs. Allerdings sei politisch
ein Paradigmenwechsel auszumachen, im Jahre 2004 habe Lula ein Gesetz zum
bedingungslosen Grundeinkommen unterzeichnet. Bei diesem machte Zimmermann
das Problem aus, dass AusländerInnen mehr als fünf Jahre im Land lebten
müssten, um einen Anspruch geltend machen zu können.
Katja Maurer (medico international)
Katja Maurer sprach über Gesundheit als Globales Soziales Recht. Medico
international habe im Laufe ihrer Arbeit mit anderen vormals ebenfalls
klassischen entwicklungspolitischen Organisationen eine Alternative zu
traditioneller Hilfspolitik – Bereitstellung von Medikamenten und Ärzten –
entwickelt, weil man immer wieder festgestellt habe, dass damit nur Symptome
behandelt, aber keine Ursachen bekämpft würden. Heute sei medico zugleich
eine Hilfsorganisation und eine gesellschaftspolitisch agierende
Menschenrechtsorganisation, die dafür kämpfe, dass alle Menschen in der
ganzen Welt nachhaltig eine gute Gesundheitsversorgung erhielten. Von diesem
Ziel seien im Jahre 1978 auch die TeilnehmerInnen der internationalen
Konferenz nationaler Gesundheitsminister in Alma-Ata (heute: Almaty; damals
Hauptstadt der ehemaligen Sowjetrepublik Kasachstan) eingenommen gewesen,
die gemeinsam ein Konzept mit dem Titel "Gesundheit für alle im Jahr 2000"
verabschiedet hätten. Dieses programmatische Konzept sei dann jedoch bald
vergessen worden. Allerdings werde es seit dem Jahr 2000 wiederbelebt vom
People's Health Movement, das Gesundheit als Globales Soziales Recht
einfordere - mit Wirkungen bis in die Weltgesundheitsorganisation der
Vereinten Nationen hinein. (World Health Organization, WHO, Sitz: Genf)
Die Forderung nach Gesundheit als Globales Soziales Recht verklammere, so
Maurer, drei grundlegende Ziele: erstens das nach Partizipation der
Bevölkerung an der Definition von Gesundheitsproblemen und an der Suche nach
Lösungswegen, zweitens das nach Entmonopolisierung des medizinischen Wissens
und drittens das nach Umstrukturierung des Gesundheitswesen von der Spitze
zur Basis. Als Beispiel für den praktischen Erfolg eines solchen
Gesundheitskonzepts nannte Maurer: Bangladesh. Über Jahre habe dieses
eigentlich arme Land seine Arzneimittelproduktion in öffentlichen Fabriken
betrieben und die Preise staatlich stark reguliert - und alle BürgerInnen
hätten sich alle Arzneien problemlos leisten können. Bis die Weltbank
interveniert und die Preisregulation aufgehoben habe. Derartige Umsetzungen
des Konzepts "Gesundheit für alle" möchte medico beispielhaft weltweit
fördern, denn die privatwirtschaftlich organisierte Pharmaindustrie versage
komplett bei der Sicherstellung der Produktion lebensnotwendiger
Medikamente. Dies habe auch die Weltgesundheitsorganisation erkannt, die
sich z.T. für öffentliche Produktion und Preisregulation einsetze. Panel II: Im Spannungsfeld von Standortlogik und transnationalem Handeln
Stefan Hölzer (Vertrauensmann der IG-Metall-Vertrauensleute im Werk
Braunschweig des Automobilkonzerns Volkswagen)
Kai Burmeister (Grundsatzkommission IG Metall)
In welche Widersprüche geraten konkrete betriebliche Gewerkschaftsstrategien
heutzutage mit globalpolitischen linken Zielen? Dieses Problem fokussierten
die Beiträge von Stefan Hölzer und Kai Burmeister. Stefan Hölzer stellte die
Situation in der europäischen Automobilbranche dar, insbesondere bei
Volkswagen (VW). Das grösste Werk in Wolfsburg (Niedersachsen) habe aktuell
50.000 Beschäftigte; im Werk Braunschweig (Niedersachsen) arbeiteten zurzeit
6.500, von denen 6.400 in der IG Metall organisiert seien. Insgesamt betrage
der gewerkschaftliche Organisationsgrad bei VW über 95 Prozent. Eine
Besonderheit des Volkswagenkonzerns ist das VW-Gesetz, in dem festgelegt
ist, dass kein Aktionär mehr als 20 Prozent der Stimmrechte ausüben kann,
egal wie gross sein Kapitalanteil am Unternehmen ist. Ebenfalls ist in
diesem Gesetz den Gewerkschaften und dem Bundesland Niedersachen eine
Mitsprache bei Standortverlagerungen und Standortschliessungen eingeräumt.
Jüngst, so Hölzer, habe die IG Metall mit ihrem im VW-Gesetz abgesicherten
Einfluss die vollständige Schliessung des VW-Werks in Brüssel verhindert.
Allerdings gebe es von den ehemals 5.200 Stellen heute nur noch 2.200. Mit
den 3.000 Entlassenen seien Aufhebungsverträge geschlossen worden oder sie
seien in die Frühverrentung mit 50 gegangen. Zu dem Arbeitsplatzabbau im
Werk selber komme noch ein Folgeabbau: etwa 8.000 Arbeitsplätze seien bei
Zulieferern des Brüsseler Werks verloren gegangen und noch einmal 4.000 im
weiteren Umfeld. Den Widerspruch, durch den seine konkrete
Gewerkschaftsarbeit im Betrieb geprägt sei, umriss Hölzer wie folgt:
Autofirmen produzierten in weltweiter Konkurrenz – wenn die IG Metall die
Arbeitsplätze in den existierenden VW-Werken erhalten wolle, müsse sie froh
sein, wenn VW international konkurrenzfähig sei und viele Aufträge erhalte.
Jeder Auftrag mehr z.B. für VW Braunschweig bedeute aber, dass ein anderer
Autobauer diesen Auftrag nicht erhalte und damit die dortigen ArbeiterInnen
keine Arbeit. Zudem sei die internationale Konkurrenzfähigkeit nur durch
beständige Rationalisierungen zu erhalten. Im Werk Braunschweig habe die
Produktivitätssteigerung allein im vergangenen Jahr 15 Prozent betragen. Auf
diese Weise könnten beständig mehr Autos mit weniger ArbeiterInnen
hergestellt werden. Der absehbare umfangreiche Arbeitsplatzabbau in der
europäischen Autobranche mit ihren 10 bis 15 Millionen direkt oder indirekt
Beschäftigten könne, so Hölzer, nur durch massive und kollektive
Arbeitszeitverkürzung abgewendet werden.
Kai Burmeister wies darauf hin, dass 50 Prozent der Produktion in der
deutschen Metallbranche in den Export gehe. Die Hälfte der 3,4 Millionen
Arbeitsplätze dieses Wirtschaftssektors in Deutschland seien von diesem
Export abhängig. Für die letzten Jahre lasse sich feststellen, dass die
Gewinne aus der Produktion zusehends privatisiert und die Kosten der
Produktion zusehends sozialisiert würden (so durch Einfordern von
Subventionen der öffentlichen Hand für Betriebsgründungen oder zum Erhalt
von Arbeitsplätzen). Drohungen von Unternehmensführungen, den Standort zu
verlagern, blieben meist Drohungen, beabsichtigt und erzielt würden damit
vor allem die Senkung von Standards. Deswegen sei es wichtig, dass die
Gewerkschaften ihre Kämpfe nicht nur betrieblich führten, sondern
gesellschaftspolitisch. Sie müssten sich hierfür europäisieren und
internationalisieren, und zwar in jedem Betrieb. Schwierig dabei gestalte
sich die Ausweitung eines Internationalismus der Resolutionen auf die
praktische Solidarität.
Die Diskussion nach diesen beiden Panelbeiträgen war kontrovers. Kritisiert
wurde, dass in den Panelbeiträgen mit keinem Wort die ökologischen Probleme
der Autos - insbesondere der CO²-Ausstoss - angesprochen wurden. Werner Rätz
von attac Deutschland plädierte dafür, in der politischen Auseinandersetzung
um die industrielle Produktion die Fragen anders zu stellen. Erstens müsse
geklärt werden, was wir überhaupt produzieren möchten. Dann gehe es darum zu
überlegen, unter welchen Bedingungen wir produzieren wollten. Erst an
dritter Stelle sei dann zu klären, wer produzieren solle. Ein Vertreter von
ver.di (Vereinigte Dienstleistungsgewerkschaft, etwa 2,3 Millionen
Mitglieder) gab zu bedenken, ob Gewerkschaften nicht auch deshalb zusehends
an Boden verlören, weil von ihnen die Kopplung von Wohlstand an Lohnarbeit
nicht diskutiert und infragegestellt würde? (Die IG Metall z.B. hat heute
circa eine Million Mitglieder weniger als Anfang der 1990er.) Panel III: Globale Bewegungsfreiheit: migrationspolitische Kernforderung –
sozialpolitische Herausforderung
Kirsten Huckenbeck (Redaktion Express, Zeitung für sozialistische Betriebs-
und Gewerkschaftsarbeit)
Hagen Kopp (kein mensch ist illegal)
Valery Alzaga (SEIU, Service Employess International Union, amerikanische
Dienstleistungsgewerkschaft mit einem Frauenanteil von über 50 Prozent und
einem hohen Anteil migrantischer Beschäftigte)
Jonas Berhe (Kanak Attak, antirassistischer Zusammenschluss von Leuten über
national zugeschriebene Identitäten hinweg)
Agnes ______ (Vertreterin des Europäischen Verbandes der Wanderarbeiter,
2005 gegründet, zurzeit etwa 1.000 Mitglieder, erste europäische
Gewerkschaft mit transnationaler Direktmitgliedschaft)
Kirsten Huckenbeck betonte, dass Prekarisierung dem Kapitalismus und der
Lohnarbeit inhärent sei und deswegen immer wieder Thema und Problem sozialer
Bewegungen. So als allgemeinpolitisches Problem verstanden, rückten die
gesellschaftlichen Produktions- und Reproduktionsbedingungen in den Blick.
Derzeit sei zu fragen, ob nicht die bisherige Unterscheidung von
Normalarbeitsverhältnissen und prekären Arbeitsverhältnissen ins Rutschen
gerate? Zu beobachten sei eine Zunahme von Konkurrenz und eine Abnahme von
lohnabhängiger Interessensvertretung in allen Arbeitsbereichen. Zu fragen
sei des Weiteren, ob sich dieser Prozess durch die Öffnung von Grenzen für
Kapitel und Lohnabhängige verschärfe – wobei die Öffnung für letztere
restringierter als für das Kapital geschehe.
Gewerkschaften, so Huckenbeck, hätten sich sehr spät auf
migrationspolitisches Terrain begeben: in der Auseinandersetzung um die
Bolkestein-Richtlinie der EU. Zuvor sei ver.di bei den Verhandlungen um die
EU-Ost-Erweiterung rein national orientiert für lange Übergangszeiten bei
der Öffnung des deutschen Arbeitsmarkts für Lohnabhängige aus den neuen
Mitgliedsländern eingetreten. Huckenbeck machte die bislang avancierteste
Gewerkschaftsposition auf dem Feld der Migrationspolitik aus in der
Forderung nach gleichen Rechten und gleichem Lohn für gleiche Arbeit für
alle.
Hagen Kopp sieht die Frage von Migration als eine internationale,
transnationale Frage: die Ertrinkenden im Mittelmeer, die schwimmend oder in
kleinen Booten nach Europa zu gelangen versuchten, führten das mehr als
deutlich vor Augen. Das politische Feld sei spannungsgeladen: Verteidigung
erkämpfter heimischer Standards versus ein Migrieren gegen das weltweite
Ausbeutungsgefälle, gegen den Zustand globaler Apartheid, gegen ein immer
rigider werdendes Grenzregime. Wie sei, fragt Kopp, Kommunikation und
Überbrückung dieser unterschiedlichen Interessen und Erfahrungen möglich?
Wichtig sei, diese Widersprüche und Spannungen nicht kleinzureden, sondern
auszutragen. Als zentral stufte er die Forderung nach Bewegungsfreiheit ein,
wie sie sich in den Bleiberechtskämpfen artikuliere, die vor zehn Jahren
ihren Ausgang in Frankreich genommen und sich nun auf ganz Europa
ausgeweitet hätten.
Valery Alzaga erklärte, nicht Migrierende, sondern Gewerkschaften seien
verantwortlich für Senkungen von Löhnen und anderen bisherigen Standards.
Unternehmer hätten dadurch Lohndumping betrieben, indem sie die Differenz
des bürgerrechtlichen Status mit Papieren/ohne Papiere als Hebel genutzt
hätten. Staatliche Migrationspolitik verfolge keine komplette
Abschottungsstrategie, sondern arbeite mit porösen Grenzen. Ihre
Gewerkschaft, die in den vergangenen Jahren 260.000 Reinigungskräfte
organisiert habe, kämpfe gegen Prekarisierung, indem sie Verträge und
Absicherungen für die Lohnabhängigen erfechte, das sei ihre Art des
"Protektionismus". Indem sie MigrantInnen auf diese Weise in ihren
Zielländern hälfen, sei zudem zugleich ihren Herkunftsländern geholfen.
Vielerorts seien die Transferzahlungen der Emigrierten an ihre am
Herkunftsort gebliebenen Angehörigen das wichtigste Einkommen der
Auswanderungsländer, so auf den Philippinen und in Marokko.
Als entscheidend für den Emanzipationsprozess der MigrantInnen ohne gültige
Identitätspapiere sieht Alzaga ihre Legalisierung: diese statte sie mit
Rechten aus, und nur wer Rechte habe, könne sich effektiv organisieren und
wehren. In den USA betreffe das Problem der fehlenden us-amerikanischen
Identitätspapiere derzeit circa 7 Millionen Menschen. Allerdings mache
dieser Kampf um Legalisierung nur Sinn, wenn man ihn verbinde mit dem Kampf
um bessere Arbeits- und Organisationsrechte – und umgekehrt. Alzaga
plädierte vehement dafür, dass sich Gewerkschaften nicht allein als
Gewerkschaften sähen, sondern als Teil einer sozialen Bewegung. Nur so
hätten sie eine Chance, im neoliberalen Kapitalismus wieder Terrain zu
gewinnen.
Jonas Berhe sah die Grenzen Europas offen, es gebe keine Festung Europa, die
MigrantInnen fänden Wege auf den Kontinent. Selbst nach konservativen
Schätzungen lebten circa eine Million Sans-Papiers in Deutschland. Die
entscheidende Frage sei diejenige nach dem nicht nur finanziellen Preis, den
Migrierende für ihre Einwanderung zahlten. Berhe führte aus, dass die
Illegalisierung, der viele Migrierende unterworfen werden, keine totale sei,
die Betroffenen seien immer in bestimmter Hinsicht illegal, in anderer
nicht, was ihnen fehle, sei ein hunderprozentig legaler Status. In den Blick
gerückt hat er das politische Erfahrungswissen von MigrantInnen in
Deutschland: Sie verfügten mittlerweile über jahrzehntelange politische und
gewerkschaftliche Kampferfahrungen, so hätten sie sich z.B. in den 1970ern
aktiv und initiativ bei wilden Streiks und in den Häuserkämpfen im
Frankfurter Westend engagiert. Welche Rolle, fragte Berhe, könnten
gesellschaftliche Akteure wie Gewerkschaften in den Kämpfen der MigrantInnen
einnehmen? Nicht zuletzt hätte der Prekaritätsstatus von einer Million
Menschen, die illegalisiert sind, massive Auswirkungen auf relativ
gesicherte Lohnabhängige, auf die Gesellschaft insgesamt. Er forderte, dass
sich die traditionell organisierten nicht-migrantischen Gewerkschaftsleute
auf politische Kulturen, Alltagskulturen und Lebenswelten der MigrantInnen
einlassen.
Agnes _____ berichtete von ihren Erfahrungen als Aktivistin der Gewerkschaft
der Wanderarbeiter, in der Lohnabhängige der Sektoren Bau, Gastronomie,
Landwirtschaft und Haushalt organisiert seien. Die vier hauptamtlichen
GewerkschafterInnen suchten die temporären Unterkünfte von migrierenden Bau-
und LandwirtsschaftsarbeiterInnen auf und versuchten, sie für
gewerkschaftliche Organisierung zu gewinnen. Dabei klärten sie auch über das
Problem der Illegalisierung auf, denn oft wüssten die Leute nicht, dass sie
illegalisiert seien. In Auseinandersetzung mit Unternehmern hätten sie seit
ihrer Gründung im Herbst 2005 bereits 750.000 Euro vorenthaltene Löhne
erkämpft. Agnes _____ forderte, dass das Arbeitsrecht statuslos definiert
wird. Ausserdem müssten gegen den freien Fall der Entlohnungen Mindestlöhne
in allen Branchen durchgesetzt werden.
Abendveranstaltung: Globale Soziale Rechte – Perspektiven einer anderen
Globalisierung
Hauptreferat: Hans-Jürgen Urban (Leiter des Bereichs Gesellschaftspolitik
und Grundsatzfragen beim Vorstand der IG Metall), "Gewerkschaften und
soziale Rechte"
Das Thema "Gewerkschaften und soziale Rechte" sei, eröffnete Urban seinen
Gedankengang, ein nationalstaatliches, denn obwohl Gewerkschaften
programmatisch immer auf Internationalismus ausgerichtet gewesen seien,
hätten sie bislang politisch im Rahmen des Nationalstaats agiert. Die
wesentlichen Errungschaften ihrer in diesem Rahmen ausgefochtenen Kämpfe
seien Tarifverträge, individuelle und kollektive Rechte wie z.B. die
Sozialversicherungen sowie Rechte auf Angebote des Sozialstaats, so den
Zugang zu Bildungseinrichtungen. Dieses sei der Klassenkompromiss zwischen
Kapital und Arbeit gewesen, orientiert daran, soziale Rechte an Lohnarbeit
zu koppeln.
Seit zwei Jahrzehnten befinde sich der Wohlfahrtsstaat in der Krise. In vier
Thesen umriss Urban die seiner Meinung nach ausschlaggebenden Gründe
hierfür. Der ersten These zufolge werde das Normalarbeitsverhältnis
zusehends zurückgedrängt. Unsicherheit erfasse auch den Kern der relativ
gesicherten Arbeitnehmerschaft und die ganze Gesellschaft. Zweitens werde
der Klassenkompromiss von Kapitalseite aufgekündigt. Sozialrechte seien nur
noch soviel wert wie die Mobilisierungskraft ihrer Verteidiger. Drittens
habe sich der Staat radikal verändert, und zwar vom Sozial- zum
Wettbewerbsstaat. Ein neuer Prozess der Kapitalakkumulation vollziehe sich
durch Enteignung von sozialen Rechten und sozialen Institutionen. Dieser
gesellschaftliche Rollback geschehe auf Grundlage eines mobiler gewordenen
Kapitals. Viertens falle es den Gewerkschaften nicht leicht, diese Prozesse
zu begreifen, insbesondere die Erosion von Sicherheitsgarantien durch
Lohnarbeit. Zu lenken wäre der Blick auf die europäische Ebene, auf die
Lissabonstrategie, die darauf abziele, Europa zur wettbewerbsfähigsten
Region der Welt zu machen. Dabei würden Sozialstaat und Sozialpolitik als
Wettbewerbspolitik instrumentalisiert, indem man soziale Sicherungssysteme
umfunktionalisiere und für Kapitalmarktakteure privatisiere. Das sei kein
pures neoliberales Konzept, wogegen sich die Gewerkschaften schwer täten.
Die Antwort der IG Metall ziele auf ein neues Sozialmodell auf europäischer
Ebene, das sich vom Sozialstaat alter Prägung unterscheide. Es gehe darum,
die transnationalen Kapitalmärkte zu regulieren, Mindeststandards zu
etablieren (Unternehmenssteuern, sozialer Schutz), die sozialen
Sicherungssysteme insgesamt umzubauen und dabei eine neue Priorität für
öffentliche Güter durchzusetzen. Es habe sich deutlich die Grenze der
bisherigen Strategie gezeigt, soziale Gerechtigkeit durch
Einkommensumverteilung zu schaffen. Demgegenüber sei möglicherweise die
Bereitstellung öffentlicher Güter in den Sektoren Bildung, Gesundheit etc.
der effektivere Weg. Urban plädierte für eine neue Rolle Europas in der
Welt, er skizzierte ein Europa, das die Aussensicht auf sich einbeziehe,
seine Grenzen öffne und zum Akteur der sozialen Regulierung gegen die
Lissabonstrategie werde.
Gewerkschaften sollten in ihrem Denken und Agieren den nationalstaatlichen
Kontext überschreiten, sich an Europa als Kernidee orientieren und zugleich
den Blick darüber hinaus lenken. Nationalstaaten müssten allerdings in neue
Handlungskonzepte miteinbezogen werden, indem man deren Regierungen unter
Druck setze, denn die seien nach wie vor entscheidungsmächtige politische
Akteure. Als drängendes Kernproblem sah Urban die Wiederaneignung sozialer
Rechte gegen die massive Informalisierung von Arbeit. Ihre Reformalisierung
müsse ganz oben auf der Agenda stehen, beispielsweise gebe es in Indien
gerade einmal sieben Prozent formelle industrielle Produktion, der Reist
werde informell betrieben. Wichtig sei, alle gewerkschaftspolitischen
Einzelkonzepte in eine weitergehende Alternativperspektive zu integrieren,
gewerkschaftlich wieder als umfassende soziale Bewegung zu agieren.
In der anschliessenden Diskussion wandte sich auch Valery Alzaga gegen das
Dienstleistungsmodell von Gewerkschaft, die man wie einen Arzt oder
Rechtsanwalt konsultiere, wenn es ein Problem gebe. Der Schlamassel, den
Gewerkschaften angehen müssten, bestehe in den ArbeiterInnen, die ihre
Situation nicht verstehen, die nicht fähig sind, aktiv zu werden, sich
selbst zu organisieren, gemeinsam zu handeln, denn diese ArbeiterInnen seien
hilflos und schwach. Handlungsbereite ArbeiterInnen - "militant workers" -
hingegen wüssten, warum sie unterdrückt seien und worin die Bedingungen
ihrer Unterdrückung beständen. Sie selber habe als Gewerkschaftsaktivistin
vor allem gelernt, Probleme, gerade auch innergewerkschaftliche, nicht zu
verstecken, sondern offen anzugehen. Das verlange einen starken politischen
Willen und die Bereitschaft, sich Visionen eines Zieles zu geben,
Vorstellungen davon zu entwickeln, wohin die Reise gehen soll. Von dieser
Zukunft gelte es, zurückzudenken auf die gegenwärtige Realität, und von
dieser aus Kampf um Kampf mit dem Willen zu führen, zum eigens gesetzten
Ziel zu gelangen. In diesen Kämpfen könnten die Engagierten einander helfen.
Hans-Jürgen Urban räumte ein, dass die Gewerkschaften das Thema MigrantInnen/Illegalisierte
bislang nicht sehr weit oben auf ihrer Agenda stehen gehabt hätten.
Allerdings sei es von allergrösster Wichtigkeit, dass sie sich fragten, wie
sie zu denen ständen, die fern oder sehr fern von den regulierten
Arbeitsmärkten sich befinden, z.B. Illegalisierte. Er sprach sich aus für
eine Legalisierung des Aufenthaltsrechts aller in Deutschland Lebenden.
Allerdings sei das Problem damit noch nicht gelöst. In der Bevölkerung gebe
es Bedrohungsängste, die in sozialer Existenzangst gründeten. Dagegen helfe
nur die Rückgewinnung von sozialer Sicherheit für diejenigen, die sich
fürchteten, aus dem sozialen Netz herauszufallen oder die gerade
herausgefallen seien. Weil aber die Gewerkschaften mit dem Thema nicht
warten könnten, bis dieses Ziel erreicht sei, hätte die IG Metall das Sujet
Migrationspolitik auf die Tagesordnung eines Kongresses Ende März gesetzt.
Allerdings gebe es zur Frage der politischen Forderungen in Bezug auf die
Illegalisierten noch keinen Vorstandsbeschluss. Kommentar
Mir hat das Frankfurter Seminar ausgesprochen gut gefallen; ich denke, die
von Thomas Seibert in seinen einführenden Worten formulierten Ziele für die
Veranstaltung wurden erreicht: einen Erfahrungsaustausch und
Diskussionsprozess zwischen unterschiedlichen politischen Akteuren zu
beginnen, bislang unverbundene Themen in Beziehung zueinander zu setzen
unter der Perspektive Globaler Sozialer Rechte. Dass in Frankfurt
AkteurInnen der deutschen Nach-68er-Linken mit deutschen Gewerkschaftern und
deutsche Gewerkschafter mit Nach-68er-Linken sich austauschten und fair
diskutierten, kann meiner Ansicht nach nicht hoch genug bewertet und
geschätzt werden. Auch über vierzig Jahre nach dem Unvereinbarkeitsbeschluss
der SPD-Führung gegen Mitglieder und Sympathisanten des Sozialistischen
Deutschen Studentenbundes (SDS) im Jahre 1961 und den
Unvereinbarkeitsbeschlüssen von IG Metall und anderen Gewerkschaften Anfang
der 1970er gegen Mitglieder verschiedener Gruppierungen der Neuen Linken,
sind die politischen und kulturellen Gräben in Deutschland zwischen partei-
und DGB-gewerkschaftsorientierten Linken und Nach-68er-Linken riesig. Eine
neue Bündnispolitik, wie sie in Frankfurt erfolgreich versucht wurde, auch
in Deutschland zu verstetigen, das wäre, denke ich, eine ganz wichtige
politische Handlungsstrategie nicht nur mit Blick auf die Mobilisierungen
gegen G8 und den Rostocker Alternativgipfel. Warum nicht versuchen, mit
starkem politischen Willen die vorhandenen inhaltlichen und kulturellen
Differenzen auszutragen und produktiv voneinander zu lernen? Es ist an der
Zeit, eine neue linke politische Handlungspraxis sowie beständige kritische
philosophische Reflexion dieser Praxis zu entwickeln! Ein neues
weltgesellschaftliches Projekt auf den Weg zu bringen, das den Kapitalismus
und seine ausbeuterischen, verdinglichenden und entfremdenden Produktions-
und Reproduktionsbedingungen Geschichte werden lässt!
In der Schweiz, so mein Eindruck nach einem Jahr in diesem Land und einem
dreiviertel Jahr bei attac Basel, gibt es solch tiefe Gräben in der Linken
nicht. Die Schweiz ist in der Ausgestaltung ihrer Beziehungen zwischen
Kapital und Arbeit stark anglo-amerikanisch geprägt und hat eine deutlich
niedrigere Staatsquote als z.B. Deutschland oder Frankreich, was nicht
zuletzt bewirkt, dass die "linke Hand" des Staates – wie der 2002
verstorbene französische Soziologe Pierre Bourdieu die sozialen
Institutionen wie Arbeitslosenversicherung, öffentliches Gesundheitssystem
etc. auf den Begriff brachte – viel kleiner ist als bei seinem nördlichen
oder seinem westlichen Nachbarn. Auch hat in der Schweiz nie ein relevanter
Kündigungsschutz existiert. Linke haben hierzulande auch in den vergangenen
Jahrzehnten einen sehr schweren Stand gehabt, schwerer als die Linken seit
1968ff in Deutschland. Vielleicht bringt der grössere Druck, der auf ihnen
lastet, die schweizer Linken dazu, über ihre inneren Differenzen hinweg
kluge Bündnisse untereinander einzugehen. Ich jedenfalls habe in dieser
Hinsicht viel von schweizer attacies und GewerkschafterInnen gelernt!
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